Während der Spargelzeit war mein Mann auf dem Markt. Vor ihm kaufte eine Frau drei Stangen Spargel. Er berichtete uns beim Essen davon und wir fragten uns, warum wohl. Hatte sie wenig Appetit oder ein Magenband? Hatte sie schon neun Stangen und brauchte ein paar mehr, wobei die Gesamtspargelstangenanzahl durch drei teilbar bleiben sollte? War sie einsam? War sie eine, die beleidigte Hotelrezensionen schrieb und Informationszettel in MRT-Umkleidekabinen auf Rechtschreibfehler korrigierte? Was mit dieser Frau als Quatschgespräch begann, entwickelte sich mit weiteren Personen zu einem Familienspiel von ausschweifender Empathie. Dazu ein guter Spruch, den ich aus meiner Kindheit mitgebracht und mir sehr hinter die Ohren geschrieben habe. Er lautet: Du kannst den Leuten nur vor den Kopf gucken.
Kurz darauf wartete vor uns ein Typ in einem Cabriolet auf Grün. Ich hab ihm sofort vor den Kopf geguckt: Ein alter weißer Mann, im Kennzeichen GQ (Gentlemans Quarterly, sein Ernst?), schlimme Brille, selbstgefälliger Blick, uff, der findet sich bestimmt richtig geil – und ich ihn richtig scheiße. Dann reaktivierten wir unser Spiel und stellten uns vor, was bei ihm hinter dem Kopf sein könnte. GQ könnte ja auch für Gerda Quadflieg stehen, seine Oma, die ihm den Feminismus und Gute-Bratkartoffeln-Machen beigebracht hat. Vielleicht ist der Typ nur mit dem Auto unterwegs, um es einer Familie zu schenken, deren Wohnung abgebrannt ist. Vielleicht ist seine Frau krank und er pflegt sie und hatte nach vielen anstrengenden Tagen und Nächten endlich mal zehn Minuten für sich und da muss er ja nun wirklich kein Top stricken, nur weil ich das besser fände.
Apropos ich. Wer mir vor den Kopf guckt, hält mich meistens für eine gut gelaunte Frau, die schlagfertig das Leben am Kragen packt und alles aus ihm rauslebt, was geht. Die alles hinkriegt und immer viel schafft. Das stimmt sogar manchmal beim Reingucken. Aber es stimmt auch, dass ich schon immer eher ängstlich war. Wenn ich mir was ausgemalt habe, dann gern in dunklen Tönen, und als ich mal irgendein Buch aus dem Regal zog und mein damals Kleinkind-Sohn rief “Das hat ein schlimmes Ende”, fühlte ich mich sehr verwandt. Uns als dann mein Burnout kam, hat die Angst eine Flasche Sekt auf- und sich so richtig schön breitgemacht.
Seitdem ist es mal besser und mal schlechter, und gerade ist es schlechter. Das kann ich nur schwer schreiben, weil ich am liebsten Geschichten erzähle, wenn ich bis zu den Knien im Happy End stehe. Aber gerade ist es wackelig, ich schlafe schlecht, ich kann manchmal gar nicht essen (und nein, wegen Angst abzunehmen ist NICHT praktisch, auch wenn das wirklich mal jemand zu mir gesagt hat) und meine Gedanken, die ich eigentlich so mag, weil sie sich alles vorstellen können, können sich in diesen Phasen so viel Alles vorstellen, dass sie klingen wie eine 33er Schallplatte auf 45. Der Alltag wird anstrengender, wenn die Platte auf 45 läuft. Dann sehe ich vielleicht vorm Kopf aus wie immer, aber dahinter sind drei Stangen Spargel und ein Cabriolet.
Was ich damit sagen will: Du kannst den Leuten nur vor den Kopf gucken und wenn wir das alle häufiger mal gedanklich durchspielen, verteilen wir schon mal ganz schön viel Wohlwollen in der Welt – was sie für alle besser macht als geölte Schubladen. Und für die nächste Stufe der Wohlwollen-Rakete könnten wir versuchen, uns zu erzählen, wie es hinter unseren Köpfen aussieht, dann fühlen sich viele, z.B. ich, nicht mehr so allein.

