In meiner Hood gibt es eine Baulücke. Seit mehr als 10 Jahren klafft sie dort. Neben der Lücke steht zwar ein Haus, aber leer. Jetzt ist es so, dass wir nicht in der Gemeinde Hartmannsdorf in Thüringen wohnen, die 2022 eine Leerstandsquote von etwa 43% hatte, sondern mitten in Hamburg. Und da kann man sich schon mal fragen, was das eigentlich soll.
Genau das habe ich gemacht und bin dabei auf ein Plakat gekommen, das sich erstaunlich günstig drucken ließ und von einer mir völlig unbekannten Person 🤪 nachts an den Zaun gedengelt wurde:

Ich fand die Idee subversiv und lustig und hatte natürlich den kühnen Traum, dass die Baulücke ganz schnell ganz bunt und bällebadig aussieht. Aber bevor die ersten Bälle über den Zaun flogen, war das Plakat schon wieder weg.
Einen Tag zuvor beobachtete ich einen Typen mit Hund, der vor dem Plakat stehenblieb. Er schien aufgebracht, riss fast ein bisschen wild daran herum, versuchte, es abzureissen, das klappte nicht und er ging weiter. Das Plakat hing noch kurz und war dann wieder weg. Alles war wie vorher, aber auch nicht, und das liegt an Instagram bzw. kein Instagram.
Vor einem halben Jahr hätte ich nämlich sofort aufgebracht darüber gepostet, meine Follower*innen hätten mir eine ganz liebe Dopamin-Hühnersuppe gemacht und sich gemeinsam mit mir aufgeregt. Es wäre völlig klar, wer gut (ICH) und wer der Böse war (der Typ mit dem Hund). Aber ich habe Instagram ja gelöscht. Keine Entrüstung, keine Bestätigung – nur mein Kopf und ich. Es ist nun aber so, dass die Stimmung in meinem Kopf leider selten Bällebad ist, und mit meinen Gedanken allein zu sein fühlt sich häufig an wie im Wald zu joggen und einer Gruppe Männer zu begegnen, die schon von Weitem sowas wie “Eins, zwei, eins zwei, hähä” ruft. Für diese Neigung, in Katastrophen und Schubladen zu denken, hat mir Instagram immer den begeisterten WEITER SO-Daumen gezeigt, weil voll geil und lukrativ, wenn sich alles immer schön hochschaukelt. Ich schaukle mich lieber langsam aus und frage mich in meinem Ent-Entrüstungs-Gedankengang (hier ein Auszug) einfach immer wieder: Warum ist das Plakat weg?
- Weil der Mann mit dem Hund eine verschissene, schlechtmenschige Arschgeige ist.
- Weil die Person, die das Plakat abgerissen hat, eine verschissene Arschgeige ist.
- Weil die Person humorlos ist.
- Weil die Person einen anderen Humor hat als ich.
- Weil sie vielleicht dachte, dass das Plakat vom Eigentümer kam, einer Kita, da ist die Nähe zum Bällebad vielleicht missverständlich.
- Weil es einfach Menschen gibt, die solche Aktionen bescheuert finden und warum sollten sie nicht einfach abreissen, was ich einfach aufhänge?
Dass das klar ist: Seit ich kein Instagram mehr habe, finde ich noch immer die meisten Menschen doof und bin immer noch lieber mit denen zusammen, die das Plakat lustig finden. Aber ich kann mich häufig ruhiger in andere Leute denken (gilt niemals für Nazis und Klimaleugner) und das gefällt mir. Und ich like auch, dass mein Gedankengang nicht mehr von Ceviche-Fotos oder Videos von Leuten mit sehr weißen Zähnen unterbrochen wird, die ganz genau wissen, dass wir alle völlig falsch Situps machen.

