Ohne Tür läuft’s auch für die mittelalte Frau

Wenn mein Mann und ich zusammen laufen, dann ist das schön, aber auch schwierig. Wir haben nicht dasselbe Tempo, er ist ca. einen halben Mensch größer als ich, und weil ich versuche, im Gleichschritt mit ihm zu laufen, atme ich sonderbar und werde hektisch. Dass ich das erst heute auf unser Leben übertrage, spricht nicht gerade für meine kognitiven Fähigkeiten. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich erst letzte Woche bildlich vor mir gesehen habe, wie sich eine Tür vor mir schloss. Aber von Anfang an.

Kinder zu haben, war unsere beste Idee. Nichts macht mich so glücklich, wie wenn wir zu viert zusammen sind und nichts zwischen uns passt. Wenn ich sehen kann, wie großartig die beiden sind. Dass sie so lustig und gut sind und sich genau dafür geliebt fühlen, wer sie sind. Und wenn mein Mann sagt, dass das überwiegend mein Verdienst ist, macht es die Situation auch nicht schlimmer. Und ja, ich habe wirklich die Hauptarbeit geleistet bei den beiden. Aber gibt es dafür eine Beförderung, eine Gehaltserhöhung oder einen Aufsichtsratsposten? Gibt es gesellschaftliche Anerkennung oder eine stattliche Rente? Pfff. Das einzige, was es gibt, ist ist Hornhaut auf den Schenkeln des Patriarchats, weil es die Fragen echt witzig findet.

Ich habe also neben meinem Privatvergnügen, für neue, fitte Gesellschaftsmitglieder zu sorgen, parallel Erwerbsarbeit geleistet und obendrauf Bücher geschrieben und rezensiert. Und ich habe ganz oft zu meinen Freund*innen gesagt, dass wir uns unbedingt mal wieder treffen müssen und es manchmal sogar geschafft. Die letzten 16 Jahre waren eigentlich immer zu viel und ich war nirgendwo ganz da. Das einzige, was ich zu 100% geschafft habe, waren zwei Burnouts mit Schlafstörungen, fiesen Ängsten und das ist genauso kacke wie es sich liest. Diese vollgestopfte Phase in der Lebensmitte wird, wie ich in einem SZ-Interview mit der Psychologin Andrea M. Freund gelesen habe, auch Crunch Time genannt, die “…Haupverkehrszeit, in der alles – Kind, Karriere, Liebe, Freundschaft – gleichzeitig stattfindet und praktisch alle damit hadern.” Hadern. Burnout kriegen. Einfach immer weitermachen und so tun, als ginge das mit links. Alle machen es anders, so gut wie immer ist es scheisse.

In meiner Crunch Time habe ich mich also überwiegend für die Kinder entschieden. Meine Begründung klingt, als müsse ich als Tradwife zurück zu Instagram, aber ich habe einen Ehevertrag, eine private Altersvorsorge, einen Beruf und mag und bin einfach gut im Kümmern. Außerdem merke ich immer mehr, wie begrenzt die Zeit mit den Kindern ist, weil sie jetzt schon weniger kuscheln wollen oder am Tag häufiger ihre Zimmertür abschließen als Worte zu sprechen, dabei haben sie gerade noch inbrünstig “Herr Feuerwehrmann Sam” gesungen oder sich einen ‘Raucherdackel’ gewünscht. Alles ging und geht so rasend schnell. Beruflich übrigens auch, weshalb ich jetzt endlich zur Tür komme.

Mein Mann war im Urlaub einen Tag allein Skifahren. Ich habe ihn abgeholt und war dabei schlecht gelaunt, weil ich mich verfahren hatte. Er frotzelte sowas wie: “Na, schlechte Laune, weil ich einen guten Tag hatte?”, und ich dachte: “Geht’s? Ich sorge schon seit 16 Jahren dafür, dass IHR gute Tage haben könnt, du blöder Sack.” Das stimmt natürlich nicht so und klingt falsch, weil wir uns die Familienaufgaben gerecht und gemeinschaftlich teilen, aber weil ich eben mehr fürs Kümmern zuständig bin, stimmt es irgendwie auch doch. Ich hab immer zuerst die Kinder im Kopf, denke über sie nach und für sie voraus. Weil ich das Familienbackup im Krankheits- und Ferienfall bin, kann mein Mann so frei arbeiten. Dafür habe ich Anfragen abgelehnt, Kontakte einschlafen lassen, Verabredungen abgesagt und vieles andere auch nicht gemacht. Das war all die Jahre eine Entscheidung, aber als mein Mann diesen Satz sagte, fühlte es sich plötzlich an wie eine Konsequenz. Ich werde dieses Jahr 50, aus “Das mache ich einfach, wenn die Kinder größer sind” ist “Zu spät, du bist alt und hast die letzten Jahre einfach zu wenig gerissen!” geworden, und dass die Hormone mich inzwischen herumschubsen wie ein Schulhofbully, hilft mir auch nicht. Vor meinem inneren Auge schloss sich die Tür der ewigen Jugend und der unbegrenzten Möglichkeiten langsam vor meiner Nase. Kein schönes Gefühl.

Auch nicht schön: Selbst ohne Tür wüsste ich gerade gar nicht, was ich wollen könnte, vor lauter Crunch Time habe ich ich mich und meine Wünsche nämlich ganz vergessen. Heute beim Laufen ist mir bildlich bzw. sportlich klargeworden, dass ich seit 16 Jahren versuche, gleichzeitig mit allen zu laufen, ob sie nun schneller oder größer sind, hüpfen oder im Zickzack rennen oder mir Knüppel zwischen die Beine werfen. Ich war immer bemüht, mich anzupassen, Schritt zu halten, und habe nicht gemerkt, dass mir mein Atem, mein Rhythmus und mein Vertrauen verloren gegangen sind. 

Und jetzt? Ist für ein Ende eines Textes nicht so toll, aber ich weiß es gerade auch nicht. Ich weiss, dass ich meine Entscheidung nicht bereue und dass sie sie sich wie eine Konsequenz anfühlt ist genauso konstruiert wie die o.g. Tür:

Zeit + Patriarchat + Stigma = für Frauen meistens Minus. Und weil sich gesellschaftspolitisch an dieser zermürbenden Gleichzeitigkeit der Lebensmitte nichts ändern wird, wünsche ich an dieser Stelle zuallererst uns uns (meistens) Frauen privat, dass wir uns im diesem Chaos nicht vergessen. Dass wir uns ehrlich erzählen, wie es uns geht – und dass wir uns viel weniger gefallen lassen.

Ich werde erstmal versuchen, der Tür und Sätzen wie “Warum hast du denn nicht…?”, “Dafür ist es zu spät” und “Uff, du wirst jetzt nicht nur gesiezt, sondern auch noch Dame genannt” keine Beachtung mehr zu schenken, sondern in die Hände zu klatschen und freier loszulaufen. Und wenn ich meinen Rhythmus und mein Vertrauen zurückhabe, weiss ich hoffentlich auch wieder, wohin.

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