Warum ich in den letzten Tagen geweint habe (Auszug):
Als ich meinem Mann ein paar Stellen aus dem oben empfohlenen Buch erzählt habe.
Als ich mit meinem Mann und meiner Tochter The Summer I Turned Pretty geguckt habe (wirklich keine Empfehlung, sondern nur der Beweis, dass ich bei jedem Scheiss heule)
Als ich meinem Mann von der Verkäuferin beim Bäcker berichtete, die mir einen Croissant überlassen hat, das sie eigentlich selbst mit nach Hause nehmen wollte.
Aufmerksam Lesende werden jetzt sagen: EINDEUTIG IST DEIN MANN SCHULD, SCHLIESSLICH WAR ER ALS EINZIGER IN ALLEN SITUATIONEN DABEI. Aber er bringt mich nicht zum Heulen, er versucht eher, mich davon abzuhalten. Er ruft: Hör doch mal auf, so superempathisch zu sein!, und ja, das würde ich manchmal sehr gern, zum Beispiel, wenn ich bei schlechten Serien weinen muss oder auf der Straße zwei mir völlig fremde Menschen sehe, und der eine schenkt dem anderen etwas, woraufhin ich (!) zum Dank nicke und lächle.
“Und Sie können dabei gar nicht entscheiden, ob Sie nett sein wollen! Sie sind es einfach immer.” haute mir vor ein paar Wochen meine Gesprächspartnerin um die Ohren. Sie hat bei mir eindeutig einen Punkt, wie wohl bei vielen Frauen in meinem Alter. Wir wurden seit unserer Geburt angehalten, nicht zu stören, unkompliziert und lieb zu sein. Auch ich habe das schmerzhaft schwer verinnerlicht. Immer lächeln, nichts ist ein Problem, alles ist machbar, klar, super, gern. Hauptsache, alle haben erstmal ein gutes Gefühl. Außer mir.
Die Frau schlug mir vor, ich solle üben zu enttäuschen. Ich könne doch beim Bäcker was bestellen, und wenn die Tüte schon auf dem Tresen liegt, sagen, dass ich doch was anderes will. Ich dachte an die obige schöne Bäckereisituation und mir wurde heiß und kalt. Ja, ich will und sollte mehr enttäuschen. Um zu merken, dass ich auch dann noch geliebt werde, wenn ich Nein sage. Um zu zeigen, dass eben doch mal was ein Problem ist und nicht klar, nix da mit super und am Arsch mit gern. Aber ich “übe” doch nicht an Menschen, weil ich sie nicht kenne oder die freundlich zu mir sein sollten, weil sie mir z.B. Croissants verkaufen. Das finde ich erstens arschig und zweitens brächte ich mich damit um viele Situationen, die mich fröhlich machen. Wie die beim Bäcker. Als die Verkäuferin mir das für sich reservierte Croissant überlassen hat, dankte ich ihr, sie sagte wissend “Alles für die Kinder”, wir blickten uns an und für einen Moment fühlten wir beide das Band der wissenden Mütter zwischen uns, mit allem, was dazu gehört. Schön war das.
Ich enttäusche also nicht zum Selbstzweck (da kann ich auch in die CDU eintreten), aber nehme ich mir vor, aus den richtigen Gründen ab jetzt nicht mehr so herrlich unkompliziert zu sein. Weil ich auch mir ein gutes Gefühl geben will. Und als erstes enttäusche ich dadurch, dass ich nicht aufhöre, so empathisch zu sein.

