Gelesen: Shmutz

In New York lebt eine chassidische Familie, schwer orthodoxe Jüd*innen, deren Tochter Raizl aufs College gehen (Ausnahme!) und einen Laptop (SUPERAUSNAHME!) haben darf. Was sie aber eigentlich soll ist heiraten. Weil sie das aber auf keinen Fall will, schickt die Mutter sie zu einer Therapeutin. Und der erzählt Raizl, dass sie nächtelang unter ihrer Decke Pornos guckt. WHAT? habe ich auch gedacht, aber gleich danach dachte ich unter anderem auch SÜÜÜÜSSS!!!, weshalb du jetzt bestimmt WHAT? denkst, aber Raizl findet für die Sexbegriffe jiddische Wörter findet und dann liest sich klischierteste Ficksituation wie ein Federballturnier der Bärchenbande. Darüber hinaus gesellt sich Raizl auf dem College zu eher unangepassten Gestalten, die sie nehmen, wie sie ist und sie gleichzeitig ermuntern, sich, äh, mal ein bisschen locker zu machen. Kurz: Raizls Wunsch nach Freiheit vs. Sicherheit in der Familie ist ein Konflikt, der aus diesem Buch eine unterhaltsame, schräge und liebevolle Reise macht.

Shmutz von Felicia Berliner. Übersetzt von Hanna Hesse. Gebundene Ausgabe erschienen im Atlantik Verlag. 24 EuroWäre ich jedes Mal hingefallen, als dieses Buch zum Niederknien war, bräuchte ich für jede Seite mindestens einen Flicken. Und dieser Pulitzer-Preis-Gewinner hat über 800. Es geht um den zu Beginn zehnjährigen Damon, für den am Ende des Regenbogens kein Topf mit Gold steht, sondern das personifizierte Schicksal, das Stöcke nach ihm wirft. Seine suchtkranke Mutter heiratet einen gewalttätigen Vollarsch, verliert das Sorgerecht, Demon landet in Pflegefamilien, die ihn als Arbeitskraft missbrauchen und abartig schlecht behandeln. Kurz macht das Schicksal eine Stockwerfpause, als seine Großmutter auftaucht und ihn bei einem Highschool-Footballtrainer unterbringt, aber dann fliegt auch schon der nächste Knüppel. Demons Leben in der amerikanischen Provinz ist geprägt von Elend, Armut, Knochenjobs, Vorurteile, Drogen. Es ist so hart.

Ich habe lange bei einem Buch nicht mehr so geweint, gelacht, mitgelitten und den ganzen Tag kaum etwas anderes hoffen können, als dass Demon die Kurve kriegt. Die Handlung ist über die alle Seiten durchgehend spannend, durchgehend grandios konzipiert – und die Sprache ist zum Ausrasten toll. Sie wächst mit Demons Alter, steckt voller Sätze, die wahr und am Ende zum Heulen überraschend gut sind. Und bei allem Niederknien war ich dankbar, dass die Übersetzung von Dirk van Gunsteren so großartig ist, dass sie an dieser Stelle Standing Ovations verdient hat.

Demon Copperhead ist kein Buch für am Meer oder so, es ist harter Tobak, und wer es gelesen hat, entdeckt an dieser Stelle gleich zwei Referenzen. Wer es noch nicht gelesen hat, sollte es bitte schleunigst tun. David Copperfield von Dickens zu kennen, der die Blaupause für dieses Meisterwerk war, kann helfen, weil man den Ausgang der Geschichte ahnen kann, aber es macht auch nichts, wenn man wie ich bei David Copperfield zuerst an diesen speckigen Zaubererexfreund von Claudia Schiffer denkt. Dieses Buch ist so oder so ein unfassbares Meisterinnenwerk!

Demon Copperhead von Barbara Kingsolver. Übersetzt von Dirk van Gunsteren. Erschienen bei dtv. 26 Euro

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