My Personal Earth Day ist spätestens Donnerstag

Wir befinden uns in einer Action-Filiale in Neumünster. Dass das kein Concept Store in Hamburg-Eppendorf ist, zeigt sich auf vielfältige Weise. Die Regale sind zerwühlter und vollgestopfter, die Artikel kosten weniger und die meisten Leute schlendern nicht mit einem Cappuccino für 5€ und einem Lächeln durch den Laden, sondern rempeln sich mit versteinerter Miene durch. Der Ton, auch untereinander, ist eher rau und die Stimmung aufgeladen. Meine Tochter raunt mir zu, dass sie bitte sofort raus möchte. Ich kann sie verstehen. Was ist denn bitte mit den Leuten los?

Ich glaube, die Leute sind einfach völlig im Arsch. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie richtig anstrengende Jobs haben, für die sie schlecht bezahlt und in denen sie, wie im restlichen Leben vielleicht auch, schlecht behandelt werden. Sie rackern sich einfach nur ab und rempeln sich durch. Es wirkt auf mich, als könnten sie nicht auch noch Energie für Empathie aufbringen, und ich kann das verstehen. Das versuche ich meiner Tochter so wenig stereotyp, aber dafür so solidarisch wie möglich zu erklären. Ich erzähle ihr vom Bäcker in unserer Strasse, der ganz furchtbar müde aussieht, weil er ständig arbeitet und mir gerade noch erzählt hat, dass er drei Kindern und am Monatsende kein Geld hat, das er zurücklegen kann.

An den Bäcker und die Menschen bei Action denke ich jede Woche, sobald ich total im Arsch bin. Und, ja, wie privilegiert kann man sein? Ich so: Hold my Stanley Cup. Mein Bezahljob ist toll und flexibel, aber den mache ich auch, um mir das Büchermachen zu finanzieren, was mehr zermürbt als glücklich macht, trotzdem kann ich nicht aufhören, dann denke ich mir noch andere Sachen aus wie diesen Newsletter oder Bällebad-Schilder, meistens ohne zu merken, dass meine Energie bisschen leer geht – und dann haben die Kinder ja auch noch Leben, die organisiert werden und Launen, die ausgehalten werden wollen. Plus halt der normale Alltag mit Einkaufen, Kochen, Wäsche und so.

Montags bin ich meist total motiviert. Ich klatsche in die Hände, kümmere mich und liebe die Häkchen meiner langen To-do-Liste. Ich koche liebevoll, räume nachsichtig auf, lerne ein beliebiges Schulfach (erst allein und dann mit dem Kind), denke mir beruflich und privat Strategien aus und so weiter, nur noch viel mehr. Und dann fühlen sich die Dinge, die ich am Wochenanfang machen WILL, immer mehr an wie zu viele Dinge, die ich machen MUSS. Diese schleichende Prozess führt dazu, dass ich bereits Dienstag eher praktisch koche, Mittwochs fast ein bisschen gleichgültig – und ab Donnerstag würde ich am liebsten bestellen.

Es gibt ja den Earth Day, den Tag, an dem wir die natürlichen Ressourcen der Erde verbraucht haben (dieses Jahr war er am 22. April, aber zum Glück ist Umweltpolitik ja wieder Privatvergnügen der Grünen). Wenn ich den Earth Day auf meine menschlichen Ressourcen übertrage, dann ist mein Earth Day jede Woche also spätestens Donnerstag. Dann kann ich eigentlich nicht mehr. Dann will ich weniger und muss mehr. Dann bin ich gestresst, reagiere gereizt, und will in Ruhe gelassen werden. Dann streite ich mich viel wahrscheinlicher mit meinem Mann, weil wir beide so viel müssen, und es reicht anscheinend immer noch nicht und dann finden wir blöd, dass der andere/die andere nicht sieht, was wir alles gemacht haben, weil es viel war und anstrengend, verdammt. Spätestens Donnerstags kostet es mich Kraft, mich nicht durchzurempeln, und dabei bin ich eine Frau, der die Privilegien zu den Ohren rauskommen.

Da stellt sich mir mit hängenden Schultern die Frage, wann wohl ca. der persönliche Earth Day der Menschen aus der Action-Filiale ist. Verdammt, so viele sind kaputt und erschöpft, rackern sich ab und haben noch nie gehört, dass es genug ist, dass es reicht. Aber das tut es. Ich will nicht die, denen es schlechter geht, mit liberalem Selbst-Schuld-Blick als Antibeispiel nehmen und die, denen es besser geht, als Motivation, noch krasser zu performen. Spätkapitalismus ist scheiße! Ich weiß, es ist komplizierter, aber wo ich schon die Keule schwinge, gleich noch drei große Fragen hinterher: Warum sind wenige so ekelhaft superreich? Warum leben viele Menschen in diesem Land unter der Armutsgrenze? Warum machen wir das mit?

Die Soziologin Eva Illouz sagt “Was mich als Europäerin beunruhigt, ist, dass das Modell der Solidarität, das wir durch den Wohlfahrtsstaat aufgebaut haben, vielleicht zu Ende geht oder zumindest eine schwere Krise durchläuft.”

Ich bin auch beunruhigt. In dieser Welt kochen wir meistens müde unser eigenes Süppchen (oder bestellen es ab Donnerstag, wenn sie das Geld haben) und fangen irgendwann völlig fertig das Rempeln an, dabei sollten wir uns einhaken, uns gegenseitig unterstützen, wohlwollend miteinander sein und gemeinsam fragen, was der Scheiss soll.

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