What you see is weniger, als in echt passiert ist.

Letzte Woche sind wir das erste Mal mit dem Zug in den Urlaub gefahren. Und zwar zum zweiten Mal nach Maria Alm. Das ist ein kleines Dörfchen in meinem Mit-Lieblingsland Österreich. Immer, wenn ich nach Österreich komme, überreicht es mir im übertragenen Sinne ein Paket frische Luft, Entspannung und gute Laune. Leider hatte ich noch ein anderes Päckchen dabei, und es war ein kleiner Wurm drin.

 

Was Sie sehen: Den Blick von unserem Balkon. Was Sie fast sehen können: Die klare, herrliche Bergluft. Was Sie nicht sehen: Wolken. Und meine elende Diskussionen mit dem Mann darüber, wer jetzt mal was allein machen kann und wer sich mehr Zeit für sich rausnimmt, ohne es abzusprechen. Wir haben uns viel angemault, weil wir eigentlich vor dem Familienurlaub jede/r noch einen Tag für uns gebraucht hätten, um zu merken, dass gar nicht alle (Kinder, Partner) immer was von uns wollen, sondern dass sie uns viel mehr ganz schön viel geben.

Was Sie sehen: Den Wanderweg zur Jufenalm, meinem Happy Place. Dort ist es ruhig und wunderbar, und im Winter kann man den Berg wieder runterrodeln. Was Sie nicht sehen: Meine Erleichterung, endlich ganz, ganz allein zu sein, mit niemandem reden und für niemanden irgendwas auf oder zumachen zu müssen. Wenn es nicht so rutschig gewesen wäre, wäre ich den ganzen Weg gehüpft. Was Sie ebenfalls nicht sehen: Weitere Fotos von Wandertouren meinerseits, weil es dazu nicht gekommen ist. Dafür habe ich allerdings schlechte Laune bekommen.

 

Was Sie sehen: Zwei total zauberhafte Kinder, die ein spontanes, rührendes Picknick machen und total eins mit sich und der Natur sind. Was Sie nicht sehen: Die Zeit, die Nerven, die Wut und die Tränen, die es gekostet hat, damit diese zwei Kinder den Weg nach Draußen wagen und sogar ein paar Schritte zu Fuss gehen. Das hat mindestens doppelt so lange gedauert wie dieser wirklich schöne Ausflug inklusive Damm bauen, Steine stapeln und ziemlich nass werden. Was Sie fast hören können: Wie ich rufe: WARUM KÖNNT IHR NICHT EINFACH MITKOMMEN, WENN ICH EUCH SAGE, DASS ES COOL WIRD, DANN STIMMT DAS AUCH! VERDAMMT!

Was Sie sehen: Ein kleines Mädchen, das darauf wartet, in ihrem für Sie ca. 8 Minuten dauernden Skikurs den Hügel runter zu fahren. (von vorn sah es übrigens noch viel entzückender aus). Was Sie nicht sehen: Die Beschwerden darüber, dass es keinen pinken Helm gab (Den Leuchtstern zur Kompensation finden Sie auf dem Helm links), die parallel stattfindende Diskussion mit dem Großen, ob er nun in den Skikurs geht oder nicht, weil er, wenn er Ski fährt, uns ja gar nicht damit in den Ohren liegen kann, dass ihm langweilig ist. Übrigens: das Skifahren hat am Ende total gebockt hat, was WIR  JA GLEICH GESAGT HABEN. Was Sie ebenfalls nicht sehen: Die weinenden Kinder, die sehr klein und sehr unglücklich da standen, während ihre Eltern wo anders Ski fuhren, was wir ja eigentlich auch wollten, aber nicht gemacht haben, weil wir unsere Kinder nicht zum Skifahren zwingen und allein lassen wollen. Das war zwar schlecht (wir hatten kaum Zeit für uns), aber mehr gut (Kinder haben nicht geweint (zumindest nicht deshalb)).

Was Sie sehen: Kinder malen harmonisch vor einer Hammerkulisse das Fenster an. Ca. 2 Minuten Malzeit. Was Sie nicht sehen, was dafür aber die Kinder gesehen haben: Die ersten drei Teile von Bibi und Tina. Kevin allein in New York. Lego Friends. Zoes Zauberschrank. Und sehr viel mehr.

Was Sie sehen: Eine romantische Kutschfahrt durch Hinterthal. Was Sie nicht sehen: Meine Trauer, als ich mir vorstellte, der Kutscher wäre der Opa vom Großen und führe mit ihm schweigend durch die Gegend und lehrt ihm viele Dinge, die wir ihm nicht beibringen können. Weil sich der Große von uns so wenig sagen und zeigen lässt, was ich traurig und schwierig hinzunehmen finde. Dieses Kind ist eine wirkliche Selbstaufgabe (im Sinne von Schule): Je weniger Regeln er bekommt, desto besser läuft es. Allerdings braucht er irgendwie auch einen Rahmen, weil er sonst ausflippt. Was Sie jetzt hoffentlich sehen und verstehen: Unsere Beziehung ist kompliziert und lehrreicher als ein österreichischer Großvater. Ebenfalls nicht im Bild, aber großzügig vorhanden: Unserer aller Freude über diese schöne Tour mit Stella und Fanny und Schnaps und Gummibärchen, zu der alle mitgekommen sind, ohne sich vorher zu weigern.

Was Sie sehen: Die von den Kinder ausgelöffelte Teigschüssel vom Muffinbacken. Was Sie niemals sehen werden: Einen Teller in ähnlicher Verschlungenheit, wenn es Linsenbolo oder Gemüsepfanne gibt.

Was Sie sehen: Die “Geschenke” von der Zahnfee, weil der Große endlich seinen Dauerwackelzahn verloren hat. Eine Flasche Cola, ein Schokoei und ein lustiges Taschenbuch? Alter, die Mutter muss ja so ambitioniert sein wie eine 14-jährige auf dem Schulwandertag im Weserbergland. Schlimm. Was Sie nicht sehen: Die Gedanken, die ich mir gemacht habe, weil es verdammt schwer ist, dem Großen eine Freude zu machen. Sachgeschenke bedeuten ihm nicht so viel, im Gegensatz zu allem, was ihm und der Welt zeigt, dass er groß ist. Und nach dem ich in den einzigen zwei Läden im Dorf zwischen Murmeltiersalbe und CDs mit schlüpfrigen Skiliedern nichts gefunden habe, habe ich das hier im Supermarkt gekauft und mich dabei gefühlt wie das oben erwähnte Mädchen auf dem Schulwandertag. Aber: Diese Geschenke waren perfekt für ihn, weil Cola (ERWACHSENENCOLA!!!) und Schokolade, sogar zum Löffeln und ein Buch, das glitzert. Andächtig sass er davor und war sich sicher, dass es die Zahnfee unbedingt doch gibt, weil seine uncoole Mutter niemals auf so eine Idee gekommen wäre.

 

Was Sie sehen: Eine Weiterführung meiner stickerischen Ambitionen. Was Sie nicht sehen: Die Inspiration, die diesem Bild vorausging und folgte. Die Kinder scheinen eine neue gemeinsame Stufe erreicht zu haben, die sehr oft und sehr laut den Wechselgesang dieser zwei Worte beinhaltete.

Was Sie sehen: Den Fernseher im Hüttendorf in Maria Alm(dort ist es sehr nett, auch und besonders die Leute), der das Spiel vom FC St. Pauli gegen Hannover 96 gezeigt hat. Was Sie nicht sehen: Den Großen, der die anderen erwachsenen Besucher in Grund und Boden geredet hat, und zwar die meiste Zeit so arschcool, dass die ein paar Mal gefragt haben, ob der wirklich acht ist. Was Sie auch nicht sehen: Mich, wie ich da sitze und ihn anstarre und stolz und traurig zugleich bin, weil er so selbstverständlich bei ihnen sitzt und autark Gespräche führt, Witze macht, mutig und schlagfertig ist. Und wie ich mich blöd dafür finde, dass ich viel zu viel darüber nachdenke, ob er jetzt eventuell zu viel redet und “stört”, sondern mehr sehen sollte, was für ein arschcooler Typ er ist.

 

Was Sie sehen: Die Kleine im Zug auf dem Weg nach Hause. Sie guckt den dritten Teil von Bibi und Tina, nachdem sie vorher ca. 3 Stunden die Tierarzt-App von Fox&Sheep gespielt hat. Was Sie nicht sehen: Tränen, Wut oder irgendetwas, mit dem ich auf diesen 10 Stunden fest gerechnet hatte. Denn noch kurz vor der Abfahrt haben wir uns doll gestritten. Aber am Arsch die Räuber! Wir hatten das große Glück, dass der Wurm anscheinend im Urlaub geblieben ist. So gab es auf der Rückfahrt es nur viel Guckerei, sehr viel UNO-Spielen, Pfannkuchen, Brötchen, Lesen (ich habe gelesen!!), Stickerei (ich habe gestickt!!), Kuschelei, Lachkrämpfe und eine fröhliche, entspannte Familie. Geht doch!

 

  11 Replies to “What you see is weniger, als in echt passiert ist.”

  1. Peggy
    20.3.2017 at 15:19

    Dein Blog ist toll!!

  2. 20.3.2017 at 15:40

    Ich liebe deine Artikel. Ich liebe dein Buch, und ich werde auch das zweite lieben.
    Danke, Rike. Dafür, dass du ohne Chichi und Schnickschnack aufschreibst, wie es halt so ist. Mit den Kindern, im Urlaub wie im Alltag.
    Sehr schlucken mußte ich über deine Grübelstelle, ob der Große da jetzt zuviel redet und irgendwie “stört”. Den Hut hab ich bei der großen Liese auch oft auf, weil sie so neunmalschlau ist, und oft nicht richtig lustig dabei. Aber deine Sichtweise gefällt mir besser. Ich werd auch mehr darauf achten, wie cool sie eigentlich ist, so für noch nichtmal acht.

    Hab einen guten Start zurück im Alltag.

  3. rike
    20.3.2017 at 16:59

    Aber dein Kommentar ist auch nicht schlecht. 🙂
    Danke dir!

  4. rike
    20.3.2017 at 17:01

    Ach, du! Danke für deine netten Worte. Neunmalschlau und nicht richtig lustig kenne ich auch, gepaart mit eben sehr vielen Worten. SEHR vielen.
    Ich hoffe übrigens sehr, dass du das zweite Buch auch liebst, denn du hast eine kurze Gastrolle.

    <3

  5. 21.3.2017 at 17:27

    Super Sache, das mit dem Sehen/Nicht-Sehen.

    Ich werde ab sofort mein manchmal distanzloses, vorlautetes und ständig fremde Leute was fragendes dreijähriges Kind nur noch ARSCHCOOL finden.

  6. rike
    21.3.2017 at 17:44

    wow, wenn du das immer schaffst, dann musst du mir unbedingt verraten, wie das geht. 🙂
    aber ich bin mir sicher, dass dein kind arschcool IST.

    liebste grüße!

  7. Christine
    21.3.2017 at 18:30

    Toller Artikel. Genauso ist es. Habe zwar “nur” 2 Kinder, die aber ähnlich wunderbar und anstrengend sind und waren. Inzwischen fahren sie übrigens begeistert und freiwillig Ski, gehen aber immer noch nicht gerne einfach nur spazieren. Einiges wird also besser, man muss nur Geduld haben 🙂
    Besonders lachen musste ich über den Ausdruck “am Arsch die Räuber”. Das sagt mein Mann dauernd, bisher dachte ich immer, das kennt sonst kein Mensch.

  8. rike
    21.3.2017 at 20:20

    ich habe übrigens eben nochmal nachgezählt, und ich habe auch nur zwei kinder. das mit der geduld werde ich mir hinter die ohren schreiben. und bis die kinder ski fahren oder wandern, rufe ich einfach in regelmäßigen abständen: AM ARSCH DIE RÄUBER 🙂
    liebe grüße!

  9. Nora
    26.3.2017 at 20:50

    Irgendwie lustig, irgendwie traurig und irgendwie auch langweilig, dieses Familienleben.

  10. Constanze
    27.3.2017 at 14:00

    Danke! Du hast mir gestern Abend noch den Tag gerettet, der echt Murks war. Ich gerate wider besseren Wissens oft in die Perfektionsfalle und denke, alle anderen kriegen es hin, nur ich nicht. Und ich mach mir auch Gedanken über meinen Großen, obwohl er arschcool ist (das merke ich mir für den nächsten Anflug). Dein Post hat mich richtig entspannt und jetzt genieß ich den Tag.

  11. rike
    27.3.2017 at 14:32

    Juhuuuu! Dann mach schnell das Internet aus und genieße die Sonne. Ich freu mich, dass ich zur Entspannung beitragen konnte und wünsche dir alles Liebe.

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