Weihnachten mit Glanz ohne Gloria!

Gestern war ich mit meiner Tochter einkaufen. Während sie den Wagen durch die Gänge schob, passierten zwei Dinge, die mir sehr gefielen.

  1. Sie rief mich aufgeregt zu sich. Als ich um die Ecke bog, wirbelte sie den kleinen Einkaufswagen herum und rief: “Mama, guck, mein Einkaufswagen kann TANZEN”.
  2. Sie beschwerte sich laut, dass sie nicht ihren Bruder heiraten darf.

Zu 2: Auch wenn sie manchmal ihre beste Freundin oder mich als Ehepartnerin auswählt, eigentlich will sie immer nur ihren großen Bruder heiraten. Jetzt mal abgesehen davon, dass sie ihn auch anhimmeln würde, wenn er den ganzen Tag Furzwitze macht und sie herumkommandiert (äh?), lautet ihre Begründung:

“WAS IST DENN, WENN IHR GESTORBEN SEID? DANN WERDEN WIR DOCH DIE ELTERN.”

Wir wackeln also durch Budni, überlegen, was wir zum Abendbrot essen und ob wir einen Schokoweihnachtsmann mit Kopfhörern brauchen und unterhalten uns darüber, was ist, wenn der Mann und ich tot sind. Wann das ist und was dann passiert. Ich sage, dass ich hoffe, dass wir erst sterben, wenn die Kinder groß sind und dass sie ihren großen Bruder auch ohne Hochzeit immer bei sich haben kann. Dann sucht sie sich eine Tüte mit Schaumzuckerhasen aus, ruft begeistert: “DIE hatten wir lange nicht mehr” und wir stellen uns an der Kasse an.

In dieser Geschichte sind bis jetzt weder Tränen noch Gott vorgekommen. Mit unserer Lebenseinstellung fahren wir eigentlich immer gut, außer an Weihnachten. Ich mag das Fest, weil wir zusammen sind und sich alle freuen und viele Kerzen brennen und wir so viel Zeit miteinander haben. Wir gehen nicht in die Kirche oder so. Ich will allerdings auch als Atheistin nicht, dass meine Kinder denken, der Weihnachtsmann springt auf der Durchreise kurz von seinem Coca Cola Truck und lässt einen Haufen Geschenke da, bevor er nach Texas zum Steak-Wettessen fliegt. Sie sollen wissen, was da eigentlich gefeiert wird, nur eben nicht so salbungsvoll und religiös. Und jetzt weiss ich auch, wie ich ihnen das erkläre. Nämlich mit diesem Buch.

Lagercrantz, Rose: Das Weihnachtskind. Aus d. Schwed. v. Angelika Kutsch, Illustr. v. Jutta Bauer. Verlag: Moritz , 2. Aufl. (2016). Altersempfehlung: ab 6 J. 13,95 €

 

Das Buch erzählt aus neutraler Perspektive in einer für mich herrlich schlichten Sprache die Hard Facts des Weihnachtsfestes. Und die fängt so an:

Es wird erzählt, warum Maria und Josef nach Bethlehem mussten, wo sie Unterschlupf finden und was passiert, als Maria und Josef ihr Baby bekommen. Also zuerst schreit es und Maria gibt ihm die Brust. Dann wird es genau so übersinnlich, dass es sich für mich nicht nach Bekehrung anhört.

Festlich, aber nicht religiös dick aufgetragen, das ist Weihnachten nach meinem Geschmack.

Die Geschichte beschränkt sich aber nicht auf die Geburt, Sterne und Heilige Drei Könige. Sie berichtet auch vom machtbesessenen Herodes, der dieses Gesabbel vom Messias so irre macht, so irre, dass er alle männlichen Babys töten liess (was im Buch auch zu sehen ist, ich aber bis jetzt immer überblättert habe).

Herodes hat die Kleine irgendwie beeindruckt. Als wir unsere Miffy-Krippe aufbauten merkten, dass einer der heiligen drei Könige fehlte, rief meine Tochter aus dem Nichts: HERODES! WIR HABEN HERODES VERGESSEN! Wegen des Bildes der toten Kinder liess ich mich, wieder mal ganz unchristlich, dazu hinreissen zu sagen: “Herodes will ich in unserer Krippe nicht haben. Herodes ist ein Idiot.”

Ich habe drei Lieblingsstellen in diesem Buch, als da zuerst diese Sätze wären: “Das geschah vor langer, langer Zeit, aber immer noch spricht man von dem Stern. Er leuchtete so hell, dass die Menschen ihn überall sahen.” Zweitens diese Seite:

Doch nicht alles gold, was Jesus genannt wird und Sterne zum Leuchten bringt?

Ich finde großartig, dass hier eben nicht nur vom Heiland gesprochen wird, man aber als nächstes aber vielleicht eine Tageszeitung aufschlägt und sich dann ja zwangsläufig fragen muss, ob der Heiland vielleicht spielsüchtig geworden ist oder ein zeitintensives Hobby wie Golfen begonnen hat und deshalb nicht merkt, dass in der Welt ziemlich viel Scheiss passiert. Das Buch verheimlicht das nicht und ist trotzdem hoffnungsvoll und feierlich, womit wir zur letzten und auch liebsten Seite kommen:

Mehr müssen wir nicht über Weihnachten wissen.

Dieses Buch ist ehrlich, schlicht und respektvoll und trotzdem zauberhaft. Es zwingt nicht zum Glauben oder Zweifeln, sondern es erzählt einfach, warum wir weihnachten feiern, und warum Hoffnung etwas Gutes ist. Das ist zumindest, was ich finde.

 

Ich danke dem Moritz Verlag für das Rezensionsexemplar und wünsche allen Menschen jeden Glaubens oder Zweifelns eine schöne Adventszeit.

 

 

 

  3 Replies to “Weihnachten mit Glanz ohne Gloria!”

  1. Corinne
    6.12.2017 at 18:35

    Oh, das müssen wir haben – danke für den Tipp! Ich kam nämlich grad letzthin in Erklärungsnot 😉

  2. rike
    6.12.2017 at 19:42

    wie viel mehr es zu erklären gibt, habe ich tatsächlich erst anhand des buches gemerkt.
    fröhliche weihnachten euch allen <3

  3. 9.12.2017 at 17:15

    So eine schöne Art die Weihnachtsgeschichte authentisch Menschen/ Kindern nahe zu bringen…ich habe heute in meiner Lieblingsbuchhandlung bestellt….Doro

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