There is no „Ach du Scheisse“ in „Ich bin schwanger.“

Heute morgen rief meine Zahnärztin an. Ich kriege grundsätzlich erst mal einen Schreck, wenn mein Telefon klingelt, weil ich sofort denke, dass ich Ärger kriege, weil ich irgendwas vergessen habe. Aber: es war gar nichts. Also nichts Schlimmes. Der Termin für meinen Sohn muss verschoben werden, weil die Kollegin, die das macht, schwanger ist.

Diese Nachricht hat mich ins Grübeln gebracht. Sofort fing ich mir an vorzustellen, wie die Kollegin Bedenken hatte, von ihrer Schwangerschaft zu erzählen, weil sie Angst vor der Reaktion hatte. Sobald es nicht die beste Freundin, die Partnerin, Schwester oder Tante oder so ist, mit der man privat zu tun hat, sondern die Kollegin, Geschäftspartnerin, Erzieherin oder vielleicht auch Zahnhygienepflegefrau (ich kenn das Fachwort nicht), sind die Reaktionen eher verhalten. Als eine Freundin von mir ihrem Chef sagte, dass sie ihr zweites Kind bekommt, hat der sich entschieden, statt „Wie toll, Herzlichen Glückwunsch!“ lieber „Ach du Scheisse.“ zu rufen. Was für eine unerfreuliche Art der Gratulation. Ätzend.

Ich finde schade, dass Leute sich entweder so wenig im Griff haben oder meinen, das sei ok. Echt jetzt, für die Frau ist es in den allerallermeisten Fällen eine sehr gute Nachricht, und mal ganz abgesehen davon, dass sich für sie garantiert mehr ändern wird als für Chef:innen, Kolleg:innen und so weiter, hat sich da ein kleiner Mensch angekündigt.

Klar ist es erlaubt zu denken, dass das kompliziert und vielleicht doof wird, das tat es ja vielleicht auch. Aber Ich finde, es verbietet sich, Müttern und Vätern das Gefühl zu geben, sie haben einen Fehler gemacht, weil sie sich für ein Kind entschieden haben. Besonders schräg finde ich hier übrigens Eltern (!), die genervt davon sind, dass die Erzieherin in ihrer Kita schwanger wird. Es ist doch zum Kotzen, dass Frauen von Beginn an häufig das Gefühl bekommen, dass sie da eine ziemliche Scheissidee hatten. Und das ist ja nur der Anfang. Später im Berufsleben, in Abstellgleisteilzeit oder unter dem Generalverdacht, ja eh gleich wieder schwanger werden zu wollen, wird das Thema Familienarbeit und Familienplanung so negativ beäugt und abgewertet, dass ich, genau genommen, einfach kotzen könnte.

Das geisterte mir also durch den Kopf, also nicht der ganze Text, sondern eher ein angepisstes Grundgefühl. Deshalb antwortete ich:

 

„Das ist der beste Grund, den Termin zu verschieben. Ich gratuliere von Herzen.“

 

Und wenn ich mir was wünschen darf, dann, dass wir nicht zuerst daran denken, was sich für uns ändert, wenn die Kollegin, Erzieherin oder was auch immer ausfällt. Sondern dass wir uns einfach zeigen: Wir freuen uns mit euch, weil ihr ein Kind bekommt.

 

In diesem Sinne, unbekannte Zahnpflegehygienefrau und alle anderen schwangeren Frauen: HURRAAAAA!!!! Ich freu mich für euch!

 

  15 Replies to “There is no „Ach du Scheisse“ in „Ich bin schwanger.“”

  1. 22.11.2016 at 13:38

    Du hast so Recht, liebe Rike. Ich bin nun zum zweiten Mal schwanger und immer habe ich mir die ersten Wochen der Schwangerschaft damit versaut, dass ich darüber nachdenken musste, wie ich anderen damit zur Last falle. Ich arbeite in einem sozialen Beruf. Menschen verlassen sich auf mich. Die Kinder sind immer ganz traurig wenn sie erfahren dass ihre Bezugsperson in Schule oder Heim wegfällt. Dann die Kollegen die das auffangen müssen. Und wenn dieses Gefühl dann durch die Reaktionen bestätigt wird in dem ein: „Oh ok, schön für Sie, schlecht für uns!“ Oder ein „Ach, das ist ja toll – also für sie!“ einem Herzlichen Glückwunsch vorgezogen wird, macht es einem die Freude wirklich nicht leicht. Glücklicherweise habe ich zum zweiten Mal ein Beschäftigungsverbot, sodass ich der Negativität nur bei der Verkündung entgegen treten musste und mich nun den Rest der Zeit nur freuen darf. Danke für den Text

  2. rike
    22.11.2016 at 13:44

    danke für deinen kommentar. und HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH <3 <3 <3

  3. 22.11.2016 at 13:46

    Oh – das kenne ich nur zu gut. Noch schlimmer ist es wenn man sagt, man erwarte Zwillinge. „Ach du Scheiße“ – hört man da so gut wie von jedem. Ich mal frech und hinterlasse den Link dazu, denn am Blog haben wir uns darüber auch schon Gedanken gemacht… 😉 Passt thematisch nämlich ganz gut: http://einerschreitimmer.com/ach-du-scheisse-und-andere-dumme-saetze-die-man-nicht-hoeren-will-wenn-man-mit-zwillingen-schwanger-ist/

  4. 22.11.2016 at 13:56

    Danke, danke, danke!

  5. rike
    22.11.2016 at 13:57

    <3 <3 <3

  6. 22.11.2016 at 15:23

    Schöner Text, schade dass man in dieser Welt mit 10 Kilo Gewichtsverlust mehr Begeisterung auslösen kann als mit der Entscheidung ein Kind groß zu ziehen (Dieser Vergleich hat autobiografische Züge).

  7. Nadine
    22.11.2016 at 17:18

    Ich bin jetzt im 9, Monat schwanger und vor allem in den ersten Monaten, wenn es darum ging offizielle Dinge zu regeln, die sich durch meine Schwangerschaft verändern, habe ich fast immer den Satz benutzt „Ich bin leider schwanger, deswegen…“. Meine Kolleginnen waren sehr erfreut, einer der ersten Sätze meiner Chefin waren „Willst du danach hier weitermachen?“. Ich fand es schon sehr heftig, dass ich das Gefühl hatte, mich für meine Schwangerschaft zu entschuldigen. Vor allem weil es ein absolutes Wunschkind ist, wir uns darauf freuen und es nicht ungeplant war.
    Irgendwas läuft deutlich schief, wenn erst einmal impliziert wird, dass Schwangerschaft und Kinder Komplikationen und Probleme bedeuten, als sich dafür zu freuen und zu gratulieren. Der Fokus liegt immer auf das produktiv und nützlich sein für die Wirtschaft und die Gesellschaft. Dabei sollte der Fokus auf familienfreundliche Strukturen und Arbeitsverhältnisse liegen.

  8. Andrea
    22.11.2016 at 21:03

    Mein Chef meinte damals nur: “ Naja, ich bin ja Kummer gewöhnt.“ 🙁

  9. 22.11.2016 at 21:19

    Ja, du hast Recht.
    Aber ich muss gestehen, diesen Gedanken hatte ich auch schon. Oh je, was ist wenn die schwanger wird. Wir haben eine super, geniale, engagierte, junge Erzieherin in unsere Einrichtungen, die so viel macht und den Alltag dort prägt. Meine Große liebt sie abgöttisch und der Gedanke, dass die großartige Erzieherin vielleicht bald wegen einer Schwangerschaft weg sein könnte ist erschreckend. Und natürlich sehr egoistisch. Was wirklich nicht nett von mir ist. Aber ich weiß, wenn es soweit ist, werde ich mich für sie freuen. Ein kleines bißchen mehr noch für den kleinen Menschen, denn er wird die super Mutter bekommen.
    Danke für deinen Artikel. Er führt einen gut vor Augen, wie man manchmal selber denkt, obwohl man zuvor vielleicht das nun gedachte selbst erlebt. (Ich weiß, ein wenig wirr, aber ich hoffe, du verstehst es trotzdem )
    Liebe Gruß
    Nadine

  10. rike
    22.11.2016 at 21:19

    grrrrrrr.

  11. rike
    22.11.2016 at 21:21

    erstmal: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! und dann: mensch, ey! Da freuen sich alle für dich und dann biste trotzdem drin im rechtfertigungsstrudel. obwohl du ja auch irgendwann blöd gefragt wirst, wenn du keins kriegst. es ist zum mäuse melken. meine devise für dich: im endspurt nicht mehr rechtfertigen, nur noch freuen. und die schuhe von anderen binden lassen. 🙂
    alles liebe!

  12. rike
    22.11.2016 at 21:22

    herrjemine!

  13. rike
    22.11.2016 at 21:29

    genau das hatten wir auch, nadine. die geliebte erzieherin vom grossen, wegen der wir die kleine extra in derselben gruppe haben wollten, war in mutterschutz, bevor wir die eingewöhnung angefangen haben. das war natürlich auch schade, aber wer bin ich denn, dass ich denke, jemand sollte nicht das haben, was ich habe, nur damit ich das haben kann, was sie nicht hat.
    (hab extra auch was wirres geschrieben, hihihi).

    <3

  14. Ina
    22.11.2016 at 23:22

    Mein Schwiegervater kam aus dem „OhGott.OhGott.OhGott…“ nicht mehr raus, als wir ihm von Nr. 3 erzählten.
    Ich hätte auch Nr. 4 noch genommen, aber in seiner Welt war nach Nr. 1 Schluss…“
    Das war auch nicht gerade toll. Aber ich will trotzdem keins hergeben.

  15. rike
    23.11.2016 at 11:23

    darauf möchte ich mit den worten deines schwiegervaters antworten: “OhGott.OhGott.OhGott…”
    🙂

    alles liebe!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.