Kinderwahnsinnwahnsinnskinderbücher

Viele Leute rufen stolz: „Jaha, wir lesen nur die Klassiker. DIE sind nämlich RICHTIG gut.“

Dann denke ich an Astrid Lindgren und nehme mir Michel aus Lönneberga vor, so wie sein wutschnaubender Vater das immer macht (und beim Vorlesen denke ich an dessen gruseliges Säufergesicht). Beim Vorlesen erkläre ich mir dann einen ziemlich großen Wolf:  Nein, Kinder dürfen nicht eingesperrt werden. Nein, die vielen kleinen Splitter von der Suppenschüssel waren bestimmt nicht gefährlich, und da würde in echt natürlich niemand mit einem Schürhaken einfach so raufhauen, wenn da der Kopf des eigenen Kindes drinsteckt. Und überhaupt Kinderköpfe natürlich. Das war halt eine andere Zeit. Äh….

Das Ergebnis ist, dass meine Tochter das vermutlich alles gar nicht so schlimm findet und irgendwann denkt, ich hab sie nicht mehr alle. Da schnappe ich mir dann doch lieber die Böckchenbande oder Gruselbücher für sehr kleine Kinder.

Jetzt aber habe ich doch zwei Klassiker-Bücher gefunden. Sie sind schon ziemlich alt, das erste ist von 1965 und das zweite von 1969. Das Tollste daran ist nicht, dass wir Klassiker lesen, sondern dass die finnische Autorin mit einem sehr großen Hammer in unsere Stimmung zeitgereist ist und mit diesem auf unseren Nerv für die schönsten Bücher gezimmert hat. Es ist so herrlich irre, dieses Buch und die Farben sind schön, und die Illustrationen toll und die Geschichte, ach, ey, hier:

Tanninen, Oili: Nunnu. Übersetzt v. Buchner, Elisabeth. Verlag: Rieder, Susanna , 1., Aufl. (2008). Altersempfehlung: ab 3, 14,50€

Ich habe nicht die leisteste Ahnung, wie ich dieses Buch vorstellen soll, ohne dass es gleich so wirkt, als hätte ich vor dem Frühstück einen halben Liter Nagellack getrunken. Aber ich versuche es:

Nunnu ist die Hauptfigur und Chefin einer Gang. Sie ist verantwortlich dafür, dass alle schlafen können. Die weiteren Mitglieder sind Hoppu, der fürs Wecken zuständig ist, wobei hier nicht nur das Schlafwecken sondern auch das geistige gemeint ist. Hoppu hat einen Laden, in dem nichts steht, er aber alles herzaubern kann. Er nimmt kein Geld, sondern lässt sich ausschließlich in lustigen oder guten Ideen bezahlen. Möksö ist der evtl. manische Nörgler. Entweder ist er stinksauer oder er lacht sehr doll.

Fun Fact: Dieses Buch bzw. seine Anführerin hat vermutlich auch Flavor Flav inspiriert.

In diesem ersten Buch hat Nunnu, die alle eigentlich immer mit einem Traumwedel zum Schlafen bringt, es echt eilig. Professor Prilli muss nämlich sein Nachmittagsschläfchen halten, und dafür zu sorgen, fällt in ihren Verantwortungsbereich.

Der längste Bart hat in diesem Fall nicht die Geschichte, sondern einen sehr extravaganten Besitzer. Wie wir auf dem Bild sehen können, trug er zuvor einen Rechen im Gesicht.

Professor Prilli hat sich übrigens einen sehr langen Bart wachsen lassen, dessen Ende sich auf die nächste Seite verirrt hat und dort von einer Igelfamilie angestarrt wird, die ihn für einen Schwager aus Sizilien hält. Aber hey, eigentlich sollte doch Professor Prilli zum Schlafen gebracht werden. Dafür kauft Nunnu statt eines neuen Traumwedels die unsichtbare Schlummerhummel Santeri Summer in Hoppus Laden, die sie mit einer Blitzblinzelidee bezahlt und tiptop funktioniert:

Puh, der Professor schläft. Aber schon wieder huch: Nunnu hat den Traum vergessen, OBWOHL der Prilli seine Brille noch aufhat.

Am Ende schlafen und träumen dank Nunnu alle Beteiligten. Und im Traum treffen sie sich auch, weil sie sich alle an einen Ort träumen wollen, an dem es keine Eile gibt. Sie sind zusammen im Meer unterwegs und Nunnu denkt gar nichts. Und jetzt alle so?

 

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Alle haben im Kopf vermutlich ein sehr großes WTF und ich weiss, die Geschichte klingt unglaublich durchgeknallt. Aber der Witz und das speziell Besondere an diesem Buch ist, dass alles ganze fast schon nüchtern geschrieben ist und deshalb alles Verrückte so dargestellt wird, als wäre es völlig normal. Mein Kind zum Beispiel versteht gar nicht, dass ich mich so viel wundere und macht statt WTF ihr ganz normales Zuhörgesicht, ca so:

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Zugegeben: Das erste Vorlesen war etwas schwierig. Die finnischen Namen sind ungewohnt, dabei habe ich von den Hepsunkepsuvögeln noch nicht mal angefangen. Die Texte erfordern erst Konzentration, aber dann pusten sie so herrlich das Hirn durch. Mit flüssigem Hubba Bubba, das nach ganz neuen Schnürsenkeln aus essbaren Rockstarhaaren schmeckt. Irrsinn ist etwas wunderbares. Genau wie das erste Buch. Und das zweite:

 

Tanninen, Oili: Nunnu rettet Möskös Hut. Übersetzt v. Buchner, Elisabeth. Verlag: Rieder, Susanna (2010) Altersempfehlung: Ab 3. 14,50€ 

Ich hüpfe vor Freude: Der normale Wahnsinn hat eine Fortsetzung.

In der Fortsetzung fährt zuallererst Professor Prilli gegen den Baum, auf dem Nunnu, Hoppu und Mökso schlafen. Warum? Santeri Summer hat ihn gegrüßt, und sie ist eben eine sehr effektive Schlummerhummel.

Dieses Buch besticht (mich) neben seiner ebenfalls verrückten Handlung und der skurrilen Personen zusätzlich durch die Verwendung meiner allerliebsten Farbkombination.

Worum geht’s? Der Professor fährt gegen einen Baum, alle fallen runter, Nunnu muss los und Möksös Hut ist weg. In Möksös Hut hat sich, wie dann herauskommt, ein Hepsunkepsuvogel (Mökso hasst diese Vögel) gesetzt und auf die Größe einer Badewanne aufgedehnt. Ja, die Geschichte ist wieder so verrückt, aber beim Lesen erscheint wieder alles ganz selbstverständlich. Auch, weil die Sprache so lustig ist. Wie ein Blasorchester marschiert sie durch den Text, und an der folgenden Stelle musste ich so doll lachen, dass meine Tochter nun doch einmal ein etwas verwirrtes Gesicht gemacht hat.

Jedes Mal, wenn meine Tochter jetzt denkt, ich habe schlechte Laune, ruft sie „Cappucinetto“.

Was soll ich sagen? Ich bin schwer verliebt in diese Bücher aus den 60ern, die es auf deutsch schon 10 bzw. acht Jahre gibt. Bitte springt mit mir auf den sehr späten Zug des normalen Wahnsinns, denn er fährt in Hirnwindungen, in denen die Spinnweben manchmal schon fast versteinert sind. Gemeinsam fahren wir dem Horizont aus Lieblingsfarben entgegen und teilen unsere Bommelonen.

Ich danke dem Susanna Rieder Verlag aus tiefstem Herzen für diese Bücher. Und für die Rezensionsexemplare.

 

  2 Replies to “Kinderwahnsinnwahnsinnskinderbücher”

  1. 23.1.2018 at 15:07

    Ganz groß, Rike. Danke für diese Buchempfehlungen. Damit weiß ich, welche zwei Bücher die Mini hier als nächstes „für mich ganz allein, Mama“ bekommen wird. Auch, wenn meine Kinder Michel aus Lönneberga lieben. DAS hier trifft glaube ich unser aller Familiengeschmack.

    Hach. Ich bin blitzverliebt in die tollen Illustrationen. Wollen wir Cappucinetto trinken zusammen? Du bekommst die lila Tasse. Sehr herzlich,

  2. 2.2.2018 at 23:04

    Das sind ja ganz allerliebste Illustrationen; da würde mir das Herz vor Freude im Leibe hüpfen.

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