Drrrring: Aufregungspause!

In Berlin gibt es jetzt, unterstützt von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, eine Broschüre über SEXUELLE UND GESCHLECHTLICHE VIELFALT ALS THEMEN FRÜHKINDLICHER INKLUSIONSPÄDAGOGIK und ich sollte die Kommentare dazu nicht lesen. Habe ich aber.

QF Kita Handreichung

Beim Titel schlagen Menschen die Hände über dem Kopf zusammen. Ich finde den einzigen möglichen Aufreger die Gestaltung.

Eigentlich geht es in dieser Broschüre darum, Pädagoginnen und Pädagogen  für die Themen sexuelle Vielfalt zu sensibilisieren, damit Kinder sich in allen Lebenssituationen ganz normal fühlen können. Und während ich das ein ziemlich gutes Ziel finde, brüllen viele los, dass die jawohl spinnen, die Kinder so zu sexualisieren und zu verwirren. Äh, was?

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Eine Überschrift macht noch keinen Gesamteindruck.

Liebe Menschen mit Angst und “Nur-Überschriften-Les-Und-Trotzdem-Im-Befehlston-Kommentier”-Einstellung, bevor Sie ins Internet schreiben, dass Kinder durch solche linksversiffte Propaganda verwirrt, sexualisiert und spätestens in zwei Jahren Gruppensex mit Kleintieren haben werden (die Grünen schon ein Jahr früher): Bitte machen Sie sich doch die Mühe, sich zumindest das Inhaltsverzeichnis dieser Broschüre durchzulesen. Dann können Sie feststellen, dass darin weder Artikel zum Thema “Masturbationshilfe für Vorschulkinder” “Einbeziehung der Kinder ins Vorspiel gleichgeschlechtlicher Paare” oder “Wie zwinge ich mein Kind, sein biologisches Geschlecht zu hassen?”  zu finden sind.

 

Brausepause

Dann ist es jetzt ein guter Zeitpunkt, sich kurz hinzusetzen und sich ein Glas Brause einzuschenken. Wegen der Beruhigung. Ich mach das auch und versuche, die Gründe für diese Broschüre ein bisschen entspannter zu erklären. Also: Die Menschen, die sich diese Broschüre ausgedacht haben, haben einen Titel gewählt, der Menschen, die mit den genannten Themen nicht so viele Berührungspunkte haben, eventuell sauer aufstösst. Aber es gibt in echt Murats und Toms und Michaels, die gern Prinzessinnen spielen wollen. Nur leider gibt es auch immer noch Leute, die finden, das sollen nur Maries machen. Deshalb denkt dann aber Murat er macht was falsch, wenn er einfach ist, wer er ist und macht, was ihm Spaß macht. Ziemlich ätzende Botschaft an Kinder, finde ich. Lieber sollte ihnen gesagt werden, dass sie ok sind wie sie sind und wie wir darauf reagieren können, wenn jemand findet, etwas sei nur für Jungs oder nur für Mädchen. Wie in der Broschüre.

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Sexpause

Und wenn Alex zwei Mütter hat, dann kommt weder in dieser Broschüre noch in den Köpfen der Menschen ein Umschnalldildo vor, sondern lediglich der Wunsch, dass Alex sich in der Kita oder in der Schule genauso normal fühlen kann wie Klaus mit Vater und Mutter, wie Emma mit alleinerziehendem Vater, Sven mit zwei Vätern oder viele andere Kinder in anderen Familienkonstellationen als Mutter, Vater, Kind(er). Das hat mit dem Sex im Sinne von geschlechtlichem Akt nichts zu tun, das beschreibt lediglich die Orientierung der Eltern. Diese sexuelle Orientierung habe ich als heterosexuelle, verheiratete Mutter genauso, ohne dass mich im Internet Leute als pädophiles Ferkel beschimpfen.

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Unnormalitätspause

Und wenn dann Sophie lieber Ben heissen möchte, dann ist das ein ziemlich großer Schritt, bei dem Sophie Unterstützung mehr hilft als Verurteilung, Auslachen oder das verächtliche Abtun ihrer Gefühle. Die Tatsache, dass niemand in unserer Familie sich falsch im biologischen Körper fühlt, weckt in mir nicht das Gefühl, besser als andere zu sein, sondern Mitgefühl. Ich stelle mir das kompliziert und schwierig vor, für das geliebt werden zu wollen, was du bist, ohne es für sich selbst und/oder andere ganz zu sein. ist Das muss für Kinder und Eltern und ihr Umfeld eine verunsichernde Situation sein, und wenn es dann eine Broschüre gibt, die den Umgang mit dem Thema einfacher und normaler machen möchte, dann geht davon nicht das Abendland unter, sondern dann lacht Sophie vielleicht ein bisschen mehr. Und ich stelle mir lieber eine Zukunft mit glücklichen, allseits geliebten Kinder vor als die Folgen von Angst und Hass und Intoleranz.

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Gleich ist nicht gleich gleich

Außerdem: Mit einem konservativen Weltbild zu tun, als gäbe es keine Murats, die Prinzessin sein wollen, keine gleichgeschlechtliche oder trans-Eltern, oder als wäre es neumodischer Quatsch, wenn Kinder sich mit ihrem biologischen Geschlecht nicht gut fühlen, führt nicht dazu, dass es sie nicht mehr gibt. Die Welt ist vielfältig und bunt. Und ich freue mich für alle Menschen, die statt aus der Reihe geschubst zu werden, aus ihr tanzen können.

 

Fazit für alle

Niemand will etwas Böses/eine Sexokalyse/die Weltverschwulung mit dieser Broschüre herbeiführen. Sie bedeutet nämlich gar nicht, dass ab sofort jedem Murat, auch wenn er lieber Baggerfahrer spielt, eine Krone auf den Kopf getackert wird. Sie bedeutet nicht, dass Alex gezwungen wird, auch schwul zu werden. Und es bedeutet auch nicht, dass serienmäßig jedem Baby erstmal ein anderes Geschlecht operiert wird.

Es bedeutet, dass pädagogische Fachkräfte etwas an die Hand bekommen, damit sie sicher, fair und gesund für die Kinder damit umgehen können, wenn zum Beispiel

… andere Kinder/Eltern/fremde Erwachsene Murat sagen, er ist doch kein Mädchen…

… andere Kinder/Eltern/fremde Erwachsene keine Verabredung mit Alex wollen, weil die Mütter nicht normal sind…

… andere Kinder/Eltern/fremde Erwachsene einfach immer weiter Ben zu Sophie sagen…

 

Genau wie Glück wird auch die Freiheit durch Teilen größer.

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Ich würde mich sehr freuen, wenn wir in den Kommentarspalten Links sammeln zum Thema. Büchertipps, Videos, in denen Begriffe wie cis, pan, trans etc. erklärt werden. Links zu Artikeln, Blogbeiträgen von allen möglichen Familien.

  6 Replies to “Drrrring: Aufregungspause!”

  1. 13.2.2018 at 14:47

    Ich hab keinen Link beizutragen, zumindest jetzt so auf Blitz nicht. Aber ich finde deinen Text einmal mehr so klug und großartig und unaufgeregt geschrieben, dass ich ihn am liebsten ausdrucken und die Hirnwindungen all der Menschen mit Schnappatmung tapezieren möchte.

    Meine Pippi hatte einen Jungen in der Kindergartengruppe, der immer, immer, immer als Prinzessin zum Kindergartenfasching geht. Und Elsahausschuhe und Hello Kitty Pullis liebt, und der bisher sehr wenig Interesse hat, ein Junge zu sein. Und die tollsten Eltern der Welt hat, weil sie ihr Kind darin bestärken, zu sein, was immer es mag. Unser superer Kindergarten unterstützt das Kind und die Familie und tut viel, die Köpfe der Menschen zu öffnen. Und das ist viel schwieriger, als ich angenommen hätte. Aber ich täusch mich ja öfter mal über das, was ich im Jahr 2018 so als gegeben angenommen hatte…

    Wir sehen uns Sonntag.

  2. rike
    13.2.2018 at 15:27

    juhuuuuu zu allem <3

  3. 14.2.2018 at 12:12

    Hallo, vielen Dank für diesen Artikel! Das Thema passt (leider) zu unseren letzten Erfahrungen bei der Betreeungsplatzsuche für unseren Sohn. Wir sind eine Familie mit zwei Müttern, und leider gibt es doch immer noch Vorbehalte und Ausgrenzung. Den Link lasse ich auch mal da 🙂
    https://goldtopf.wordpress.com/2018/02/10/positive-erfahrungen-und-diskriminierung-bei-der-betreuungsplatzsuche/
    Herzliche Grüße,
    Manuka

  4. rike
    14.2.2018 at 12:29

    Eure Erfahrung tut mir für alle leid. Für die Tagesmutter mit der Schranke im Kopf, für die anderen Kinder der Tagesmutter und für euch. Und ich hoffe, ihr habt inzwischen eine Betreuung gefunden, bei der alle sich für das mögen, was alle sind. <3 Alles Liebe für euch!

  5. 14.2.2018 at 21:03

    Hier kommen zwei Buchtipps: “Papa ist doch kein Außerirdischer” (https://www.google.de/amp/s/juliliest.net/2016/10/01/buecher-gegen-vorurteile-papa-ist-doch-kein-ausserirdischer/amp/) und “Puppen sind doch nichts für Jungen” (https://juliliest.net/2017/08/11/buecher-gegen-vorurteile-puppen-sind-doch-nichts-fuer-jungen/). Zweiteres gehört hier eigentlich gar nicht her, da es einfach davon handelt, dass ein Junge mit einer Puppe spielen will – aber auch das ist ja tatsächlich noch ein Aufreger. Und deshalb verstehe ich auch nicht, dass manche das Buch kritisieren, “weil es doch normal sein müsste” – ist es halt nicht. Wir haben 2018 und alles was von der Norm abweicht, wird als problematisch wahrgenommen. 🙁

  6. Stephanie
    19.2.2018 at 15:13

    Jawoll!
    Schlauer Text, danke dafür!

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