Geschichtenbücher zum Thema Sterben, Tod und Trauer #1

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich drei Sachbücher zum Thema Sterben, Tod und Trauer vorgestellt. Seitdem habe ich mit meinem Sohn über das Prinzip ewiges Leben diskutiert sowie nach einem Friedhofsbesuch ein Gespräch mit meiner dreijährigen Tochter übers Sterben gehabt, das dazu führte, dass sie gerade sehr häufig, auch gern in Restaurants etc. so etwas halbfröhliches fragt wie: Sterben wir heute?

Hoffentlich nicht, ist meine Antwort. Und ich wünsche mir, dass alle, die diese Bücher lesen, sie aus demselben Grund lesen wie wir gerade: Weil uns das Thema beschäftigt. Allen, bei denen ein geliebter Mensch geht oder gegangen ist, wünsche ich von ganzem Herzen viel Kraft und alles Liebe.

 

Kitty Crowther: Der Besuch vom Kleinen Tod. Übersetzung: von Vogel, Maja. Aladin Verlag. Gebunden. Empfohlen von 5 – 99, ich würde sagen, ab 4 geht auch. 12,90 €

 

Diese Buch versucht, mit einer kleinen Geschichte die Angst vor dem Tod zu nehmen. Es erzählt vom Kleinen Tod, der eigentlich reizenden Person, vor der aber alle Angst haben, wenn sie kommt. Außer Elisewin, die hat ihn schon erwartet und freut sich sehr.

Auch schon, mal freudig begrüßt zu werden, denkt sich vermutlich der Tod.

Elisewin war nämlich krank und hatte Schmerzen. Sie ist froh, dass der Tod endlich da ist. Jetzt kann sie spielen und sich schieflachen statt Schmerzen zu haben. Aber leider kann sie nicht bei ihm bleiben.

Der Tod ist nur der Überbringer. Elisewin muss weiter. Aaaaber….

Elisewin hat sich für ihr anderes Leben gewünscht ein Engel zu werden, damit sie immer mit Kleiner Tod zusammen bleiben kann. Jetzt können sie spielen und gemeinsam die Menschen abholen.

So ist es viel besser.

Der Besuch vom Kleinen Tod lässt außen vor, was genau dieses andere Leben ist, in das die Menschen gehen, nachdem der Tod sie geholt hat. Aber das gefällt mir, weil man dann gemeinsam mit dem Kind überlegen kann, was das ist und viel Raum für positive Phantasien hat. Außerdem mag ich die klare Sprache und die Illustration, die Unheimliches so lieblich macht.

 

Schärer, Kathrin: Der Tod auf dem Apfelbaum. Atlantis, Orell Füssli , Atlantis (2015), Empfohlen ab 4, 14,95 €

 

Da die Bücher alle so unterschiedlich sind, ist es schwer, einen Favoriten zu haben, aber dieses Buch ist mein Favorit. Der Tod auf dem Apfelbaum zeigt, dass der Tod zum Leben dazugehört, ja, sogar Sinn macht. Und das macht dieses Buch emotional, aber mit so herrlich listigen Illustrationen, dass es trotz aller Trauer leicht wirkt.

Es handelt vom Fuchs, der, genau wie seine Frau, ganz schön alt geworden und genervt davon ist, dass die Hasen und Mäuse zu schnell sind, um gejagt und verspeist zu werden zu werden, und dass die Vögel immer die Früchte „seines“ Apfelbaumes fressen, bevor sie herunterfallen, damit er sie essen kann.

Eines Tages geht dem Fuchs ein Zauberwiesel in die Falle. Das Wiesel bietet ihm einen Deal an. Du lässt mich frei und ich zaubere dir was. Woraufhin der Fuchs folgenden Wunsch hat:
„Ich wünsche mir, dass jeder, der auf meinem Apfelbaum fliegt oder klettert, daran festklebt (…)“

Das Wiesel zaubert also und merkt noch an, dass (nur) der Fuchs den Zauber wieder lösen kann.

Der Zauber ist aktiv und die Tiere haben den Salat. Wie angeklebt sie gucken!

Erst kleben ein paar Tiere fest, die macht der Fuchs aber wieder los, weil sie so ein Krach machen. Danach hat sich der Zauber herumgesprochen und alle lassen den Apfelbaum in Ruhe. Der Fuchs und seine Frau leben deshalb sehr fröhlich und auch besonders satt vor sich hin. Äpfel all you can eat! Bis der Tod um die Ecke kommt. Der Fuchs will aber noch nicht sterben und überlistet ihn mit der Bitte, ihm noch einen letzten roten Apfel vom Baum zu holen. Der Tod klebt natürlich auch fest – und der Fuchs findet sich sehr schlau.

Dieses Bild kann ich mir immer wieder angucken. Es ist traurig, witzig und gütig zugleich. <3

Der Fuchs und seine Frau leben weiter fröhliche Jahre. Sie sind satt und glücklich, während der Tod angeklebt auf dem Baum sitzt. Dann wird aber die Frau vom Fuchs so krank, dass sie stirbt. Der Fuchs versteht die Welt nicht mehr. Er hatte doch den Tod überlistet, wie konnte das gehen? Der Tod erklärt ihm, dass der Bann nur für den Fuchs, nicht aber für alle anderen Lebewesen auf der Welt galt.

Puh! Illustratorisch schöne, aber auch echt harte Kost.

Jetzt ist der Fuchs nicht mehr froh. Die Zeit vergeht, seine Freunde sterben und seine Kinder haben jetzt selber Kinder, die auch schon welche haben. Der Fuchs fühlt sich, als gehöre er nirgends mehr dazu, sein Körper ist alt, er erblindet auf einem Auge, er kann nicht mehr riechen und er hat genug vom Leben. Also geht er zum Apfelbaum und befreit den Tod vom Bann, damit der ihn holen kann. Der Tod pflückt ihm, wie vor Ewigkeiten vereinbart, noch einen roten Apfel, den die beiden sich wortlos teilen.

 

„Dann umarmen sie sich, und dem alten Fuchs wird ganz leicht dabei. Er nickt, und zusammen ziehen sie davon.“

Dieses Buch hat mich sehr mitgenommen, wie ein Film. Ich finde, dass es trotz all der Trauer zeigt, dass der Tod etwas Erlösendes sein kann, und auch mein extrem sensibler Sohn, der mich vor Kurzem gefragt hat, ob ich eigentlich ewig leben will, empfand das so, als ich ihm dieses Buch zeigte, ihm die Geschichte erzählte und meinen Grund darlegte, warum der Gedanke an ein ewiges Leben mir Angst macht. Für solche Momente ist dieses Buch perfekt. Genau, wie die Illustrationen, die mich sehr rühren. Sie haben Humor und sind gleichzeitig so traurig, dass sie mich dankbar für das machen, was ich habe und mir gleichzeitig die Angst vor dem Tod nehmen.

 

Schössow, Peter: Gehört das so??! Die Geschichte von Elvis. Verlag: Hanser , 12. Aufl.. Empfohlen ab 4.

14,90 €

Dieses Buch thematisiert für mich auf verständnisvolle und ein bisschen unterhaltsame Weise die Einsamkeit und Wut, die oft mit dem Tod einhergeht. Außerdem sind die Sprache, die Illustration und die Erzählperspektive so durchdacht, dass ich mir bei der Rezension vorkomme wie bei einer Erörterung im Deutschunterricht. Und ja, das ist was Gutes. Also:

Aus der Perspektive der „Anderen“ wird beschrieben, wie ein wütendes Mädchen auftaucht und „Gehört das so??!“ brüllt. Die Ratlosigkeit und die Wut in ihr sind deutlich zu spüren, genau wie die Einsamkeit, denn sie steht immer allein und die anderen sind sehr unbeteiligt. Ich kann das Käseglockengefühl sehen, das das Mädchen hat. Ihr Leben ist plötzlich ganz anders und alle anderen machen mit ihrer Normalität weiter.

Die Leute wissen nicht so richtig, wie sie reagieren sollen. In kurzer, fast abgehackter Sprache, beschreiben sie ihre Ratlosigkeit. Die wütende Kleine brüllt, dass Elvis tot ist und alle denken, sie meint Elvis Presley. Das ist kurz lustig. Dann zeigt sie ihre Handtasche, in der ein kleiner gelber Vogel liegt. Das geht den anderen irgendwie nah und sie schlagen eine Erdbestattung vor.

Sie begleiten die Kleine beim Abschied nehmen, trösten sie, hören sich an, wie Elvis so war. Dann überlegen sie zusammen, wie es wohl wird, wenn der kleine gelbe Vogel Elvis auf den großen Elvis trifft. Sie müssen alle lachen, obwohl sie so traurig sind. Danach geht das Mädchen weg.

So sieht für mich Trauern aus. Es sind Leute da, die auch trösten, aber irgendwie ist man dabei allein.

Dieses Buch ist auf den ersten Blick fast einfach und lustig, aber ich finde es sehr tief. Ich kann mir vorstellen, dass das Mädchen mit ihrer Wut und ihrer Ratlosigkeit und ihrer Einsamkeit eine gute Identifikationsfigur sein kann für auch kleinere Kinder, die trauern und sich fragen, ob das jetzt alles so gehört.

 

Davies, Benji: Opas Insel.Verlag: Aladin (2016) Übersetzung von Johanna Hohnhold. Empfohlen ab 4.

 

12,95 €

Dieses Buch erklärt das Thema Tod im wahrsten Sinne des Wortes durch die Blume. Es geht um Sam, der mit seinem Opa in dessen Haus eine Tür findet, und als sie durch sie hindurch gehen, stehen sie auf einem Schiff.

Los geht die Reise. Irgendwann kommen sie auf einer Insel an, die voller Tiere und Farben und auch sonst wunderschön ist. So schön, dass der Opa dort bleiben und nicht mit zurückkommen möchte. Sam fragt, ob Opa dann nicht langweilig wird, so ganz allein.

Also steuert Sam das Schiff allein zurück. Das ist etwas schwierig, aber er schafft es. Und als er in das Haus seines Opas zurückgeht und es dort leer findet, da klopft es am Fenster und Sam bekommt Post.

Opa geht es gut!

Hier fällt wirklich nicht ein einziges Mal das Wort Tod und trotzdem sagt es deutlich: Opa hat eine Reise gemacht. Da, wo er jetzt ist, ist es schön. Das macht keine Angst, das macht nicht extra traurig, das tröstet!

 

P.S.: Ich danke allen Verlagen für die Bücher und die nette Korrespondenz. Außerdem freue ich mich über Rückmeldungen sowie Bestellungen der Bücher in den Buchläden um eure Ecke oder in meinem Lieblingsbuchladen.

  3 Replies to “Geschichtenbücher zum Thema Sterben, Tod und Trauer #1”

  1. Sylvia
    14.1.2017 at 00:30

    Danke für die schönen Tipps.

    Wir lieben gerade: „Die besten Beerdigungen der Welt“ von Ulf Nilsson. Er schafft es ehrlich, traurig, sachlich und urkomisch zugleich über das Thema Tod zu schreiben. Sehr erfrischend.

  2. rike
    15.1.2017 at 11:15

    vielen lieben dank für deinen tipp und liebe grüße!

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