Gastbeitrag einer Pflegemutter: „Und wie lange bleibt er?“

Es gibt so Pappenheimer, die ich online kennenlerne und sofort in mein Herz schließe. Bei Janine war das zum Beispiel so. Weil ihre Kommentare immer so nett und warm und verständnisvoll waren. So, dass ich ihr ohne zu zögern alles von mir erzählt hätte. Aber nachdem sie mir ihre Geschichte schrieb, kam es andersrum. Janine erzählte viel, und zwar, weil sie viel zu erzählen hat. Sie ist Pflegemutter und hat ihre Geschichte und ihre Gedanken aufgeschrieben. Wie sie und ihr Mann sich für ein Pflegekind entschieden haben, wie sie eines, und dann schlussendlich Eltern von zwei Kindern geworden sind. Jetzt geht es los:

 

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„Und wie lange bleibt er bei euch? Müsst Ihr ihn irgendwann wieder abgeben? Also das könnte ich ja nicht.

Und können die Eltern ihn zurück fordern?

Das sind die Fragen, die wir immer hören. Auch wenn sie nachvollziehbar sind, so schmerzen und verletzen sie und zeigen welche Vorureile über das Thema Pflegekind bestehen. Ich möchte versuchen zu erklären, was uns dieses Thema bedeutet.

Knapp zwei Jahre haben wir versucht, ein Baby zu bekommen. Das ist eigentlich gar nicht so lange. Wenn man aber auf etwas wartet, kann es sehr lange sein. Aber für uns war relativ schnell klar, wenn es auf natürlichem Weg nicht klappt, dann eben nicht. Wir wollten uns keinen Stress machen und nicht wissen, wer schuld ist.

Dass wir aber unser Leben mit einem Kind teilen möchten, war uns klar und deshalb mussten wir uns nach einer Alternative umsehen. Das Thema Pflegekind kam uns schon öfter in den Sinn. In unserem weiteren Bekanntenkreis gab es ein Kind, dem es zuhause nicht gut ging und wir überlegten, was wir wohl machen könnten, damit es diesem Kind besser geht. Wir haben den Eltern Hilfe angeboten und uns viele Gedanken gemacht.

Eines Abends waren wir mit dem Fahrrad unterwegs und radelten abends durch die menschenleere Fußgängerzone. Am Ende der Fußgängerzone stand eine große Plakatfläche, auf die fuhren wir direkt zu. Von dort lächelte uns ein Mädchen an, darüber stand „Ist hier noch Platz?“ und darunter stand

„Wir nehmen ein Pflegekind auf, ihr auch?“

Wir haben angehalten, haben uns angesehen und ich habe gesagt, ich mach uns mal einen Beratungstermin beim Jugendamt. Der Rückruf der Sachbearbeiterin hat gefühlt ewig gedauert. Der erste Termin war dann Ende September 2013. Er war sehr nett und hat uns viele Fragen beantwortet. Wir lernten, dass die Kinder vermittelt werden, die die größtmögliche Aussicht auf Erfolg haben. Mit Erfolg ist hier gemeint, das Kind sollte gut ankommen und die Chance haben, sich gut zu entwickeln. Und das sind dann meist die ganz ganz jungen Kinder. Wir hatten uns damals vorgestellt, auch einen 12jährigen aufzunehmen, wenn dieses Kind denn unsere Hilfe braucht. Doch die Dame vom Jugendamt sagte, sie vermitteln in Pflegefamilien nur bis ca. 6 Jahre. Pflegeeltern sind sehr selten, deshalb werden fast ausschließlich ganz kleine Kinder vermittelt. Ja, es sind auch viele Babys dabei. Das hätten wir nie gedacht. Und da wir noch keine Kinder hatten, erschien mir das sehr schwierig. Ich habe mir damals sehr wohl zugetraut mit einem 12jährigen umzugehen, aber nicht, mich um ein Baby zu kümmern. Im Nachhinein eine sehr naive Sicht. Außerdem erfahren wir, dass die Inobhutnahme das letzte Mittel ist. Davor sind im Regelfall schon viele Dinge passiert, Hilfen angeboten worden, die leider keinen Erfolg gezeigt haben. Kein Kind wird einfach so in Obhut genommen. Und natürlich werden Kinder auch immer wieder mal bei Wegfall der akuten Gefährdung zu den Eltern zurückgeführt. Das weiß man aber in der Regel schon vor der Inobhutnahme. Wenn die Mama beispielsweise eine Kur antreten muss und es keine anderweitigen Unterbringungsmöglichkeiten gibt (keine oder keinen Kontakt mehr zu Verwandten etc.), dann kommt ein Kind auch schonmal in eine Kurzzeitpflege. Nach dem Gespräch waren wir schon fast überzeugt, dass wir den richtigen Weg für uns gefunden haben.

Wir wollten ein Kind in Vollzeitpflege bei uns aufnehmen. Und ja, wir wussten auch, wir können nur ein Kind aufnehmen, bei dem das Risiko, dass es wieder zurückgeht, als möglichst gering eingeschätzt wird.

Informationswochenende oder Assessment Center?

Jetzt gab es erst einmal noch einige Hürden zu nehmen. So ist bei diesem Jugendamt der allererste Schritt die Pflichtteilnahme an einem Informationswochenende auf dem Land. In eine alte, sehr gemütliche Jugendherberge werden Interessierte eingeladen. Zusammen mit erfahrenen Pflegeeltern, Psychologen und Jugendamtsmitarbeiterin wird sich von Freitagabend bis Sonntagmittag ausgetauscht. Es werden Vorträge gehalten, gemütliche Gespräche am Kamin geführt und lange Spaziergänge gemacht. Aber auch hier fragte man sich schon: Wie wirkt es, wenn wir jetzt Alkohol trinken? Wie soll man sich verhalten? ist das gemeinsame Essen schon eine Art Assessment Center? Wie sehr wird man begutachtet und wie kommt es an, dass ich ständig so ergriffen bin und heule? Wirke ich labil? Wir wollen ein Baby und wir wollen den Leuten hier doch vermitteln, dass wir stark sind. Das Wochenende war ordentlich anstrengend, sehr intensiv und danach wussten wir, wenn die uns wollen – wir wollen! Auch wenn es gewiss noch anstrengender und tränenreicher wird. Von Anfang an bedaure ich die leiblichen Mütter. Egal was Ihnen geschehen ist, es muss furchtbar sein, sein Kind zu abgeben zu müssen. Auch wenn die Mutter drogensüchtig ist oder alkoholkrank … auch eine Mutter, die ihr Kind schlägt, wird viele Momente haben, in denen sie leidet. Ich leide von Anfang an mit ihnen. Laut der Psychologin ist das genau die richtige Einstellung, um mit dem Thema umzugehen. So kann es funktionieren. Ich wusste, dass es aber auch für mich viel Arbeit bedeutet, nicht mit diesen Müttern unterzugehen und mich immer wieder etwas rauszuziehen und abzugrenzen. Das ist ein Dauerthema an dem ich immer noch arbeite.

Antrag abgegeben – irgendwie schwanger

Das Wochenende im November lag hinter uns, es folgten noch zwei weitere Gespräche im Jugendamt und am 23.12.2013 gaben wir den Antrag ab. Wir brachten ihn persönlich vorbei. Zu Weihnachten erzählten wir unseren Familien alles und erklärten, dass wir jetzt also irgendwie „schwanger“ sind, wobei wir dann ja noch überprüft wurden und nicht wussten, wie lange die „Schwangerschaft“ dauerte und ob es nicht eventuell auch noch einen Abbruch gibt. Unsere Familien sind wie erwartet wundervoll, sagen uns bei allem ihre Unterstützung zu.

Wir werden jetzt also überprüft. Wie groß ist die Wohnung? Was ist mit den finanziellen Verhältnissen? Hat man Schulden? Hat man schon einmal eine Psychotherapie gemacht? Ist man gesund? Ist man vorbestraft? Was sagen die Nachbarn, wenn es laut wird?

Alle Fragen machen Sinn. Auch die getrennten Gespräche bei den Mitarbeiterin des Jugendamtes und die teilweise provozierenden Fragen, sind für uns stets nachvollziehbar gewesen. „Wollen sie das auch oder nur ihre Frau?“, wird mein Mann gefragt. Und als er mir das erzählt, bin ich fast froh, dass er das gefragt wurde. Uns ist klar, das kann nur funktionieren, wenn wir als Paar funktionieren. Ich bin immer wieder verunsichert, überlege ob ich das richtige gesagt habe, doch mein Mann ist sich sicher, wir sind toll, wie wir sind. Die müssen uns doch nehmen.

Wart, wart, wart.

Nach einer gefühlt ewig langen Zeit, am Gründonnerstag 2014 sagt man uns im Jugendamt, dass die Überprüfung jetzt abgeschlossen ist, wir sind nach deren Ansicht geeignet -, wir sind als erziehungsfähig eingestuft. Wow, das hört sich wirklich gut an! Und dann werden wir gefragt, wann wir denn ein Kind haben wollen. Das liest sich bestimmt komisch. Aber ja, ich habe also meinen Kalender rausgeholt – … und schließlich muss ich mit meinem Arbeitgeber sprechen, ein Zimmer muss eingerichtet werden. Ich gucke in den Kalender und sage, nach Pfingsten … ich bin seit Jahren verantwortlich für den Mittelalterlichen Markt und der findet nun einmal Pfingsten statt. Und wenn ich nun schon das Ankommen des Kindes planen kann, dann soll es bitte nach Pfingsten sein. Ich möchte mich gerne mit einer kühlen Ziege (Bier und Apfelsaft) bei meinen Kollegen und den Schaustellern verabschieden. Danach ist mir alles recht, wenn dann der Anruf kommt, stehe ich auf und gehe.

Die nächste Zeit ist mega aufregend. Man weiß ja nicht, wie alt wird das Kind sein, wird es ein Mädchen oder ein Junge … und was hat es eventuell schon erlebt. Unser ganzes Umfeld fiebert mit. Wir entscheiden uns vorerst nur ein Gitterbettchen für ein – bis zweijährige und eine Wickelkommode zu kaufen.

Wir bleiben in engem Kontakt mit dem Jugendamt. Der NDR hat Interesse einen Beitrag zu drehen und uns zu interviewen. Wir sollen erzählen, warum wir ein Pflegekind aufnehmen wollen und wie so eine Überprüfung läuft. Deshalb ist es gar nicht verwunderlich, dass das Jugendamt mich am 7.5. im Büro anruft. Ich kenne die Nummer mittlerweile und melde mich gut gelaunt. „Na was möchte der NDR jetzt noch?“

Das Kind ist da. Wann kann es kommen?

Am anderen Ende ist der Ton ernst, sie sagt: „hmm ja, wir hatten ja gesagt, es soll erst nach Pfingsten losgehen … aber manchmal ist das Leben anders.“ Mir wird schlecht, die Knie werden weich. Sie fängt an zu erzählen. Der Kleine ist am Montag geboren. Die Mutter wollte ihn zur Adoption freigeben und hat es sich ganz kurz vor der Geburt anders überlegt. Jetzt soll der Junge in eine Pflegefamilie. Eins der drei ersten Kinder lebt bereits in einer Pflegefamilie und zu dieser Familie hat die Mutter einen sehr guten Kontakt. Sie bekommt so also sehr nahe mit, wie es dem Kind geht und genauso wünscht sie es sich jetzt nun auch für Kind Nummer 4. Auch wenn sie sich das während der Schwangerschaft ganz anders vorgestellt hatte. Die Adoptiveltern wurden also nach Hause geschíckt (wie furchtbar) und wir werden gefragt… der Junge soll morgen aus dem Krankenhaus entlassen werden. Er braucht doch jemanden. Mir wird schlecht. Wir haben nichts zuhause für einen Säugling… in vier Wochen ist der Mittelalterliche Markt und nun soll es morgen losgehen. Ich sage nein, das kann ich nicht. Wir verabreden uns, dass wir in zwei Stunden wieder telefonieren. Ich habe jetzt ein Meeting beim Chef. Auf dem Büroflur versuche ich meinen Mann zu erreichen. Leider vergebens, stattdessen kommt eine Nachricht, „ich sitze im Meeting, ich melde mich später.“ Tst … typisch, ich „liege in den Wehen“ und er!? … Dann muss ich heulen. Ich berappel mich schnell und schleppe mich zu meinem Chef, er ist angespannt … Mist, jetzt hat der auch noch schlechte Laune. Er guckt gar nicht hoch. Er sagt nur, können wir schnell machen, ich habe keine Zeit. Ich merke, dass ich gar nicht aufgehört habe zu heulen und sage nur, ich bin wohl gerade Mutter geworden. Beim Gespräch oder vielmehr beim heulen bekomme ich auf einmal große Angst. Wenn wir ihn nun morgen nicht abholen können, weil ich es mir nicht zutraue, was passiert dann mit ihm? Wo kommt er hin?. Und wie groß ist wohl die Chance, ein neugeborenes Baby aufzunehmen. Mein Chef reicht mir Taschentücher, bietet mir Schnaps an und ist toll. Er sagt, ich könne sofort gehen oder nächste Woche … oder … ach egal. Das Baby ist wichtig. Ich gehe also irgendwann zurück ins Büro als mein Mann mich zurückruft. Er hat mittlerweile auch mit dem Jugendamt gesprochen. Es ist vollkommen ok, wenn wir morgen früh anrufen und unsere Entscheidung mitteilen. Der Kleine kommt vorerst zu einer Bereitschaftspflegefamilie. Der Abend ist tränenreich -, erst wollen wir Alkohol trinken, bleiben dann doch nüchtern, weil wir lieber reden, uns an den Händen halten und uns ausmalen, wie das wohl werden wird. Ein Baby … für uns. Wie spannend!

Wir reden vorerst nicht mit unseren Familien, wir wollen erstmal am nächsten Morgen mit dem Jugendamt reden … wir schlafen nicht viel, sind beide sehr unruhig.

Die Planung beginnt

Am nächsten Morgen im Büro rufe ich als erstes im Jugendamt an. Ich sage, wir wollen diesen Jungen, aber wirklich erst in fünf Wochen kann er auch einziehen. Wir brauchen diese Zeit zum Vorbereiten, zum Einkaufen, um uns darauf einstellen zu können und vor allem aber für mich -, ich muss meinen Arbeitsplatz ordentlich hinterlassen. Der Kollege, der mir zuvor etwa ein Jahr zugearbeitet hat, wird dann meinen Job übernehmen. Aber er braucht dann ja auch wieder einen Assistenten …

Aber jetzt wird es richtig spannend für uns. Es steht ein Wochenende vor der Tür, Freitagabend sind wir nur am Telefon, unsere Eltern und Geschwister werden informiert, am Samstag fahren wir einkaufen. Einen Kinderwagen bekommen wir von einer lieben Kollegin geschenkt.

Gestatten: die leiblichen Eltern

Eine Woche später lernen wir seine leiblichen Eltern kennen. Das ist der normale Lauf – , als erstes lernt man die Eltern kennen und nur wenn man sich das mit den Eltern vorstellen kann, lernt man das Kind kennen. Wir sind beide sehr aufgeregt vor dem Treffen. Es ist natürlich eine angespannte Stimmung, aber als nach einer kurzen Vorstellungsrunde die Jugendamtsmitarbeiterin die Mutter bittet mal von ihren Kindern zu erzählen, ist alles gut. Sie liebt ihre Kinder. Das ist mir klar und sie hat ihren Kindern nichts Böses angetan. Sie hatte selber eine schwere Kindheit und ich denke die ganze Zeit, dass sie doch so viel jünger wirkt, als sie tatsächlich ist. Ich finde sie sehr sympathisch, sie wirkt warmherzig, sie hat eine niedliche Stupsnase und Sommersprossen. Der Vater ist auch sehr höflich, etwas unsicher, redet eher wenig. Das Jugendamt erklärt den beiden, dass wir nun als nächstes ihr Baby kennenlernen und dass, wenn wir uns für ihn entscheiden, er dann bald bei uns einziehen wird. Sie sagt, das wäre doch schön … und mir kullern die Tränen.

Als die beiden gehen und wir im Jugendamt zurückbleiben weiß ich gar nicht mehr, warum die Kinder nicht bei denen sind. Aber uns werden noch einmal ein paar Fakten erzählt, die es uns ganz schnell wieder vor Augen führen. U.a. wie wichtig es ist, dass wir als Kinder schon in der Familie durch Liebe und Führung Werte und Ideen vermittelt bekommen, die es uns erst ermöglichen, gute Eltern für ein Kind zu sein.

Gestatten: das Kind

Drei Tage später, der Kleine ist nun zwei Wochen alt, dürfen wir ihn endlich kennenlernen. Er ist bei ganz lieben Bereitschaftspflegeeltern. Die Bereitschaftspflegemutter hat ihn auf dem Arm als sie uns die Tür aufmacht. Wir setzen uns und sie fängt an ein wenig zu erzählen. Er weint recht viel, er vermisst wohl seine Mama und er spuckt sehr viel. Er ist so klein und hat eine mega Stupsnase, wie seine Mama. Und dann sagt sie: “nimm ihn doch mal!“. Und ich nehme ihn auf den Arm und fange leise an mit ihm zu sprechen. Das fühlt sich toll an, ich schnuppere an ihm … und schon wieder fließen die Tränen. Die Jugendamtsmitarbeiterin guckt mich kurz an und fragt, Ist das ein Ja? Ja, natürlich sagt mein Mann. Er steht hinter mir, hat sein Kinn auf meiner Schulter und auch ihm fließen die Tränen. Irgendwann holen wir noch mal den Kalender raus und verabreden nun die nächsten Termine. Wir sollen uns jetzt „anbahnen“. Das bedeutet, wir sollen so oft wie möglich den Kleinen sehen. Wir sollen ihn wickeln, ihm die Flasche geben, ihn anziehen. Wir bekommen Hilfe von der Bereitschaftspflegemutter – eine tolle Frau. Sie hat selbst zwei erwachsene Söhne, ist im gleichen Alter wie meine Mutter und ist so verliebt in den kleinen Kerl. Und ich bin dankbar über sie, ich könnte mir keine Bessere für ihn und für uns vorstellen. Wir haben heute noch ein recht inniges Verhältnis.

Das Kind zieht ein

Am Tage der U 3 zieht er bei uns ein. Wir holen ihn ab, ich werde nie diesen Blick vergessen. Er liegt in der Babyschale und guckt uns beide groß an. Wirklich als ob er merkt, dass hier etwas ganz wichtiges passiert. Ich sitze mit ihm hinten und halte während der Autofahrt sein Händchen. Als frisch gewordene Eltern fahren wir zum Kinderarzt und dann nach Hause. Es ist wieder ein Freitag, das Wochenende wird aufregend, mein Mann kann drei Tage nicht richtig essen, so sehr wühlt es seinen Magen auf, das ist wohl die Stufe nach dem Heulen. Uns wird jetzt bewusst, was das bedeutet: er ist jetzt da, er gehört zu uns. Er ist von uns abhängig und er fühlt sich alleine, er hat in den 5 Wochen seines Lebens bereits zwei Verluste erfahren müssen. Direkt am Tage seiner Geburt hat er seine Mutter verloren und nun seine nächste Mama. Jetzt sind wir da. Wir müssen jetzt erst einmal Bindung aufbauen, ich bleibe auf jeden Fall zwei Jahre zuhause, ich arbeite ein wenig am Abend in meinem alten Job. Aber uns ist klar (und das Jugendamt setzt das voraus), dass wir ihn nicht so bald fremd betreut lassen sollen. Ab jetzt ist fast alles wie bei anderen Eltern auch … und doch auch nicht. Wir sind uns sicher, dass wir ein eigenes Kind nicht mehr lieben würden, als ihn. Wir sind aber auch irgendwie froh, dass wir keinen Vergleich haben. Er ist „unser Kind“, wenn ich mich auch anfangs ständig gefragt habe, ob diese natürliche Bindung zwischen Mutter und Kind nicht doch so innig ist, dass ich da nie dran komme. Ich bin eben nur der Ersatz – , vermutlich ein recht guter – , aber nur Ersatz.

Mama, Papa und leibliche Eltern mit Vornamen

Mittlerweile versuche ich das nicht mehr so oft zu denken. Anfangs habe ich aber auch immer erzählt, dass er ein Pflegekind ist und so kamen dann die Fragen: Wie lange kann er denn bleiben und was ist denn mit den Eltern?. Und diese Fragen schmerzen, weil sie eben uns alle irgendwie herabsetzen … und wir werden anders angesehen. Mittlerweile erzähle ich es nicht mehr direkt und warte erstmal. Es ist ja einfach auch nicht wichtig. Er hat zwei Mütter und zwei Väter. Wir sind für ihn Mama und Papa und wir erzählen von den beiden anderen mit ihren Vornamen. Wir sehen uns regelmäßig, anfangs alle zwei Wochen, mittlerweile ist der Abstand größer geworden, aber wenn wir sie brauchen, für irgendwelche Unterschriften oder so, sind sie da. Sie sind schon lange kein Paar mehr, kümmern sich aber gemeinsam. Ich habe wirklich großen Respekt vor beiden. Sie haben uns akzeptiert, wissen dass wir ihr Kind lieben und wir alles für ihn tun und dass wir ihnen ihr Kind nicht entfremden. Wir konkurrieren nicht. Sie gehören zu uns, Fotos von ihnen hängen im Kinderzimmer und unsere Familien kennen sie. Das Jugendamt sagt, dass wir viel Glück mit den Eltern haben, das ist wohl eher die Ausnahme. Überhaupt ist unser Verhältnis eher die Ausnahme. Jetzt ist bald Weihnachten und ich bin doch immer so sentimental. Das erste Weihnachten als Familie war einerseits sehr schön und andererseits war ich so traurig, traurig für die Mama die ohne ihre Kinder ist. Als Mutter ohne Kinder zu leben muss doch furchtbar sein. Im Gegenzug haben wir so viel Glück mit diesem Sonnenschein. Wir haben ein Kind.

Kind Nummer zwei ist auch schon da

Am 19.12.2016 ist ein kleines Mädchen bei uns eingezogen. Der Kleine ist jetzt auf einmal der Große. Und wieder ist unsere Familie etwas größer geworden. Auch diese neue Familie gehört dazu und wir mögen sie. Und tatsächlich kennen sich die Mütter unserer Kinder und finden es irgendwie cool, dass ihre Kinder jetzt Geschwister sind. Neulich trafen wir uns alle gemeinsam bei einem Fest der Lebenshilfe. Aber ich denke, es kann nur so laufen! Dann haben die Kinder eben zwei Mütter und zwei Väter.

Abschließend noch ein paar Zahlen:

Allein in Braunschweig wurden im Jahr 2016 751 Kinder in Obhut genommen, davon waren 60 Kinder unter 6 Jahre. Aktuell werden für 5 Kleinkinder in Braunschweig Pflegeeltern gesucht. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 waren es noch 552  Inobhutnahmen. Insgesamt ist festzustellen, dass die Zahl der Inobhutnahmen stetig steigt, das liegt daran, dass die Bevölkerung wachsamer ist und eher Missstände auffallen und man mehr um das Wohl der Kleinen besorgt ist. Aber es gibt immer noch viel zu wenig Menschen, die Pflegeeltern werden wollen. Stattdessen warten viele auf ein Kind, dass sie adoptieren können oder nehmen auch in Kauf für eine Adoption abgelehnt zu werden, weil sie zu alt sind … und leben stattdessen ohne Kinder. Für uns unvorstellbar.

Wir nehmen an, dass wir im Adoptionsverfahren wohl ausgesiebt worden wären… Zum Glück war das für uns nie interessant.

 

 

  5 Replies to “Gastbeitrag einer Pflegemutter: „Und wie lange bleibt er?“”

  1. Kathi
    28.12.2017 at 23:43

    Bin sehr ergriffen, von eurer Geschichte. Diese beiden Kinder haben einen wunderbaren Platz bekommen. Was für ein Glück, dass es Menschen wie euch gibt! Und Respekt, wie ihr mit den leiblichen Eltern umgeht. Alles Gute weiterhin!

  2. Christine
    4.1.2018 at 08:44

    Vielen Dank für diesen Bericht. Da sind ein paar Tränen geflossen.

  3. 11.1.2018 at 15:44

    Ich hab den Beitrag jetzt schon einige Male gelesen und immer wieder bekomm ich Pipi in die Augen.

    Das mag daran liegen, dass ich ganz nah dran bin (Janine ist meine Schwester und somit sind die Pflegekinder mein Neffe und meine Nichte – und ich liebe sie abgöttisch), aber auch weil die Geschichte mich immer wieder berührt.

    Ich finde es einfach unheimlich stark und bewundernswert, dass es Menschen gibt, die armen Kinder ein so wunderbares Leben ermöglichen und ich bin täglich aufs neue sehr stolz auf meine Schwester, dass sie das mit so viel Hingabe und Liebe umsetzt.

    Ich könnte mir keine tollere Pflegemama vorstellen und ich danke dir, Rike, dass du ihre persönliche Geschichte veröffentlicht und damit auf das Thema Pflegekinder aufmerksam gemacht hast!

    Liebe Grüße
    Anna

  4. 11.1.2018 at 19:14

    Welch eine schöne Geschichte. Ich habe schon von Anna von euch gehört und es klingt wirklich toll! Ich selbst habe einen damals 16jährigen als Pflegesohn aufgenommen, mit erweitertem Förderbedarf, ohne leibliche Familie vor Ort. Auch für mich eine große Herausforderung, aber im Endeffekt kann man den „Kindern“ doch so unglaublich viel geben. So sollten sich tatsächlich viel mehr derer, die einen unerfüllten Kinderwunsch haben, das Prinzip Pflegefamilie anschauen. Es ist gewiss etwas anderes mit den zusätzlichen Verwandten, aber keineswegs ein schlechteres Lebenskonzept als die klassische Familie, da man so auch viel mehr Austausch hat und gegenseitig unterschiedliche Perspektiven kennenlernt, sowohl Kinder, wie auch Erwachsene. Auch aus den Pflegeelterngruppen (bei mir für Jugendliche) höre ich so viele positive Erlebnisse.

    Euch alles Gute!
    Alles Liebe,

    Julia

  5. 12.3.2018 at 17:26

    Hallo Janine!
    Tolle Geschichte und viel informativer als alles Fachblah über Pflegekinder. Ganz toll, das ihr Pflegekinder genommen habt und dass es so gut lief! Ich bin tief beeindruckt vom Kontakt mit den Eltern! Ist der denn weiterhin auch so gut? Ich hab das nicht ganz verstanden: bedeutet Langzeitpflege, dass die Kinder tatsächlich bei Euch bleiben dürfen? Denn für die wäre es ja abgrundtief schrecklich von euch wegzumüssen? Ganz zu schweigen von euch! Sorry, das ich das Frage, das ist ja die Frage, die dich immer so ärgert! Ich meine das null herabwürdigend, ich überlege nämlich selbst Pflegemama zu werden und da finde ich die Frage schon wichtig!! Auch für meine größeren Kinder, wäre es wichtig. Aber natürlich bedeutet Pflege ja, das man es nie genau weiß, oder doch? Deshalb wollen die Leute ja adoptieren. Vielleicht sind die Informationen einfach zu spärlich, deshalb finden sich nicht so viele Pflegefamilien. Z. B. das nur Kinder in Pflegefamilien kommen, die gute Aussichten haben, es zu „schaffen“ wusste ich absolut nicht. Auch nicht, dass sie eher klein sind.

    Ich habe mal eine Pflegemutter gekannt, die einen Säugling in Obhut genommen hat und dann hergegeben, weil sie zu alt war, das war sehr schlimm für sie! Obwohl sie es selbst so entschieden hat.

    Ganz liebe Grüße

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