EUER FRÜHER IST NICHT MEIN JETZT.

Auf Facebook sehe ich oft Sprüche, in denen sich darüber beklagt wird, was heute alles so falsch läuft. Eltern helikoptern. Alle starren nur noch auf ihre Smartphones. Jeder denkt nur noch an sich. Alle tragen Helme. Nirgends darf mehr geraucht werden. Genau genommen sind alle, die Früher noch nicht gelebt haben und/oder es nicht so hart feiern wie erlebnisorientierte Jugendliche G20 Springbreak, zu bedauernde Trottel.
Wenn ich diese Früherfeierposts lese, dann frage ich mich immer, ob alle, die das posten, wirklich denken, dass Gerätebrennball ihnen ihnen die Krone der Schöpfung aufgesetzt hat. Und dann frage ich mich, ob die, die als letztes gewählt wurden, an Früher nicht vielleicht nur besser fanden, dass es vorbei ist. Neenee, früher, da war die Welt noch in Ordnung. Mehr Unfalltote, Kalter Krieg, Männer, die die Jobs ihrer Ehefrauen kündigen durften. Huch, das wollte ich gar nicht schreiben. Also noch mal: Früher, da gab es kein Internet, da waren wir alle ohne Dauerberieselung und meistens draußen.

Warum nur das eine (YEAH, FRÜHER!) und nicht auch das andere (JETZT IST AUCH MAL GUT!!)?

Ich zum Beispiel bin auf dem Land aufgewachsen und war deshalb sehr viel draußen und spielte gefühlt tagelang ohne jegliche Kontrolle. Meine Eltern haben meinen Bruder und mich ganz viel allein machen lassen. Wie herrlich! Genau das wünsche ich mir für meine Kinder, und der Gedanke an meine Kindheit ruckelt mich in meiner Schissigkeit häufig etwas zurecht und dann lasse ich deshalb den Großen mehr allein machen, zum Beispiel allein zur Schule gehen.
Aber ich kann auch die Eltern verstehen, die ihre Eltern bis zum Klassenraum bringen. Zum einen, weil es eben Kinder gibt, die sich das wünschen und wir zum Glück die Bedürfnisse der Kinder heutzutage ernster nehmen. Zum anderen, weil ich auf dem Schulweg des Großen eben auch schon jemanden beim Crack rauchen gesehen habe.
Und jetzt mal Finger hoch, wer Früher-Hurraa-Posts teilt und sich im Jetzt mit Drogen auf dem Schulweg konfrontiert sieht! Nicht so viele? Das habe ich mir ein bisschen gedacht.
Ich gehe jetzt einfach mal mit mir durch und stelle mir vor, dass die, die mir sonst Helikopterismus vorwerfen, in meiner Lage vielleicht sogar Unterschriften sammeln und beim Bezirksamt demonstrieren würden, damit die Trinker und Dealer verschwinden und es hier ein bisschen ordentlicher und mehr wie früher wird. Dann wiederum würde ich mich lustig machen, weil die Trinker und Dealer früher ja auch schon da waren und ich ja nicht in ein Viertel ziehe, um mich dann zu beschweren, dass es ist, wie es war. Außer, die Dealer sprechen mich im Park an ein einem Sonntagnachmittag an, wenn ich mit der ganzen Familie dort bin. Dann denke ich, dass die Dealer das früher aber nicht gemacht haben, zücke ich den Stift und unterschreibe die Unterschriftensammlung mit: ACH, EY, ES IST WIRKLICH KOMPLIZIERT.
Ich fand früher wirklich viele Sachen toll. Aber wenn ich sie mit heute vergleiche, gebe ich nicht allem einen pauschalen Heiligenschein. Der wäre damals auch kaum zu sehen gewesen, weil ich häufig in einer Wolke aus Zigarettenrauch sass, Zuhause wie im Auto. Dass nicht mehr überall geraucht werden darf, ist ein klarer Punkt für die Gegenwart. Dagegen finde ich Smartphones und iPads dieser Welt zwar toll und praktisch, aber ich hasse sie dafür, dass sie es mir so schwer machen, einfach mal nichts zu tun. Früher war viel mehr Rumhängen. Außerdem vermisse ich Samstagabendshows, die wir als frisch gebadete Familie zusammen gucken. Dann denke ich an den in Dekolletés glotzenden Thomas Gottschalk und es geht wieder.
Mein Vorschlag: alle, die nur das Früher feiern, nehmen ihre rosarote Brille ab und die, die Früherfeierei nervt, ihre Hasskappe und wir treffen uns mit freiem Kopf da, wo die meisten Radiosender sich am wohlsten fühlen: bei den persönlichen Hits der 70, 80er, 90er, 2000er und dem Besten von Heute.

  2 Replies to “EUER FRÜHER IST NICHT MEIN JETZT.”

  1. 20.7.2017 at 17:49

    Mein Radiosender ist ja radioeins, und die fühlen sich neben dem Mainstream am wohlsten. Das teile ich, aber es gehört gar nicht zum Thema. Davon ab, teile ich die Ambivalenz, ob es nun früher oder heute besser war, oder ein bißchen früher im heute am schönsten wäre. Und am Ende leben wir in der besten aller Welten, weil heute das einzige ist, was wir haben. Philosophiermodus aus.
    Ich mag deinen Text sehr, wie meistens.

  2. rike
    20.7.2017 at 20:49

    ach, du. ich mag deine kommentare und deine texte erst recht. ich höre übrigens am liebsten den österreichischen radiosender fm4. da kriegste die nachrichten kinderfreundlich in fremdsprachen und eine großartige musikauswahl.
    sei gedrückt!

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