Ich bin fertig mit der Schönheit!

„Mama, hast du ein Baby im Bauch?“

Mein Bauch, sicher in einer gemütlichen High Waist Jeans verpackt, sah anscheinend so rund aus, dass eine Schwangerschaft für die kleine möglich schien. Aber möglich schien für sie gestern Nacht im Traum auch, dass sie wegen Kartoffelpüree an der Nase ins Gefängnis kommt. Was mehr für ihre Fantasie als für die Flachheit meines Bauches spricht.

„Zeig mal.“, forderte sie mich auf.

Ich zog meinen Pulli hoch. Sie guckte und klopfte mit ihrer Hand drauf. Der Bauch wackelte und ich sagte:

„Guck mal, in diesem Bauch sind du und dein Bruder gewachsen und kurz vor eurer Geburt war er kugelrund. Dann war er kleiner und jetzt sieht der Bauch so aus, weil er zweimal riesig war. Und weil ich so gern gute Sachen esse. Das ist der Bauch von einer glücklichen Mama.“

Nachdem sie sich noch meine Kaiserschnittnarbe angeguckt hat, zog sie ihren Schlafanzug hoch und zeigte mir stolz ihren Bauch – und das Thema hatte sich für sie erledigt. Gut so. Mir ist nämlich wichtig, dass meine Kinder ein gutes Körpergefühl haben. Ich wünsche mir sehr, dass sie verstehen, dass alle Menschen eben irgendwie aussehen, dick, dünn, gross, klein, blass, dunkel, tätowiert, glatzköpfig oder so, aber kein äußerliches Merkmal etwas ist, das irgendwie bewertet oder sogar belacht werden sollte.

Alle sind, wie sie sind!, ist ein Satz, den ich häufiger sage als: „Morgen wird aber wirklich gebadet.“

Aber perfekt passt mir nicht.

Mit das tollste an den Gesprächen mit den Kindern ist: Ich mache das nicht, weil ich irgendwo gelesen habe, dass es eine gute Idee ist, ihnen beizubringen, dass Äußerlichkeiten eben nur Äußerlichkeiten sind, ich finde das wirklich. Inzwischen. Bei mir hat sich diesen Sommer anscheinend der Perfektionssknoten gelost und das aus mehreren Gründen. Der erste war ein Besuch im Freibad Finkenwerder. Ich war vor dem Besuch körperlich unsicher, weil ich die letzten Jahre gefühlt umzingelt war von perfekten Menschen. Da war die Frau, zu deren Fitness-Youtube-Videos ich Zuhause allein herumhample. Da waren all die Frauen auf Plakaten und Magazinen und vor allem im Internet, die ihre flachen, muskulösen Bäuche schick ausgeleuchtet mit funky Filtern präsentierten. Klar wusste ich, dass es eigentlich totaler Humbug ist, sich mit diesem Menschen zu vergleichen, weil entweder Fitness ihr Beruf ist oder weil sie gutes Licht und viel Zeit für Training und die Suche nach den perfekten Lichtverhältnissen haben. Trotzdem machte ich mich dafür runter, dass ich nicht so dünn und faltenfrei und sonnengeküsst und nach einer strengen Schönheitsformel symmetrisch war.

Begegnungen der schönen Art

Aber ich war ja gerade im Freibad. Dort hatte ich mehrere Schlüsselerlebnisse. Das erste, weil ich bemerkte, dass es dort gar nicht wie auf Instagram war. Mir begegneten von Kopf bis Fuss völlig verschiedene (!) Menschen. Alle waren einfach, wie sie waren, und ich hatte nicht das ungute Gefühl, dass es hier irgendeine Hackordnung von dick (super) zu dünn (pfui) gab. Noch wichtiger war mein zweites Schlüsselerlebnis: ich begegnete in diesem Freibad mehreren Frauen, die ich toll fand. Eine fiel mir auf, weil sie im Schwimmbecken so doll mit ihrem Kind lachte. Sie hatte nasse Locken, die beim Lachen wackelten, warf einen Ball rum und strahlte. Mit einer anderen kam ich kurz ins Gespräch, das ich unterhaltsam und klug fand. Ihre Augen blitzten herrlich und ihr Mund sah schön aus, wenn sie grinste.

Groschen Nr. 1 ist gefallen

Auf dem Weg zu unseren Handtüchern dachte ich darüber nach, dass beide Frauen in diesem Instagram/Frauenmagazin/Bewertungssystem-Sinn (genau wie ich) kritisiert worden wären und was das für ein Scheiss ist. Ich weiss, dass ich damit viel zu spät bin, aber bei mir ist in diesem Moment (mit 41!!) erst der Groschen gefallen. Ich habe nicht nur Du-darfst-mäßig gedacht: „Hey, wird sind alle okay, wie wir sind“ und mir dann die Pommes geklemmt. Nein, ich habe tatsächlich verstanden, dass Schönheit wirklich nichts mit dieser propagierten Perfektion zu tun hat. Die Pommes danach schmeckten doppelt und dreifach gut.

Groschen Nr. 2 für Celeste Barber

Keine Ahnung, ob es suggestive Wahrnehmung war oder ob sich wirklich etwas tat, aber plötzlich sah ich im Internet auch Bilder von Frauen, die diesen Perfektionskram nicht mitmachten. Ganz vorn mit dabei Celeste Barber, eine australische Comedienne, die ich aus der tiefsten Tiefe meines Herzens liebe. Sie stellt die gestellten Fotos von Models und Co. nach, und das ist so lustig und großartig und sagt so viel aus, dass mir der zweite Groschen wie ein Stein vom Herzen fiel. Ja, ich hätte von selbst drauf kommen können, aber für mich hat es diese großartige Frau gebraucht, weil Humor bei mir auch die verstaubtesten, verkantetsten Schubladen aufkriegt:

Wir sehen alle verschieden aus und können unterschiedliche Sachen gut. Foto: Celeste Barber auf Twitter

 

Die Frau auf der linken Seite wird es immer geben, und um sie geht es hier gar nicht. Es geht um mich und dass ich fröhlich mein Quatschleben leben will, ohne mich von Leuten, Magazinen etc. bewerten zu lassen, die ich gar nicht kenne und die Kriterien haben, die meinem Leben nicht entsprechen. Es geht darum, dass ich mich viel lieber mit beknackten Schwimmflügeln auf ein Gummitier setze und eine beknacktes Gesicht mache, als mich stattdessen wegen Dickfühlselbsthass in eine Ecke zu setzen und meine Kinder allein ins Wasser zu schicken.

Meine neue Bewertungsstelle: meine Ärztin

Ich habe weder Zeit, noch Disziplin und nur homöopathische Ambitionen, wieder in meine minikleine Jeans zu passen. Und ich versuche auch nicht mehr, sie anzuprobieren, um mich danach schlecht zu fühlen. Lieber mache ich so regelmäßig Sport und esse so gesund, dass meine Ärztin mir regelmäßig mitteilt, dass alle Werte, die ich für ein langes Leben brauche, tiptop sind. Das heisst, ich kann, wenn mich kein Auto überfährt oder sowas, hoffentlich noch lange fröhlich sein. Und ich bin mir sicher, dass ich in meinen letzten Atemzügen nicht frustriert denken werde: SCHEISSE NOCHMAL, ICH WOLLTE DOCH KOMPLETT RASIERT IN SIZE ZERO STERBEN.

Pfff, so dick bist du doch gar nicht

Klar können jetzt welche sagen: ‚Pff, die ist ja gar nicht RICHTIG dick‘ oder so. Aber erstens ich war mal viel dünner, und wenn mir vor 10 Jahren jemand ein Foto von meinem heutigen Ich gezeigt hätte, wäre ich traurigerweise vermutlich mit Papiertüte über dem Kopf von der Köhlbrandbrücke gesprungen. Und zweitens sind solche Kommentare genauso doof wie „Du bist okay, aaaaber“-Texte aus Frauenzeitschriften. Aus jeder Richtung bestimmen andere, wie ich aussehen muss, damit ich das Recht zu irgendetwas habe. Zum zu dick fühlen. Zum zu dünn fühlen. Zum Lepoardenmuster oder Minirock tragen. Zum eingestellt werden, FollowerInnen kriegen, was weiss ich. Diese permanenten Bewertungen von allen führen nur dazu, dass sich kaum jemand einfach gut fühlt. Viel zu viele meiner Freundinnen machen sich wegen irgendwas fertig. Zu dünn, zu dick, zu viele Falten, zu groß, zu klein, hässliche Knie, es gibt nichts, was nicht hässlich sein kann. Ätzend, oder? Ich will da nicht mehr mitmachen und schaffe inzwischen fast immer zu sagen:

Schönheit, ich bin fertig mit dir!

    • Wenn ich mich schminke oder überlege, was ich anziehe, dann mach ich das gern. Aber statt mich fertig zu machen, weil immer was Neues nicht perfekt ist, bin ich jetzt eben irgendwann einfach fertig, finde mich schön und mache was anderes.
    • Ich will nicht mehr der unerreichbaren Perfektion hinterherleiden, sondern gesund und glücklich sein. Und das hat nicht unbedingt was mit dick oder dünn zu tun. Als ich dünn war, hab ich wirklich schlimm gegessen und Kette geraucht. Jetzt esse ich gut, lache gern und bewege mich ausreichend. So bin ich vielleicht nicht frauenmagazinperfekt, aber gesund.
    • Ich lese keine Frauenmagazine mehr und lasse mir nicht mehr einreden, dass irgendwas mit mir nicht stimmt, weil ein Unternehmen ein Produkt verkaufen will. Stattdessen gucke ich Filme wie Embrace oder lese „Am liebsten sind mir die Problemzonen, die ich noch gar nicht kenne“ von Corinne Luca, die nimmt nämlich genau diese Schönheitsunglücklichmachscheisse komplett auseinander und während des Lesens wächst mir ein riesengroßer, wunderschöner Fuckfinger.

    via GIPHY

    • Ich vergleiche mich mit niemandem und übe, körperfreundliche Komplimente zu machen.
    • Ich sage meinen Kindern immer, immer, immer wieder „Alle sind, wie sind.“, liebe sie, wie sie sind und hoffe, sie kommen ohne die Body Issues aus, die mich begleitet haben.
    • Ich poste selbst Fotos von mir, ohne sie durch Süssi- und Körperquetschfilter zu jagen. Und diese Fotos bekommen von mir keine #bodypositive Hashtags, sondern gar keine. Ich will nicht mutig dafür genannt werden, dass ich meinen völlig durchschnittlichen Körper in völlig durchschnittlichen Situationen zeige, das ist nämlich mein ganz normales Leben. Klar freue ich mich, wenn ich mich auf Fotos schön finde, aber meine Definition von Schön hat sich geändert. Sie hat weniger mit Kilos und Falten als mit Fröhlich- und Ichselbstsein zu tun. Das macht das Leben leichter.

     

    Das Ende vom schönen Lied

    Seitdem ich mir tatsächlich keine Gedanken mehr darüber mache, ob Leute am Nebentisch denken, dass ich aber ganz schön viel esse oder Freunde, die ich länger nicht gesehen habe, vielleicht finden könnten, ich bin dicker oder faltiger geworden, ist es sehr toll. Es stimmt zwar beides, aber es macht bei nichts in meinem ganzen Leben einen Unterschied, hab ich gemerkt. Diese 5 Kilo haben so viel Einfluss auf mein Leben wie die Griffigkeit von Golfschlägern oder die Abkürzung für ein neues feuerfestes Material.

    Deshalb kann ich auch einfach darüber lachen, dass ohne Witz, genau während ich genau diesen Artikel schrieb, der Reissverschluss an meiner Hose geplatzt ist.

     

     

     

  14 Replies to “Ich bin fertig mit der Schönheit!”

  1. Nele
    5.10.2017 at 17:59

    Danke für diesen großartigen Text! Ich fürchte, ich bin noch nicht ganz da. Die Groschen türmen sich zwar schon zu meinen Füßen, aber ich habe sie noch nicht glücklich in 1 kg Chips investiert. Ich merke aber, wie ich mich zunehmend über mich ärgere, dass mir der Umstand, dass die meisten Hosen kneifen nicht scheißegalerer ist. Dass ich mir keine größeren Hosen kaufe, hat nämlich nicht wirklich etwas mit Geld- oder Zeitknappheit zu tun, sondern mit einem absurden Selbsbestrafungsmechanismus für … ja, für was eigentlich?! Für über 40 Jahre falsche eingetrichterte Prioritäten? Ich arbeite daran… (Danke nochmals!)

  2. Annette
    5.10.2017 at 22:07

    Grandios, ich habe den Text sehr gerne und prophylaktisch in Jogginghose gelesen!

  3. rike
    6.10.2017 at 08:46

    das mit den Sachen nicht in größer kaufen kenne ich auch. ich dachte immer, es sei ein guter ansporn, sport zu machen oder weniger zu essen, wenn die neue hose nur fasst passt. ich arbeite auch daran und grüße dich von ganzem herzen <3

  4. rike
    6.10.2017 at 08:47

    und ich habe den kommentar sicherheitshalber in der schlafanzughose gelesen 🙂

  5. 8.10.2017 at 00:22

    Ich liebe deine Texte, Rike.
    Und ich finde, Schönheit ist tatsächlich etwas, was sehr von innen kommt. Wenn ich dich treffe, sehe ich eine schöne Frau. Das liegt unter anderem daran, dass du so kluge, lustige und wahre Texte schreibst und kein Blatt vor den Mund nimmst, und daran, dass du so viel Lebensfreude ausstrahlst, dass es ansteckt.
    Size zero und immer perfekt rasiert wird völlig überschätzt, im Leben und beim sterben sowieso. Gleiches gilt glaube ich für die allerweltmeisten „Frauenzeitschriften“. Humor hingegen kann gar nicht hoch genug geschätzt werden, und den zu haben, macht schön, genau wie die Lachfalten, die er mit sich bringt.

    Dummerweise habe ich jetzt nach dem lesen dieses Textes den Titelsong von Rabe Socke im Ohr: „ich bin wie ich bin, und das ist gut so. Jeder soll so sein, wie er ist“, schön knödelig von Eisi Eiß gesungen… Naja, ohrwurmfreies schlafen wird bei MD in tha house ja auch überschätzt, näch?

  6. rike
    9.10.2017 at 09:16

    ach, du! ich hoffe, es gibt bald kaffee!

  7. Sara
    23.10.2017 at 12:48

    So wunderbar schreiben zu können und damit Leute zum Lachen und Nachdenken zu bringen ist millionenmal toller als ein Frauenzeitschriftkörper! Ich hab Dich noch nie gesehn (ausser aufm Foto obenrum) und find dich trotzdem einfach immer wieder super und superer weil Du allein mit deinen Worten soviel los machen kannst.. Danke für diese Bereicherung hier aufm Blog oder mit deinen Büchern. Dein Hintern und Dein Bauch sind mir piepegal – aber hör bloß nicht auf zu schreiben!

  8. Alu
    27.10.2017 at 08:24

    Ach du. Wenn ich doch nur diese Selbstzweifel ausschalten könnte. Ich hoffe ich bin da auch mit 41.kuss Alu

  9. rike
    30.10.2017 at 10:20

    da hast du ja noch sehr sehr viel zeit, meine liebe <3

  10. Ohadie
    15.11.2017 at 09:51

    Ich kann leider nicht so elegant schreiben wie du, aber ich versuch trotzdem mal, meinen Senf loszuwerden…
    Ich hatte einen Schlüsselmoment, als eine Freundin, die nun wirklich wirklich auch nach Instagram und Gala-Standards super schlank und knackig ist, mir erzählte, sie hätte drei Kilo zugenommen und würde sich damit so unwohl fühlen.
    Und ich hörte mich (laut BMI 10 Kilo, laut Gala eher 20 Kilo „Übergewicht“) denken: „Guck mal, die hat das selbe Gefühl wie ich und sieht dabei ganz anders aus:“ Weil ich bis dahin eben wie die meisten von uns davon ausgegangen war, dass mein Zu-dick-Gefühl, nachdem ich die 10 Kilo endlich mal abgenommen hätte, weggehen würde. Tut es aber nicht. Die Freundin hat sich genauso zu dick gefühlt, obwohl sie bestimmt 20 Kilo leichter ist als ich. Dadurch habe ich plötzlich ganz viel verstanden: Es geht tatsächlich um das individuelle Körpergefühl und wenn ich mein eigenes für mich verbessern möchte, muss ich nicht abnehmen, sondern an anderen Schrauben drehen und arbeiten. (Dazu gehören für mich gutes/gesundes Essen und Bewegung, aber auch Dinge zu finden, die mir Spaß machen, die mich inspirieren, bei denen ich mich gut fühle.) Das klingt so banal und leider bin ich auch noch nicht ganz so weit, dass ich mich immer und zu jedem Anlass richtig fühle, so wie ich bin. Aber es hat sehr viel bei mir angestoßen. Zurzeit bin ich 35, vielleicht schaffe ich es bis 41 die letzten Schritte zu gehen…

  11. rike
    15.11.2017 at 11:34

    Danke für deinen Kommentar. So etwas ähnliches habe ich bei mir selbst erlebt. Ich habe vor Kurzem eine Foto von vor 10 Jahren wiedergefunden, auf dem ich im Bikini verarschemäßig rumpose. Dünn und nach medialen Bewertungskriterien perfekt. Aber rate mal, warum ich verarschemässig gepost habe? Weil ich mich da auch zu dick und nicht richtig fand. Und ich bin auch noch nicht ganz fertig, weil immer, wenn ich dieses Foto sehe, piekst es mich. Immer ein kleines bisschen weniger, aber trotzdem. Deshalb wünsche ich uns allen, dass wir uns von dieser vermeintlichen Perfektionsscheisse frei machen können. Ganz liebe Grüße!

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