Weg mit Wut: Unser neues Stimmungsposter für gute Familienlaune!

Also, wir haben ja zwei Kinder. Während das eine auf ein ‘Nein’ meistens ‘Na schön’ antwortet und wegtanzt, ist das andere eine schwarz angemalte und mit Pentagrammen vollgekriggelte Büchse der Pandora. Mit Sprengstoff drin. Hail Wut, Hail Wutanfall!

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“Ich will eine neue Erziehungsberechtigte”

In regelmäßigen Abständen rummst es hier gewaltig. Hier sind schon Bilderrahmen kaputtgegangen, weil sie beim Türenknallen so oft runtergefallen sind. Häufig weinen mehrere Personen. Das Kind der Wut sagt Sachen, die es zwar nicht so meint, die aber so ankommen, wir Eltern lassen uns auf zu viele Diskussionen ein und irgendwann haben wir uns in ein Streitklima gestrudelt, bei dem Steve Bannon vermutlich verzückt in die Hände klatschen würde. Alle schreien, keine/r weiss mehr so genau, beruhigen geht nicht mehr und alles ist für alle sehr anstrengend und sehr scheisse.

In dein Zimmer? Warum? Wieso?

Weil man hinterher ja immer schlauer ist, sind mir nach einem der letzten Streits zwei Sachen aufgefallen. Erstens wollte ich immer, dass das Wutkind in sein Zimmer geht, um sich zu beruhigen, was es nie gemacht hat. Es stand immer wieder vor uns und wollte weiter diskutieren. Womit ich zu zweitens komme: Wir haben immer weiter diskutiert, auch wenn wir uns in unserer Wut vor lauter Qualm, der aus unseren Ohren und Nasen kam, überhaupt nicht mehr sehen konnten.

Jetzt reichts!

Der Mann und ich setzten uns nach einem besonders anstrengenden Streit hin und überlegten, was wir besser machen können. Weil, wie meine Nachbarin mir letzt ins Ohr geflüstert hat, was ihr Montessori ins Ohr geflüstert hat: ‘Wir sind verantwortlich für die Qualität der Beziehung zu unseren Kindern.’ Und auch wenn ich ganz oft einfach schmollen und mit niemandem mehr reden will, bis die Kinder ausziehen, weiss ich natürlich, dass das nicht geht. Deshalb habe ich statt Bücher zum Thema anzuschleppen einfach mal umdekoriert:

 

Instagram winkt dankend ab, wir hüpfen vor Freude: unsere neuen Familienstimmungsregeln.

Welche Stufe bist du?

Zuallererst war mir wichtig, dass das Poster für alle Familienmitglieder gilt und dass sich unser Wutkind nicht stigmatisiert fühlt. Deshalb haben wir ganz allgemein drei verschiedene Stimmungen festgelegt und beschrieben, wie sie sind und wie wir dann im Optimalfall reagieren. Für das nichtlesende Kind habe ich die Raketen gemalt (und zur Sicherheit hat der Große noch die Smileys drübergekriggelt).

Seit dieses Poster hängt, fragt besonders die Kleine häufig: “Welche Stufe bist du?”, und beide Kinder scheinen ganz gut zu finden, ihre Stimmung mit einer Stufe zu beschreiben.

Neu #1: Gegen Wut um Pause statt aufs Zimmer bitten.

In diesem Teil des Posters befindet sich die erste Neuerung. Wollte ich sonst, wie oben bereits gesagt, dass das Wutkind in sein Zimmer geht, habe ich einfach mal ausprobiert, selbst wegzugehen. Vorher hatte ich das Gefühl, ich dürfe meinen Platz nicht aufgeben, aber dann dachte ich irgendwann: ‘Das ist doch völliger Quatsch. Will ich Macht oder will ich weniger Streit?’ Deshalb sagen wir jetzt bei totaler Ausflippwut nur noch zu allen Wütenden: “Du hast totale Ausflippwut, ich brauche eine Pause.” und gehen irgendwo hin. Das klappt viel besser als dieser Hickhack mit Aufs Zimmer schicken und Wiederkommen und dadurch noch viel tiefer die Wut strudeln. So liegt für mich der Fokus viel eher darauf, dass wir alle eine Pause brauchen und das Entfernen fühlt sich vermutlich nicht mehr wie eine Strafe an, sondern tatsächlich wie eine Pause.

Neu #2 Die 5. Regel unserer Top5 Familienregeln

Wir haben uns zusammengesetzt und überlegt, was für uns alle wichtige Regeln sind. Und dieses Potpourri der schlechten Laune ist dabei rausgekommen.

Mein Favorit ist die letzte Regel, die spart nämlich mehr Energie als diese Programmierdinger, die der Mann an unsere Heizkörper geschraubt hat. Ein einziger Satz hält uns von der Diskutierspirale fern. Mantraartig wiederholen wir zu Stufe 3-Wütenden “Wir diskutieren nur in Stufe 1”. Das ist für alle hilfreich, weil wütende Diskussionen bei uns eher nicht zum Vertragen, sondern nur zu noch wütenderen Diskussionen führen.

Die übrigen Regeln sollten eigentlich Selbstgänger sein, sind es bei uns aber nicht. Hier werden, abgesehen von physischer Gewalt, so ziemlich alle Register gezogen. Doof, aber wahr. Birgit Kelle hat hoffentlich nicht wieder ihr Emailprogramm angespitzt, um mir ihren schlauen Tipp zu schreiben.

A propos uncool: Welcome to the area of Hilflosigkeit

 

Wenn ich Ratgeber lese oder höre, denke ich häufig: ‘Aber, äh, also schön, dass bei euch die Streitsituation bereits vorbei ist, aber bei uns war das gerade mal das Warm-up.’ Was mache ich, wenn das Kind nicht aufhört? Um irgendwas für diese Momente totaler Hilflosigkeit zu haben, steht auf diesem Poster auch, dass es Medienverbot gibt, wenn die totale Ausflippwut sich nach Pause und Abstand und Nichtdiskutieren nicht beruhigt.

Medienverbot aka der Strohhalm elterlicher Hilflosigkeit.

 

Fazit: Stufe 1 mit meistens.

Ja, der Zettel sieht ein bisschen schröddelig aus. Und bestimmt kann man ein paar Sachen auch anders sagen. Aber: für uns funktioniert das gut, weil wir mit dem Zettel anscheinend zwei wichtige Punkte umgehen: Uns selber bei Wut (statt ein Kind aufs Zimmer zu schicken) und diese elende Diskutiererei. Bis jetzt haben ich dein Eindruck, so eine klare Beschreibung, wann was passiert, tut uns allen gut. Deshalb schnellen auch viel häufiger vier Arme in die Höhe, wenn die Kleine ruft:

FINGER HOCH, WER STUFE 1 IST!

als zu der Zeit, in der wir die Regel noch nicht hatten. Und ihr könnt meckern und sagen: ‘Wie doof bist du denn, du alte Plantschkuh? Als ihr die Regeln noch nicht hattet, hätte sich NATÜRLICH niemand gemeldet auf die Frage. Das weiss doch jeder, du beknackte Hobbypsychologin’. Und dann ich so mit neutralem Gesichtsausdruck: ‘Wir diskutieren nur in Stufe 1.’

 

  9 Replies to “Weg mit Wut: Unser neues Stimmungsposter für gute Familienlaune!”

  1. 15.1.2018 at 19:28

    Wenn ich nicht schon verheiratet wäre, ich würde um deine Hand anhalten, sofort. Deine Texte machen, dass ich mich nicht unzulänglich und blöd fühle, sondern “hurra ich bin nicht alleine” denke.
    Ich setz mich auf dein Bänkchen in der area elterlicher Hilflosigkeit, und bring uns Kaffee mit. Und bin überzeugt, dass wir unsere Kinder trotz der area gut großkriegen, weil wir sie lieben, wie sie sind. Auch, wenn das mal wutwichtig in Stufe drei ist (ich hab auch so ein Kind… es ist unglaublich… unglaublich anstrengend und unglaublich toll) .

    Danke, für deine Ehrlichkeit. Das find ich viel cooler, als ewig zu versuchen, einem (meiner Meinung nach fast) unerreichbaren (Un)Erziehungsideal hinterherzuhängen. Und ich bin sicher, die Qualität der Beziehung profitiert von Eltern, die klar sind in ihrer Haltung. Gern auch mit Raketenposter, ich find es super!

  2. 15.1.2018 at 19:40

    Wunderbar! Wir haben ein sauteures und wochenlanges Elterncoaching gemacht, um +/- ziemlich präzise ungefähr auf eine ähnliche Methode zukommen. Ohne Poster, aber mit ähnlichen Regeln. Und ohne Medienverbot. Dafür kann sich der kleine Wutbürger zusätzliche Bildschirm-Viertelstunden “verdienen”, wenn er konstruktiv reagiert, wenn ihn der Wutteufel reitet, statt die Wohnung zu zerlegen.

  3. Antje Gagzow
    15.1.2018 at 20:38

    Ach Rike wenn Schwerin und Hamburg nicht ca. 100 km trennen würde, würde ich jetzt ins Auto steigen, Dich umärmeln und Dir mindestens das Bundesverdienstkreuz verleihen. So ehrlich so normal so schön. Bei uns ist genauso. Aber gibt doch keiner zu. Bei allen ist immer alles voll harmonisch. Phh wer’s glaubt. Großartig die Grafik. Das kannst gleich in Serie drücken lassen.

    Mit den liebsten Grüßen
    Antje

  4. Ariane
    15.1.2018 at 20:43

    Letzter Satz zu gut!! Finde das prima und du solltest dich nicht vorsorglich dafür rechtfertigen müssen, dass es einen Strohhalm gibt. Wenn der bei euch funktioniert ist es super. Du hilfst bestimmt vielen mit deiner Idee.

  5. Elke
    15.1.2018 at 22:33

    Superidee, tolles Plakat!

  6. Steffi
    18.1.2018 at 09:57

    Vielen Dank! Alleine zu hören, dass es einfach Unterschiede bei den Kindern gibt, tut gut. Wir haben such einen kleinen Wutbürger. Ich schwanke zwischen der Frage was wir falsch machen, anders machen können, damit die Wut nicht ständig eskaliert und was in der Wutsituation es besser machen könnte. Wir wollen unseren Sohn in seiner Wut nicht alleine lassen, aber reden, anfassen, “spiegeln” bringt alles nichts. Da finde ich eure Regeln super. Wie alt ist denn eure Tochter? Mein Sohn wird bald 4. Meinst du Spass in der Art würde da schon klappen?

  7. rike
    18.1.2018 at 17:55

    Also bei uns ist das Wutkind ja schon älter, aber die Kleine ist ja auch vier und kennt die Stimmungsstufen und weiss, das bei Ausflippwut Pause kommt. Ihr würden nur die Bilder und vielleicht noch ein Stop- oder Pauseschild bei Stufe 3 reichen. Vielleicht bei euch auch? Und: Nora Imlau veröffentlich bald ein Buch passend zum Thema: https://www.nora-imlau.de/buecher/ “So viel Freude, so viel Wut” heisst es, und ich bin schon sehr gespannt.
    Für dich auf jeden Fall ein großes Tschakka <3

  8. 19.1.2018 at 16:09

    Super. Wirklich sehr gut auf den Punkt gebracht.
    Deine Idee ist sehr gut….und es gibt hier kein pädagogisch wertvoll oder nicht. Was soll immer diese Werterei (das ist kein Wort, ich weiß….aber es passt). Es gibt leider kein schwarz und weiß….sondern ganz viel bunt. Jedes Kind ist anders und besonders jede Familie ist anders. Perfekt – ihr habt euren Weg gefunden, der euch hilft. Und perfekt – du teilst ihn mit uns, denn vielleicht ist das auch der Weg für jemand anderen….genau so oder so ähnlich. Wir sitzen doch alle im selben Boot. Also lasst uns gemeinsam paddeln, anstatt immer in die entgegengesetzte Richtung zu paddeln. So kommen wir nämlich nie von der Stelle.
    Liebste Grüße, Yvonne

  9. rike
    19.1.2018 at 18:32

    Hach, was für schöne Worte.
    Danke dafür und ein wunderbares Wochenende <3

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