Drei Reisen: Dresden

Nach Wien und Prag war die dritte Station unserer Herbstreise also Dresden. Mit gemischten Gefühlen sind wir losgefahren, und ich erwartete tatsächlich überwiegend auf geifernde, Montags beschäftigte Hassrentner und gewaltbereite Hooligans zu treffen. Der Mann und ich hatten sogar eine Diskussion darüber, ob wir dort unsere überwiegend aus FC St. Pauli Merchandise bestehenden Klamotten tragen sollten oder nicht. Und siehe da, auf der Dampferfahrt über die Elbe begegneten wir auch gleich einer Feinseligkeit, die wir grundsätzlich persönlich nehmen konnten.

Ätzigkeit hat für uns in Dresden so viel Platz eingenommen wir die glücklicherweise sehr kleine Botschaft „Wir gehen zum Fussball, um Gäste zu jagen.“ an einer der Elbbrücken.

Wer jetzt denkt, ich reite weiter das Pferd der Vorurteile: Es hat mich SOFORT abgeworfen. Dresden war super. Und nicht nur, weil die Kinder sich so lieb hatten.

Tag 1: Entspannung? Ich glaub, ich steh im Wald.

Nach Katastrophentourismus in Prag Geschwisterplüsch galore.

Fangen wir bei der Unterkunft an. Nach einem Tipp von Littletravelsociety sind wir in den Little Suites gelandet. Das ist wie Kleingarten meets schickes Design und schicke Lage. Wir hatten ein direkt an einem Wald liegendes Apartment, in dem wir uns tatsächlich sofort wie Zuhause gefühlt haben. Gemütlich und nicht überdekoriert, alles da, aber nicht zu viel, Platz, um sich auch mal zurückzuziehen, und ein Wald direkt nebenan. Ich liebe Wald. Alle können einfach irgendwo hinrennen, irgendwas rufen und alles sieht schön aus.

Ich schwöre, ich habe nicht gesagt: „Kind, bitte ziehe dir die Mütze übers Gesicht, damit ich ein Foto für den Blogartikel habe“. DAS WAR GANZ IN ECHT VORHER SCHON SO.

Am ersten Tag sind wir nur ein bisschen in der direkten Umgebung herumgefahren, in dem Viertel, das „Weisser Hirsch“ heisst und ein bisschen schicki ist und wo in der Schaubäckerei Scheinert Brötchen verkauft werden, von denen der Mann mehr schwärmte als von unserem ziemlich alten 190E. Statt Sightseeing gab es viele Bäume, Spaghetti Bolo und Hotel Transsilvanien. Und sehr gemütliche Betten, in denen wir bis um halb neun am nächsten Morgen schliefen. HALB NEUN, das ist so, als wenn sich ein normaler Mensch Dienstags hinlegt und am Samstag wieder aufwacht, nur 3 Monate später.

 

 

Tag 2: Bisschen Sightseeing, viele nette Leute

Den nächsten Tag starteten wir mit Frühstücken und Rumhängen, und mittags schafften wir es, mit einem Dampfer die Elbe rauf und runter zu fahren. Auf unserer Dampferfahrt hörten wir, dass Dresden flächenmäßig die viertgrößte (5.?) Stadt Deutschlands ist, und es ist wirklich an jeder Ecke grün und überhaupt nicht so eng, wie ich es manchmal in Hamburg finde. Auf der Dampferfahrt sind wir nicht nur fast am Haus von Nieselpriem vorbeigefahren, sondern haben auch noch ein neues Wort für Strohhalm gelernt, den der ambitionierte Kellner uns wahrhaftig als Schlürfhilfe anpries.

„Wie lange müssen wir uns so festhalten?“ Bisschen noch, dann sind die doofen Prag-Erinnerungen von Mama und Papa gelöscht.“

Die Dampferfahrt war toll. Ich fühlte mich ein bisschen wie zu Hause, weil ich auf der Elbe an Häusern vorbeigefahren bin, die ich mir nicht leisten könnte und es ganz plötzlich in mein Gesicht geregnet hat. Aber es war tatsächlich auch ein bisschen schöner, weil es eben wirklich viel grüner und weiter war.

Auch sehenswürdig: Der Grosse kann seine Augen so machen, dass nur noch das Weisse zu sehen ist.

 

Nachmittags sind wir noch am Rande der Inneren Neustadt herumgelaufen, waren in der Markthalle und der Große erlebte am Denkmal des Goldenen Reiters vermutlich etwas ähnliches wie ich, als ich viel zu früh „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ guckte. Im Rahmen des Kulturjahres Sucht zeigten dort eine Künstlerin und ein Künstler, was Crystal Meth mit eine/r/m macht. Sie vegetierten um die Statue herum und zeigten typische Verhaltensmuster von Suchterkrankten.

Bitte Hingucken: Was Crystal Meth mit Menschen macht, haben Rachel Tess und Isaac Spencer unangenehm deutlich vorgemacht.

Und wo ich sonst im Alltag mit den Kinder eher freundlich die Biege mache, um den Suchtkranken einen letzten Rest Privatsphäre zu geben und meine Kinder ein bisschen zu schützen, konnte der Große hier neugierig gucken und Fragen stellen. Ich erklärte ihm, was diese Droge mit Menschen macht, psychisch und körperlich und irgendwann war es ihm viel zu gruselig. Ich kann es verstehen, ich hatte durch das Bahnhof Zoo-Gucken Angst vor David Bowie, und das bis nach dem Grundstudium.

Hey, Hey, das ist der Goldene Reiter. Das Lied mit demselben Titel haben wir natürlich gleich danach gehört und vermuten stark, es ist das einzige deutschsprachige Lied, in dem das Wort „Fassungsvermögen“ vorkommt.

Die folgenden 30 Minuten haben mich nachhaltig beeindruckt. Zuerst gingen wir in den Laden einer Seifenmanufaktur. Mit zwei Kindern kann das hektisch werden. Aber nicht hier, weil die Verkäuferin so entspannt und nett war und den beiden so viel gezeigt und erklärt hat wie ich in einem ganzen Monat. Zudem war der Mann vom Selbermachen geflasht und mich würde dieser Besuch später so inspiriert haben, dass ich endlich selbst Seife gemacht haben werden würde.

Hallo Echo!

Auch im nächsten Laden. Alle entspannt und freundlich. Das hat meine Tochter mutig gemacht, draussen brüllte sie laut „ECHO“, um zu gucken, ob es in der Stadt auch ein Echo gibt. Der Große hat netterweise geantwortet, damit sie sich freut. Um uns herum gingen und sassen mehrere ältere Paare der Kategorie „Meckermenschen“, und ich war mir sicher, gleich ein Kopfschütteln oder einen Spruch zu kriegen, aber was bekam ich stattdessen? Nichts. Und die Kleine? ECHO-Rufe von allen Seiten, freundliche Gesichter und Menschenlachen. Es war unglaublich.

Am frühen Abend verabredete ich mich noch auf ein kurzes Treffen am nächsten Morgen mit der bereits erwähnten und stets geliebten Nieselpriem. Zum Glück verstand sie es falsch und stand bereits am selben Abend, nur etwas später, im Wald. Wir herzten und und sprachen in einer Geschwindigkeit, die ich meinen Kindern bei Tätigkeiten wie Zähneputzen oder Socken anziehen wünsche. Es war herrlich und ich möchte sie immer immer wiedersehen.

Und was war jetzt schlimm?

Schlimm waren zuallererst unsere Vorurteile, weil wir so viele nette Menschen in einen Topf mit wenigen Arschgeigen gesteckt haben.

Schlimm waren die Namen mancher Läden, aber die gibt es, genau wie Arschgeigen, auch überall.

Hairlich, diese Krehaartivität!

Auch schlimm, dass wir zwar mehr als in Prag gesehen haben, aber einen Großteil des Sightseeing aus dem Auto gemacht haben, dem oben erwähnten 190E, den der Mann sogar vom oben erwähnten Dampfer aus auf dem Parkplatz erspäht hat und sich nicht zu schade war, so etwas zu sagen wie: Auf der linken Seite sehen sie einen Mercedes 190E aus einer Baureihe, über die ich so gar nichts weiss und deshalb nicht mehr die Reiseleiterin machen kann.

Für mehr Realität im Internet fahre ich extra im Auto durch Dresden.

Tag 3: Unfreiwillige Pyjamaparty

Während der Mann Brötchen holte, ging ich im Schlafanzug mit wirren Haaren durch unser Apartment, als es an der Tür klopfte. Es war Helena Raupach, die Besitzerin der Little Suites, die mal Hallo sagen wollte. Während der ersten zwei Sätze dachte ich noch: „Achduliebesliechen, wie seh ich denn aus? Ich hab keinen BH an. Ich sehe aus wie Joy Flemming nach vier Stunden im Jump House.“ Nach dem dritten war es mir egal, weil, ihr werdet es euch denken können – auch Helena war so nett, dass wir uns gleich unterhalten und so verstanden haben, dass es egal war. Der Mann kam mit Brötchen dazu und wir schnackten und schnackten.

 

Happy End!

 

Nach dem Frühstück fuhren wir zurück nach Hamburg, es gab keinen Stau und das Auto ist weder liegen geblieben noch explodiert.

 

Happier End.

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