Diese Bücher sind (nicht) zum Einschlafen. #1

Bücher, in denen normale Kinder ins Bett gehen, ein normales Ritual haben und dann ganz normal einschlafen, kann ich leider nicht lesen, weil ich entweder vor Lachen zusammenbreche (Keines dieser Kinder steht nach 22:00 plötzlich im Wohnzimmer und muss noch was trinken, auf Klo, was Wichtiges fragen etc.? HAHAHAHAHAHAHA) oder vor Langeweile einschlafe. Deshalb habe ich mal Geschichten aus dem Regal gezogen bzw. Verlagen aus dem Kreuz geleiert, die sich zum Thema Einschlafen auf einen anderen Weg begeben. Hier ist die erste Ausgabe von
“Ein Buch noch, bitte!”

“Nein, Mama, ich will jetzt schlafen.”

 

Moni Port: Es gibt keine Kinder! Eine Gutenachtgeschichte. Klett Kinderbuch.

24 Pappseiten. Ab 2.

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Das wurde aber auch höchste Eisenbahn: endlich ein Beruhigungsbuch für Monster.

Zugegeben, die Idee habe ich auch schon in anderen Büchern gesehen, aber hier ist es so einfach und lustig umgesetzt, dass es für die Kleinsten funktioniert. Und zwar so: Ein Monsterkind hat Angst vor Kindern, die die Mutter ihm ausredet. Und zwar wie die meisten Eltern das machen.

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Ach, mein Kind, Kinder, Monster, andere Gruseligkeiten gibt es nicht. Bei uns heute: Horrorclowns.

Während Monstermutter und Monsterkind schlafen, steht das Kind, das es ja eigentlich gar nicht gibt auf und spielt, kriegt Besuch von einem anderen Kind, das es eigentlich auch gar nicht gibt, und als das erste Kind ins Bett soll, äußert es die klassische Kinderangst vor Monstern und die Mutter sagt wieder das, was alle Eltern sagen:

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Diese Mutter ist in mehrfacher Hinsicht supercool: ihr Kind muss vorm Insbettgehen nicht aufräumen, sie versucht, ihm die Angst vor Monstern zu nehmen, und sie trägt einfach so ihre evtl. schweineheissen Kochtöpfe mit ins Kinderzimmer.

Als das Kind schläft, wachen die Monster auf, und die Monstermutter sagt, was viele Eltern sagen, wenn sie ins Kinderzimmer oder überhaupt nach Hause oder irgendwo reinkommen:

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Gestatten: meine Lieblingsseite.

Da weisste jetzt echt nicht mehr, was es gibt und was stimmt. Ich hatte beim Vorlesen erst die Befürchtung, dass meine selbstverständlich oberkluge Tochter sagt: Ey, aber du sagst ja auch immer, es gibt keine Monster/Draculas/Krebse und so weiter, aber hier gibt es sie jetzt doch und jetzt weiss ich nicht, was stimmt und du bist vielleicht eine elende Lügnerin. Sagt sie aber nicht. Sie findet es einfach lustig und will es immer wieder lesen. Und ich bin froh, weil ich die Illustrationen von Moni Port sehr mag und wir zu den Bildern auch viel zu erzählen haben und gut rumspinnen können. Rumspinnen tut auch das nächste Buch (im nächsten Leben werde ich wegen meiner Überleitungen evtl. Moderatorin).

 

Aus dem Niederländischen von Marion E. Plieger, 28 Seiten, Ab 3
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Die Autorin hat im übrigen auf ihrem Vornamen-I zwei Punkte, die ich auf der Tastatur genauso wenig gefunden habe wie die Bildschärfe in meiner Foto-App.

 

In der Geschichte geht es um Paul, der nicht einschlafen kann. Normalerweise klappt es, aber heute ist irgendwie der Wurm drin bzw. das Sandmännchen nicht da. Deshalb überlegt sich Paul, was passiert sein könnte. Und dann spinnt sich Paul eine Abenteuerreise für das Sandmännchen zusammen, auf die der Drache Kokosnuss niemals gehen würde, weil sie völlig ohne Pupswitze und Spukibiduki auskommt. Das Sandmännchen ist übrigens nicht nur krasser unterwegs, es sieht auch viel niedlicher aus als der o.g. Drache: wie eine besonders niedliche Mischung aus Zauberer, Superheld und rhythmischem Sportgymnasten.

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Vielleicht muss das Sandmännchen neuen Sand holen, trifft dabei ganz viele andere Sandmännchen und verquatscht sich? Ist ja jeder und jedem schon mal passiert (Einkaufen, Schulhof, Twitter).

Unter anderem vermutet Paul, dass das Sandmännchen in der Sandwüste mit seinem Umhang an einem Kaktus hängengeblieben ist und deshalb bei seiner Oma vorbei muss, die einen Flicken auf den Umhang näht, woraufhin das Sandmännchen weiter kann, dann aber die Katze Schoko den Weg zu Paul versperrt. Oder anders: Es ist einiges los.

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Solche Szenen sind mir die liebsten, nicht weil ich mich freue, dass das Sandmännchen Stacheln im Hintern hat, sondern weil meine kleine Tochter ruft: “Sandmännchen, ich helfe dir” und versucht, den Umhang vom Kaktus zu fummeln. <3

Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, es gibt ein Happy End. Paul schläft ein und hat einen Naschtraum mit extrem hohem Zuckeranteil.

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Mit Süßigkeiten kriege ich meine Tochter immer, selbst wenn sie nur geträumt sind. (Ältere Semester bitte den Klassiker von Nena als Ohrwurm bekommen)

Die Kleine liebt diese Geschichte und guckt sie sich immer wieder an. Zwar hat jetzt neben Monstern auch noch Angst vor Katze Schoko, das ist aber nicht schlimm, weil gegen Ende so viele Süßigkeiten vorkommen, dass sie bei Schoko nur noch an die denkt, die süss ist und fröhlich macht. Ein bisschen schlimm ist, dass ich, um die dünne Schrift lesen zu können, eine amtliche Festtagsbeleuchtung brauche, was dem Schläfrigwerden der Tochter etwas entgegenwirkt. Aber irgendwas ist ja immer, zum Beispiel muss einer auf Klo, hat noch Durst oder Angst vor beschissenen Horrorclowns. Machmal ist ja sogar der Mond selbst so hell, was mich, überraschender- und superprofessionellerweise, zum nächsten Buch bringt.

 

Bo-hyeon Seo (Text), Jeong-hyeon Sohn (Bild): Das Geheimnis des Mondes
2016. 36 Seiten, ab 4 Jahren, ich finde, ab 3 geht auch

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Aluhüten wird gleich auffallen, dass der Mond ein Loch im Himmel ist, durch das die Nasa Apfelsaftvorräte verschwinden lässt. Alle anderen so: Schööööönes gestanztes Cover!

Das Buch geht so: Die Eule übt ein Lied über den Mond und besingt den vollen, runden Mond. Sofort kommen ein paar andere Tiere auf den Plan und berichtigen die Eule. Der Mond ist nicht voll und rund, sondern anders, und jedes Tier will den Mond in einer anderen Form gesehen haben.

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Mansplaning aus dem Bilderbuch: der Fuchs erklärt oberlehrermässig, hat aber nur zu einem sehr kleinen Teil Recht.

Dann gibt es einen Streit zwischen den Tieren, die alle für eine bestimmte Mondform stimmen. Einer schlägt vor zu warten, bis der Mond rauskommt und dann zu gucken. Und, tataaa, es ist Vollmond und all die Klugscheisser, die bestimmt einen eigenen Twitteraccount mit Fake-Namen haben, sind ziemlich baff.

Schließlich schaltet der Mond selbst sich ein und erklärt freundlich, dass er eben immer anders aussieht und alle Recht hatten. Es herrscht ein großes Aufatmen und am Ende wird noch mal in Sachbuchmanier erklärt, warum der Mond immer anders aussieht.

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Der Mond sieht so nett aus, dass die Kleine einen sehr langen Dialog mit ihm führte, der damit endete, dass sie ihn auf ihre Geburtstagparty einlud. Wehe, er ist voll, wenn er kommt.

Die Illustrationen und die Sprache wirken erst ein bisschen hölzern, und zu den Erklärungen am Schluss habe ich nicht so richtig den Zugang gefunden, allerdings war das für die Kleine eh noch zu viel Information und der Große weiß gerade sowieso alles besser. Aber der Rest gefällt mir richtig gut, weil es mal richtig anders ist. Das Wildschwein zum Beispiel sieht echt sonderbar aus, aber genau das hat mich es besonders lange angucken lassen. Ich habe mich mit den Bildern ganz anders beschäftigt. Hat Spaß gemacht! Vor allem, dass die Kleine sich so lange mit dem Mond unterhalten hat. Das kann nur durch eine Unterhaltung getoppt werden, nämlich durch die mit der Taube aus dem nächsten Buch.
Mo Willems: Bring doch mal schnell die Taube ins Bett. Klett Kinderbuch.

2016. 40 Seiten. Ab 3.

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Wache Beobachtende werden gleich bemerkt haben: das ist doch der Typ, von dem auch “Das Buch über uns” ist! Das stimmt!

Ein Mann mit Schlafmütze bittet die Leserin oder den Leser, die Taube ins Bett zu bringen. Und sagen wir es mal so: die Taube hat es nicht so mit Kooperieren. Und während bei Jesper Juul das Buch nach 8 Seiten vorbei wäre, weil die Kinder bei Jesper Juul immer sehr schnell das wollen, was Jesper Juul auch will, ist dies eine Taube aus dem echten Leben. Sie versucht alles, um nicht schlafen zu müssen.

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Ich weiss nicht, wie Mo Willems das gemacht hat, aber hier sehen Sie exakt mein Abendprogramm von 20:08 bis 20:11.

Die Geschichte ist damit eigentlich schon erzählt, allerdings ist die Taube im Detail mindestens so erfinderisch wie unsere Kinder. Das Tolle an diesem Buch ist ja auch, dass die Kinder mal die Macht haben und die Zubettbringer sind. Dass die Kleine sehr gern mit Buchfiguren kommuniziert und sie gelegentlich auch zu uns nach Hause einlädt, habe ich ja bereits geschrieben, aber nicht, dass sie sehr anarchisch unterwegs ist. Gezwungen wird bei ihr niemand, deshalb erlaubt sie der Taube auch sofort und ganz selbstverständlich, wach zu bleiben und zeigt sich sehr verständnisvoll über all ihre Versuche, nicht ins Bett zu müssen. Das bedeutet, dass das Buch funktioniert hat. Warum? Weil wir alle nachgedacht und uns gefreut haben und hinterher schlauer waren. Mir zum Beispiel hat das Lesen sehr gut veranschaulicht, wie schräg es für die Kleine sein muss, wenn ich etwas mal nicht erlaube. Und Jesper Juul klatscht bestimmt gerade verzückt in die Hände, weil bei meiner Tochter das Buch noch schneller vorbei wäre als bei ihm.

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Als die Kleine irgendwann nicht schlafen wollte, und ich ihr sagte, sie sei ja wie die Taube aus dem Buch, sprang sie auf und rief: Hurraaaa, wir machen eine Hot-Dog-Party! Leider hatten wir, äh, keine Brötchen.

Nach vehemente Protesten wird die Taube dann doch immer müder, obwohl sie es natürlich überhaupt gar nicht ist und zieht alle Register routinierter Müdigkeitsverweigerer und -verweigerinnen. Irgendwann ist es aber passiert: sie schläft und träumt von einer Hot-Dog-Party, die hier seit diesem Buch regelmäßig als Alternative zum Bett vorgeschlagen wird. Mit Erfolg: gestern gab es, tataaaa, Hot Dogs.

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Die Taube ist eingeschlafen und alle träumen von Hotdogs. Das Ende vom Lied fängt mit Zzzzz an.

Ich mag, wenn Bücher beim Lesen anders funktionieren als gedacht. Die Kleine macht so lustige Sachen mit den Figuren aus den Büchern und denkt und erzählt ihnen so abstruses Zeug, das wirklich nur in kleinen großartigen Kinderköpfen zusammengesponnen werden kann und das sehr sehr glücklich macht. Lesen ist das Größte, Leute.

 

Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare und für die Bücher im Allgemeinen und euch, wenn ihr bei euren lokalen Buchläden die Tipps nachkauft, bis die Schwarte kracht und mir gelegentlich mal Rückmeldung gebt, wie euch die Bücher gefallen. <3

 

 

 

 

  2 Replies to “Diese Bücher sind (nicht) zum Einschlafen. #1”

  1. 30.10.2016 at 10:07

    Danke. Cool. Können wir brauchen.

    Noch ein Tipp vom Kiddo-Haus: Das Buch “Schlaf wie ein Tiger.” Da kommen sehr, sehr coole Eltern drin vor, und es ist so verträumt und unwahrscheinlich gezeichnet, und irgendwie poetisch. Ich mag es sehr, das Kind auch.

  2. rike
    31.10.2016 at 13:07

    juhuuu, danke für den tipp, ich guck gleich mal <3

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