Challenge im Kinderbuch accepted.

In unserem letzten Skiurlaub haben wir Bibi und Tina geguckt. Nach den ersten paar Minuten haben der Mann und ich uns angeguckt und waren fast ein bisschen wütend. DAS IST DOCH KINDERVERARSCHE, dachte ich. Klar fanden beide die Filme toll, aber muss es wirklich sein, Farbe, Handlung, Dialoge und vor allem Klischees bis zum Anschlag aufzudrehen, damit Kinder es verstehen? Ich glaube nämlich nicht. Ganz abgesehen davon, dass ich Charly Hübner beim Polizeiruf nicht mehr mit denselben Augen ansehen kann, seitdem er dieses Om-Lied gesungen hat (Can’t unsee, sag ich nur!!).

Weil ich dafür bin, den Kindern lieber auch mal ein bisschen was abzuverlangen, gedanklich, bildlich und überhaupt, gibt es hier ein paar Bücher, die das tun.

 

Herausforderung: ZÄHLEN, BIS DIE SYNAPSEN AUS SICH SELBST DEN KEHRBRUCH MALNEHMEN.

Gray, Kes: So viele Beine! Übersetzung: Hammer, Hanne; Hammer, Charlotte, Illustration: Field, Jim Verlag: Bachem (2017) Altersempfehlung: ab 3 J., 12, 95 €

Konfetti, bitte: Hier kommt ein Zählbuch mit Partyhintergrund!

„So viele Beine“. Was sich liest wie die Aussage eines kleinen Hundes im Backstage-Bereich einer Haute-Couture-Show ist die „Geschichte“ eines Kindes, das die LeserInnen auf jeder Seite fragt, wie viele Beine es sind, die denn da gerade zur Party kommen.

Schön gereimt, schön illustriert: im Zusammenhang mit Zählen finde ich das auf einer Skala von 1-10 BESONDERS erfreulich.

Es kommen immer mehr Tiere mit immer mehr Beinen, und entweder kann man einfach auf jeder Seite neu zählen oder sogar versuchen, alle Beine auf allen Seiten zusammenzurechnen. Das Ergebnis wird auch verraten:

Meine Lieblingsseite, weil sie mich sehr an die Präzision meiner damaligen Mathe-Ergebnisse erinnert.

Das richtige Ergebnis steht aber auch drin, und wer Lust hat, kann nachzählen und aufzählen und erzählen, bis die acht ins Unendliche gekippt ist.

Ein schön illustriertes und locker aus der Hose gereimtes Buch, das mit Zahlen Spaß und Party und viele Beine verbindet und nicht Fahrzeuge oder Obst.

 

Herausforderung: MIT EINEM RIESENSCHRECK KLARKOMMEN

Naumann-Villemin, Christine: Der böse liebe Wolf Übersetzung: Stein, Gabriele, Illustration: Masson, Annick. Verlag: Bachem (2017). Altersempfehlung: ab 3 J., 12,95 €

Wenn Wölfe ihr Stigma loswerden wollen.

Der Wolf hat die Schnauze voll: immer ist er der Böse. Er klingelt stinksauer bei der Schriftstellerin und fordert, dass sie ihn gefälligst auch mal lieb schreibt. Sie schläft eine Nacht über diese Forderung und hat eine Idee. Sie wird dem Wolf das Bösesein abtrainieren.

Achtsamkeit und Meditation für den bösen Wolf. Wenn er fertig ist, freut er sich schon voll drauf, sich Ingwer aufzugießen und in der neuen Flow zu stöbern.

Am Ende des Trainings hat der Wolf geschafft, standhaft zu bleiben, obwohl viele kleine leckere Häschen um ihn herumgepuschelt sind. Allerdings hat er wirklich Hunger. Was kann er denn jetzt essen?

Oder wen? Das kam sehr plötzlich!

Ich habe mich selbst ziemlich erschrocken und musste auch ein bisschen lachen, als der Wolf einfach so die Schriftstellerin verschlingt und dann ganz trocken feststellt:

„Also, das war eine ausgezeichnete Schriftstellerin, ich habe sie sehr gemocht. Und ich fand diese Geschichte überhaupt ganz köstlich.“

Die Kleine hat sich auch ein bisschen gewundert und fand es ein bisschen doof, aber nicht so superschockdoof, sondern so Fragezeichendoof.

Ein Buch mit sehr plötzlicher Wendung, die eine tolle Gesprächsgrundlage für die Fragen „Ist einmal böse, immer böse?“ „Macht Yoga wirklich zum besseren Menschen?“und „Nach was schmecken Schriftstellerinnen?“ bildet.

 

 

Herausforderung: ALLE AN DIE WAND WISSEN!

Platt, Richard: Das große Wissens-Sammelsurium. Vom Seemannsknoten bis zum Sonnensystem – nützliches und unnützes Wissen für Schlauköpfe. Illustration: Brown, James. Verlag: Gerstenberg Verlag (2017). Altersempfehlung: ab 10 J. 19,95 €

Dieses Buch ist sehr groß und beeindruckend.

Der Große mag sehr gern Sachen wissen. Oder anders gesagt: Er mag gern sehr weit raushängen lassen, dass er Sachen weiss. Er hält Vorträge über alles Mögliche und ich halte meine Klappe, weil ich immer denke, dass es reicht, wenn einer gefährliches Halbwissen durch die Welt katapultiert.

Bis jetzt. Ich weiss, das Buch ist eigentlich für Kinder, aber da steht nur „Ab 10“ und nicht „Bis 12“. Deshalb ist dieses Buch meine Geheimwaffe, bzw. meine 30 Geheimwaffen:

Alles, was man braucht, um auf einer Party allein am Klugscheisserbuffet zu stehen. Oder eben, um beim Kind endlich mal fundiert zurückzuwissen.

Die Seiten sind schön, nein, wunderschön gestaltet und die Erklärungen sind zwar nicht so lustig geschrieben wie zum Beispiel im hier ebenfalls regelmäßig zum Einsatz kommenden „Der Mensch“ oder dem wunderbaren Buch über Bienen, aber schlicht und verständlich erklärt.

Manchmal guck ich nur die Gestaltung, die ich ganz besonders herrlich gemischt finde: schlicht und wissenschaftlich meets z.B. Rahmenpunkte, die der Lage den Ernst nehmen.

Wenn also der Große mir was über Knoten (Pinselformen, Fahrradbestandteile, Erdschichten etcppuswusf) erzählen will, kann er das ab jetzt lieber bei seiner Großmutter machen.

Ein Buch, das die Augen streichelt und gleichzeitig dem Kopf pipieeierleicht auch schweres Wissen vermittelt.

 

Herausforderung: BÖSES ERLEBEN UND DARÜBER NACHDENKEN

Ramos, Mario: König sein. Übersetzung: Potyka, Alexander. Verlag: Picus Verlag (2017). Altersempfehlung: Kindergarten- u. Vorschulalter (oder auch später). 16,00 €

Bei den Illustrationen wollte ich juchzen. Allerdings blieb mir das im Hals stecken (nur wegen der Handlung).

Von Mario Ramos haben wir mehrere Bücher, besonders die vom Wolf erfreuen sich hier großer Beliebtheit. Und auch in „König sein“ geht es um Stärke und Macht, allerdings wird hier nichts wie beim Wolf auf die Schippe genommen, sondern es geht ans Eingemachte:

Der Löwe ist König. Und je mehr Macht er hat, umso grausamer wird er. Zum Beispiel verbietet er das Fliegen und befiehlt allen Vogeleltern, ihren Kindern die Flügel zu brechen und er hält seine Untertanen mit Kriegen beschäftigt. Er ist ein richtig beschissener Tyrann.

Hier hat leider kein kleiner Mensch versucht, die Mauer zu streichen.

Als Gilli geboren wird, sein Vater ist bei den Kämpfen gestorben, bricht seine Mutter ihm NICHT die Flügel, und Gilli wird ein frecher Vogel, der sich vor nichts fürchtet.

Leider nur eine halbe Freudenträne, denn das Kind in der Welt zu begrüßen, wenn der Vater tot ist, ist eben nicht komplett schön.

Auf einer Parade des Königs fliegt Gilli einfach so rum und klaut dem König die Krone. Der Löwe ist außer sich, kann aber nichts machen bzw. fliegen. Gilli juckt das nicht weiter, sondern setzt allen möglichen Tieren die Krone auf und fordert sie auf zu sagen, was sie als König machen würden.

Der Esel verbietet Lesen, Schreiben und Nachdenken. Findet Gilli aber eine doofe Idee und nimmt dem Esel die Krone wieder ab.

Alle Tiere haben doofe Königs-Ideen und keine Idee ist gut für alle. Deshalb nimmt Gilli auch jedem Tier die Krone wieder ab und lässt sie am Ende einfach ins Meer fallen.

Die Krone landet auf dem Kopf von Fisch Nero und vielleicht zündet er seine Heimatstadt an.

Puh!, dachte ich beim ersten Lesen selbst. Flügel brechen? Eine Mauer voller Blut? Und die Kleine stieg tatsächlich ziemlich schnell aus der Handlung aus und freute sich einfach über Tiere mit Kronen. Aber dafür kam der Große neugierig dazu. Mit ihm (8 Jahre alt) habe ich mich dann darüber unterhalten, was Macht aus Menschen machen kann, warum man böse ist und böse wird und ob und wie es funktionieren kann, Verantwortung für viele Menschen zu übernehmen. Puh, denke ich auch immer noch, weil dieses Buch sehr viele grundsätzliche, schwierige Themen anschubst, auf dich ich keine einfachen Antworten habe, aber ich denke auch Yeah!, weil der Große seit dem ersten Lesen immer wieder mal von dem Buch anfängt und es in ihm zu köcheln scheint.

Abgesehen davon, dass er die Zahl der täglich gesprochenen Worte auf mindestens 250.000 festlegen würde, wäre mein Sohn wahrscheinlich ein guter König.

 

Ich danke den Verlagen Picus, J.P. Bachem und Gerstenberg für die Rezensionsexemplare.

  8 Replies to “Challenge im Kinderbuch accepted.”

  1. 2.8.2017 at 14:19

    Eine schöne Liste! Ich finde, dass Kindern allgemein viel zu wenig zugetraut wird. Wenn ich meinem Zweijährigen nur das geben würde, was ihm offiziell schon zugetraut wird, würde er sich wahnsinnig langweilen. (Er spielt z.B. sehr gerne mit seiner Brio-Bahn, auch wenn er noch nicht alles richtig hinbekommt.) Und wenn er die Handlung eines Buches noch nicht komplett versteht – so what? Damn mag er vielleicht eben einfach nur die Bilder und es sind trotzdem alle glücklich.

  2. rike
    2.8.2017 at 14:26

    Das sehe ich auch so. Manchmal verstehen sie die Handlung vielleicht gar nicht, manchmal sehen sie eine ganz andere darin und manchmal finden sie es super. So oder so oder so war es meiner Meinung nach eine Erfahrung. Danke für den Kommentar, hab gleich mal das Magazin gestalkt <3

  3. 2.8.2017 at 15:05

    Danke fuer die liste, super tipps! Die wolf-buecher von ramos finden wir auch ganz toll (und ja, ich finde auch: kindern kann man ruhig mehr zutrauen. Mein 2jaehriger moechte zb im augenblick jeden tag kasimir pflanzt bohnen lesen – und auch bohnen pflanzen. In anderen phasen guckt er aber auch gern mal buecher fuer die ganz kleinen und hat spass. Ist aber unterschiedlich, das merk ich immer wieder – ich hab ne kleine kinderbibliothek fuer deutsche in usa, und da kommen meine favorites oft, aber nicht bei allen eltern und kindern gut an.)

  4. rike
    2.8.2017 at 16:16

    Was für spannende Menschen hier kommentieren, ich bin ganz begeistert. wie toll, dass du in den usa eine kinderbibliothek hast, da hätte dir das projekt von mycha schekalla gefallen, das leider bei kickstarter nichts geworden ist. guck mal: https://www.kickstarter.com/projects/986155959/darf-ich-vorstellen-may-i-introduce-kinderbuch-kid

    liebste grüße nach usa <3

  5. conny
    2.8.2017 at 17:10

    deine buchtipps sind fuer uns auch immer sehr erhellend! nur leider find ich die artikel dann, wenn ich buecher kaufen moecht (offline zb) nicht mehr. kannst du mal eine linkliste zu deinen linklisten posten? büdde?

  6. rike
    2.8.2017 at 18:43

    du hast recht, ich müsste das mal viel besser strukturieren. aber das ist für mich ähnlich attraktiv wie steuererklärung machen. wenn du was suchst, kannst du mir immer gern schreiben, bis ich das gemacht habe.
    liebe grüße <3

  7. 2.8.2017 at 22:35

    Manno Rike! So geht das nicht! Ich lese deine Buchrezensionen schon immer nur noch mit einem zugekniffenen Auge. Jedesmal, nachdem ich hier gelesen habe, habe ich ein erhebliches Minus auf meinem Konto zu verzeichnen! Das Wissenssammelsurium (und auch „Der Mensch“ aus dem anderen Blogpost) brauchen wir dringend! Da steht garantiert alles drin, was ich in 13 Jahren Schule nicht gelernt habe, weil ich stattdessen auf 3 Sprachen „Ein Blumentopf mit Hyazinthen“ sagen kann. Danke für deine großartigen Tipps immer!
    Liebe Grüße
    Vivi

  8. rike
    3.8.2017 at 09:08

    Liebe Vivi. Ich kann bestätigen, dass in den Büchern das meiste drin steht, was im Unterricht eventuell an mir vorbeigezogen ist. Und ich kann NICHT „Ein Blumentopf mit Hyazinthen“ sagen. Vielmehr musste ich das sogar auf deutsch bei dir abtippen.
    Danke für deine netten Kommentare immer und liebste Grüße <3

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