Mein Gedankenwahlgang zur Bundestagswahl.

Ich bin gegen die AfD. Sie hetzen gegen Menschen, die anders sind oder von woanders kommen, und vor allem hetzen sie Menschen auf, die Angst haben. Dabei geht es ihnen meiner Meinung aber nicht darum, Deutschland wirklich besser zu machen, sondern einfach nur um Macht. Außerdem leugnen sie den Klimawandel. Und sie fordern rückständige Lebensrealitäten, die nicht mal sie selbst einhalten. Sie wollen Frauen ihre Rechte nehmen und andersdenkenden Menschen ihr Recht auf Selbstbestimmung. Ich könnte ewig weitermachen, aber ich wollte etwas ganz anderes.

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Seit ein paar Wochen gibt es die Initiative Frauen gegen die AfD. In Videos entkräften Frauen die „Argumente“ der AfD, in denen es um Themen geht, die Frauen betreffen. Ich finde diese Aktion gut und wichtig. Hätte ich ein paar Sachen anders gemacht? Ja, aber genau genommen habe und hätte ich ja erstmal gar nichts gemacht, was ich nicht unbedingt besser finde. Aber dann geht es los. Es wird diskutiert, warum es „Frauen gegen die AfD“ heisst und ob es gut ist, PR für die Partei zu machen und ob sie stattdessen nicht lieber ignorieren sollten. Häufig in einem überheblichen Ton, den ich überhaupt nicht schnalle.

Sind wir nicht eigentlich einer Meinung? Warum behacken wir uns gegenseitig?

Klar, ich weiss vieles nicht, aber ich weiss, dass ich für jedes Engagement von Menschen, die in einem mitmenschlichen, demokratischen Rahmen die Welt besser machen wollen, dankbar bin. Ich muss überhaupt gar nicht mit ihnen bei allem einer Meinung sein und ich muss ihnen auf jeden Fall nicht im OberlehrerInnenton genervt erklären, wie das mit einer Meinung haben und das Sich-Für-Etwas-Einsetzen richtig geht.

VON DENEN, DIE SICH FÜR DEMOKRATIE ENGAGIEREN, MACHT NÄMLICH KEINER WAS AUS BOSHAFTIGKEIT. Das mit der Boshaftigkeit sind die von der AfD.

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Deshalb mache ich da nicht mit. Ich verfranse mich nicht in Kleinigkeiten, mockiere Formulierungen und ich schreibe niemandem vor, wie er, sie oder alle anderen sich zu engagieren haben, so lange es im Kern dafür steht, wofür ich auch stehe: das sind im weitesten Sinne Mitmenschlichkeit und Meinungsfreiheit. Deshalb toleriere ich erstens demokratische Parteien. Deshalb bin ich zweitens vehement gegen Parteien, die diese Demokratie und Meinungsfreiheit nicht wollen. Und das bedeutet bei dieser Wahl für mich mehr als sonst: ich wähle eine Partei, die für etwas steht, aber eben auch gegen die AfD ist. Oder wie Antje Schrupp sagt:

„Wir haben mit der AfD eine rechtspopulistische Partei, die Teil einer internationalen Strömung ist. Diese Strömung vertritt nicht einfach nur blöde Ansichten, sondern greift strukturell die Demokratie an. Sie konterkariert das politische Prinzip der Pluralität, sie setzt Verleumdungen anstelle von Argumenten, vertritt das Recht des Stärkeren, ist nationalistisch, asozial, gefährlich. Deshalb kommt aus meiner Sicht das Nichtwählen diesmal nicht in Frage. Es muss gewählt werden, um den Stimmenanteil der AfD so gering wie möglich zu halten. Das bedeutet aber auch:

Es muss eine Partei gewählt werden, die die 5 Prozent-Hürde schafft, denn nur das verkleinert den Stimmenanteil der AfD.“

Ich hoffe, dass sich jeder Mensch eine diese 5%-Parteien aussucht, als da wären CDU, SPD, Grüne, Linke, FDP. Und ich lasse euch jetzt teilhaben an meiner schwammigen, (an dieser Stelle) unfundierten, aber gefühlvollen Suche nach der richtigen Partei für meinen Wahlzettel.

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Also: CDU und FDP kommen für mich nicht infrage, weil ich sie zu konservativ (CDU) bzw. hochgestellt polokragend (FDP) finde. Das ist natürlich keine Erklärung. Aber Parteien, die zum Beispiel das Ehegattensplitting feiern und deren Oberhaupt gegen die Ehe für alle stimmt, möchte ich nicht wählen. Die FDP ist für mich gefühlt zwar die einzige Partei, die das Thema Digitalisierung ins Programm geschrieben hat, aber ich bin mir bei denen nicht sicher, ob das nicht irgendjemand mit Geld nach der Wahl aus irgendwelchen Gründen wieder rausstreicht/rausstreichen lässt. Außerdem sind mir beide Parteien nicht sozial genug. Z.B. kindliche Frühförderung mit dem Argument abzutun, dass man selbst sie für die eigenen Kinder nicht braucht, weckt in mir nicht den Wunsch, AnhängerInnen diese Partei Verantwortung für viele verschiedenen Familien zu übertragen.

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Die LINKE ist mir ein bisschen suspekt. Ich mag und schätze einige ihrer Persönlichkeiten sehr und finde sie wichtig, um immer wieder Finger in Wunden zu stecken. Aber sie sind mir zu dogmatisch. Bei dieser Partei wäre ich mir nicht sicher, ob sie nicht aus Prinzip oder aus unbeirrbarem starren Weiterdenken plötzlich Wege gehen würden, auf die ich auf keinen Fall mit möchte.

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Ich schwanke also zwischen SPD und den GRÜNEN. Die SPD ist mir zu wischiwaschi. Das klingt lustig, weil der Text hier genauso ist, aber ich weiss irgendwie nicht, wofür genau die stehen, und mich ärgert, dass sie die Frauen nicht mal mehr nach vorn lassen. Die wirken so profillos und hierarchisch. Besonders negativ aufgefallen ist mir die regionale SPD im Zusammenhang mit G20.

Ich will nämlich keine Partei, die für einen bisschen Fame Bauernopfer in Kauf nimmt, Herr Scholz.

Da bin ich tatsächlich beleidigt und enttäuscht. Was ich von den Grünen auch war. Weil die sich für meine Begriffe rund um G20 auch zu bedeckt gehalten haben. Die Grünen sind aber eigentlich die Partei, die ich immer gewählt habe. Weil sie die einzigen sind, denen Umweltschutz wichtig ist. Mir auch, und zwar sehr. Ich habe Angst, wenn ich diese ganzen KlimawandelleugnerInnen und AufdieUmweltscheißerInnen beobachte und kriege für meine Enkelkinder Panik. Was ich außerdem an den Grünen mag: Sie wirken für mich authentisch. Bei mir kommt es so an, als würden sie wirklich sagen, wie es ist und sind sich auch nicht zu schade, Fehler einzugestehen oder an ihnen zu arbeiten. Und sie haben seit Ewigkeiten wie selbstverständlich einen Mann und eine Frau als SpitzenkandidatInnen. Plus: Bei ihnen habe ich beim Wahl-O-Mat die meisten Übereinstimmungen.

Also steht zwischen mir und den Grünen fast nur die Wut über G20. Und sie deshalb nicht zu wählen ist ein bisschen so, wie wenn Kristina Schröder sagt, frühkindliche Förderung ist Quatsch. Da bin ich ja, genau wie die oben erwähnten Menschen, wegen einer, mit der gesamtgesellschaftlichen Situation verglichenen, Kleinigkeit beleidigt. Wie doof. Und ich beschloss, dass ich ich die Grünen trotzdem wähle, wofür ich für mich aber einmal loswerden wollte, was mich geärgert hat. Ich schrieb eine Mail:

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„Liebe Grüne Hamburg, mein Name ist Rike Drust und ich habe lange überlegt, was ich wählen soll. Der Wahlomat sagte mir wie jedes Jahr, dass grün die Farbe der Wahl sein sollte. Eigentlich fand ich das auch. Aber dann erinnerte ich mich an G20 und wie sauer ich war, wie wenig Ihr Stellung bezogen habt zur diesem Desaster. Ich wollte einen Denkzettel. Aber anstatt einen Gartenzwerg aufzustellen und „Das wird man jawohl nochmal sagen dürfen“ zu sagen, habe ich weiter nachgedacht. Mein Ergebnis war, dass mir Umweltpolitik und ein selbstverständlicher Umgang mit Gleichberechtigung am wichtigsten sind, und da kann ich nirgendwo anders mein Kreuz machen. Deshalb muss ich einmal das hier loswerden: Ich weiss ja nicht, was da alles hinter den Kulissen passiert ist, aber wie Ihr euch um G20 verhalten habt, fand ich zwar nicht ganz so erbärmlich wie bei der SPD, aber doch ziemlich scheisse. Aber ich wähle euch (wie immer) trotzdem. Viele Grüße und viel Erfolg, Rike“

Ich erhielt eine sehr nette Antwort und machte per Briefwahl mein Kreuz an einer Stelle, mit der ich gut leben kann. Und ich wünsche allen, dass sie auch zur Wahl gehen und sich für eine demokratische Partei entscheiden.

Jetzt können bestimmt ganz viele, die das hier lesen, prima die Augen rollen und mir Dummheit, Uninformiertheit oder so vorwerfen und mir mit superschlauem Tonfall erklären, wie der Hase läuft. Aber wisst ihr was? Für mich geht es erst mal darum, dass es diesen Hasen gibt.
In diesem Sinne: Lasst uns alle wählen. Aber nicht die AfD.

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Danke an Alu von Grosseköpfe für die Anregung.

  8 Replies to “Mein Gedankenwahlgang zur Bundestagswahl.”

  1. 20.9.2017 at 13:20

    Ich geh am Sonntag hier ins Wahllokal. Ansonsten sehe ich sehr viele Dinge sehr ähnlich, wie du. Auch wenn ich nicht mehr in Hamburg wohne. Es wird wohl auch hier wieder auf „grün ist die Hoffnung“ hinauslaufen. Heute morgen hat Frau von Storch sich im Radiosender meiner Wahl eine Stunde lang den Fragen der Moderatoren stellen dürfen, wie Vertreter aller Parteien, die Chancen auf den Einzug in den Bundestag haben. Ich finde gut, dass mein Radiosender das gemacht hat, und hätte ich noch irgendein Argument gebraucht, die NICHT zu wählen, ich hätte es spätestens heute morgen bekommen. Hab ich aber eh nicht gebraucht. Ich finde dennoch wichtig, nicht einfach „nur“ dagegen zu sein, sondern eben auch zu wissen, wogegen ich dann letztendlich wirklich bin.

    Sehr liebe Grüße, und auf bald, hoffe ich

  2. 20.9.2017 at 13:28

    Du bringst es aber sowas von auf den Punkt ! Sowohl im für als auch wider – wäre dies dein Wahlprogramm – ich würde dich wählen – mein Kreuz erfolgt am Sonntag, ja #jedestimmezählt und ein Hoch auf die Demokratie.

  3. Tina
    20.9.2017 at 21:47

    Hmm…Palmer und Kretschmann sind gute Leute, die die Grünen haben. Aber das wars für mich auch leider schon! Im Gegenteil: Haben Sie als Mutter sich schon einmal das Programm der jungen Grünen angesehen? Mir vergehts dabei ordentlich! Aber wahrscheinlich liegen wir politisch ohnehin nicht nah beieinander, ich finde nämlich “frühkindliche Förderung“ hat Potential als Unwort des Jahres durchzugehen.

  4. rike
    21.9.2017 at 11:10

    In meinem Buch gibt es ein Kapitel, das „Rumhängen ist das neue Frühfördern“ heisst. Das Wort finde ich auch nicht so super, wenn es aber bedeutet, dass Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern ihre Kinder in Kitas schicken und sie z.B. sprachliche Defizite aufholen können, werde ich sogar zum Fan. Ich habe ein paar Mal mitbekommen, was eine Kita für Kinder bedeuten kann, wie viel Deutsch sie in kürzester Zeit lernen und wie viele gute Impulse gute ErzieherInnen geben können. Und jetzt nehme ich die jungen Grünen mal ein bisschen unter die Lupe. Vielen Dank für den Kommentar und viele Grüße!

  5. Tina
    21.9.2017 at 21:15

    Vielen Dank für deine Antwort! Das Kapitel klingt verheißungsvoll! Was die Kinder aus bildungsfernen Schichten anbelangt, bin ich absolut derselben Meinung. Ich finde nur, dass man es mit Frühförderung übertreiben kann. Ich habe eine 20-Monate alte Tochter und sie saugt so enorm viel auf und das jeden Tag ohne Unterbrechung. Ich käme nie auf die Idee, sie darüber hinaus noch zu fördern. Natürlich schauen wir gemeinsam Bücher an und ich erkläre ihr die verschiedensten Dinge, aber alles zu seiner Zeit.
    Zu den jungen Grünen: Da stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ist aber bei den Jusos nicht anders. Hauptsache übertreiben und aus dem Rahmen fallen.

  6. rike
    22.9.2017 at 09:25

    Na, da haben wir doch ungefähr die gleiche Meinung, stören uns nur, und das auch wahrscheinlich beide, am Wort. Und was junge Menschen in der Politik angeht, ich habe noch immer nicht geschafft, mich da reinzuknien, aber genau deshalb verlinke ich hier den schönen Artikel von Juli liest, der bringt es ziemlich auf den Punkt: https://juliliest.net/2017/09/21/ueber-die-rush-hour-des-lebens-und-familienpolitik/

    Und viel Spaß beim Rumhängen mit deiner Tochter <3

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