Bücher zum Heulen.

„Mann, ich will was über Bücher schreiben, bei denen ich heulen musste. Ist dir das auch schon passiert?“

„Höchstens, weil ich so doll gähnen musste.“

 

 

Im Gegensatz zu meinem Mann stehe ich, seit ich Mutter bin, immer mindestens bis zu den Knien im Tränenmeer. Wegen jeden Scheiss. Die Kinder umarmen sich beim Frühstück? Schleusen auf! Im Video schenken erwachsene Kinder ihren Eltern ein hässliches Auto? Ooooohhhh. Herzchentränen! Im Katalog für Bestellklamotten sind voll süsse Aufkleber? Ich hab was im Auge. Es wäre natürlich peinlich, dämlich und eine bodenlose Frechheit, hier die Umarmung meiner Kinder oder einen Prospekt für Kindermode zu empfehlen. Deshalb zeige ich euch also heute meine Top 3 der Bücher, die mich zum Heulen gebracht haben:

 

1. Roald Dahl: Charlie und die Schokoladenfabrik. Mit Bilder von Quentin Blake. rororo. Ab 8.

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Vielleicht hat jemand von euch den Film gesehen. Ich nicht. Also, es geht um Charlie, der sehr, sehr, sehr arm und dünn und hungrig ist. Er findet auf der Straße einen Dollarschein und kauft sich, geplagt von Schuldgefühlen, weil er das Geld nicht mit seiner ebenfalls sehr, sehr, sehr hungrigen Familie teilt, zwei Tafeln Schokolade. In der zweiten Tafel befindet sich eine der fünf goldenen Eintrittskarten für die Schokoladenfabrik von Willy Wonka. Der scheint nicht nur ein ausgebuffter Süssigkeitenerfinder zu sein, sondern auch ein Pionier in Sachen Werbeaktionen zu sein. Gab es 1964 bei ihm die goldenen EIntrittskarten, leuchten 2016 in manchen Kühlschränken angeblich gelbe Flaschen, weshalb man dann ein Auto gewinnt. Egal, hier kann also Charlie mit vier anderen Kindern (sowie einer erwachsenen Begleitperson) die Fabrik besichtigen. Die anderen Kinder sind aus verschiedensten Gründen ziemliche Kotzbrocken und jedes einzelne schiesst sich aufgrund der Kotzbrockigkeit in der Schokoladenfabrik ins Aus. Das könnte am Ende gut für Charlie sein, aber das will ich nicht verraten. Auch nicht, was für verrückten Kram es in der Schokoladenfabrik alles gibt. Nur so viel: Es ist alles voll verrücktem Kram.

Als die Armut der Familie und die gleichzeitige Bescheiden- und Artigkeit des Jungen beschrieben wurde, konnte ich die Tränen noch unterdrücken, aber als er dann die goldene Eintrittskarte gewann, ging nichts mehr. Die Tränen liefen. Aber hey, zumindest bin ich nicht aufgesprungen, habe tanzend die Hände in die Luft gerissen, das Kind am T-Shirt durchs Wohnzimmer geschüttelt und laut: „JAAAAAA, ER HAT DIE EINTRITTSKARTE GEWONNEN, ICH FLIPP TOTAL AUS“ gebrüllt.

An manchen Stellen fand ich es ein bisschen zu schwarzweiss und zu pädagogisch (Sechziger Jahre eben), und auch die Illustrationen sind nicht so ganz nach meinem Geschmack. Sehr wohl aber die Süssigkeiten, für die es zu diesem Buch eine Esspflicht gibt sowie die durchgeknallten Beschreibungen der Fabrik und natürlich die tränendrüsige Beschreibung der Armut und Bescheidenheit von Charlie und seiner Familie. Ich weiss nicht, was es ist, gehorchende Kinder in Misslagen machen mich immer traurig.

Fazit: Bitte fühlen und fiebern und staunen sie recht zahlreich mit – bei Roald Dahl geht nämlich alles.

 

2. Kirsten Boie, Jan Birk: Bestimmt wird alles gut. Klett Kinderbuch. Ab 6.

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Ich habe das Buch damals als PDF runtergeladen und -peinlich, peinlich- noch nicht gekauft. Deshalb hier ein Screenshot aus der Leseprobe.

Kirsten Boje protokolliert die Geschichte von Hassan und Rahaf exemplarisch und beschreibt damit eine typische Flucht einer ganz normalen Familie, vom normalen Leben dort, bis zu den Bomben, der Flucht und dem neuen Leben hier. Die Geschichte ist schon furchtbar genug, da bin ich froh und dankbar, dass sie einfach, fast nüchtern erzählt ist. Ich habe sie zum Glück das erste Mal allein gelesen und mich vor dem Vorlesen einmal ausgeweint und mir wieder einmal bewusst gemacht, dass wir nicht aufhören dürfen, denen zu helfen, die ohne alles hierher gekommen sind, auch wenn wenige Durchgeknallte versuchen, uns mißtrauisch und verbittert werden zu lassen. Macht euer Herz auf und auch dieses Buch: Es ist zweisprachig, halb arabisch, halb deutsch und hat am Ende auch ein kleines Wörterbuch, das die erste Kontaktaufnahme erleichtert.

 

3. Nadine Brun-Cosme, Olivier Tallec: Großer Wolf und kleiner Wolf. Vom Glück, zu zweit zu sein. Gerstenberg. Ab 4.

 

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Grosser Wolf trifft kleiner Wolf. Oder auch: Feine Illustrationen mit riesigem Gefühlswumms treffen auf wunderbare Mitfiebertexte.

Jetzt könnte ich gleich wieder losheulen. Ich sehe nämlich gerade, dass es das Buch einzeln nicht mehr gibt. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Ihr könnt es in einem Sammelband kaufen, in dem es noch zwei andere Geschichten gibt. Die anderen beiden kenne ich nicht, diese hier geht so:

Ein großer Wolf lebt alleine so rum, macht alles immer gleich und hat noch nie was vermisst, weil er es eben nicht anders kennt. Da sieht er plötzlich einen kleinen, blauen Punkt, der sich als kleiner Wolf herausstellt und plötzlich sein Kompagnon ist. Das findet der Große Wolf geht so. Er gibt ihm ein bisschen Decke ab, ein bisschen Essen, aber immer hat er auch ein bisschen Angst, dass der kleine Wolf vielleicht irgendwas besser kann. Dann macht der große Wolf seinen Spaziergang, und als er zurückkommt, ist der kleine Wolf weg. Und da merkt der große Wolf: „Mann, ey, das war eigentlich ziemlich schön mit dem kleinen Wolf. Was mach ich denn, wenn der nicht wiederkommt? Ich will unbedingt, dass er wiederkommt. Ich werde warten!“ Tipptipptipptipp. Wartwartwart.

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Hier das Warten des großen Wolfes noch einmal in schön beschrieben.

 

Ein Blatt fällt vom Baum und segelt langsam auf den Boden. Es fällt Schnee. Jahreszeiten wechseln. Und dann sieht er plötzlich wieder einen blauen Punkt. Ist er es? Ist er es? Nicht nur der Wolf ist aufgeregt und voller Aufregung, auch die vorlesende Mutter hüpft ein bisschen. Und als der kleine Wolf, dann wieder da ist, wischt sie sich eine kleine Träne aus dem Auge. Auch wieder, als sie es dem zweiten Kind vorliest.

 

 

 

Ach ja, und falls ihr ein Erwachsenenbuch zum Heulen sucht, hätte ich da auch noch was:

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit. Diogenes. 

Es geht um drei Geschwister, die als Kinder ihre Eltern verlieren. In Rückblenden wird dicht und emotional (ohne literarisches, künstlerisches Auskotzen) erzählt, was den Dreien so passiert. Es ist eine Liebesgeschichte, eine Familiengeschichte und die Frage, wie viel Mensch man einfach ist und wie viel man durch Ereignisse wird. Ich war ein einem Solebad und habe vor lauter Lesen-und-Dicke-Tränen-Weinen die zweite Runde Wellness verpasst.

 

Das war’s für heute. Ich wünsch euch was.

Liebe Grüße,

 

euer Lappen!

 

 

  6 Replies to “Bücher zum Heulen.”

  1. Nele
    8.8.2016 at 12:34

    Meinst Du, die Geschichte vom großen und kleinen Wolf ist für Personen geeignet, die schon bei Deiner Beschreibung und dem Foto von der einen Wolfsbuchseite anfangen zu heulen? *schnief*
    Ich schwöre, ich war vor den Kindern nicht so ein jämmerlicher Heullappen, sondern mehr so tough. Meistens jedenfalls. Das ging erst in der Schwangerschaft los. Da habe ich mit dem Mann Ice Age I auf DVD geguckt, wo Manni das Mammut in der Höhle die Zeichnungen von der kleinen Mammutfamilie vorsichtig mit dem Rüssel streichelt… oh Gott, da könnte ich hier am Büroschreibtisch schon gleich wieder losflennen! Das mit dem Wolf wird also gekauft und ich übe tränenfreises Vorlesen.
    P.S.: „Finn tobt“ ist der Knaller!

  2. rike
    8.8.2016 at 13:32

    Ich bin froh, dass ich mit der Heulerei nicht allein bin!!
    Hurraaaa #1: Finn tobt gefällt euch <3
    Hurraaaa #2: Sag unbedingt Bescheid, wie die anderen beiden Wolf-Bände sind, ich bin schwer gespannt.

    Allerliebste Grüße!!!

  3. Heike
    10.8.2016 at 10:15

    Liebe Rike, danke für die Tipps und den sehr wahren Beitrag, oh nein, mit der Heulerei seit dem Mamasein bist du nicht allein. Ganz schlimm ist es, wenn die Kinder irgendwas aufführen… egal wie schrecklich wie ganze Inszenierung ist und wie schief alle singen und wie viel Apfelsaft dabei umkippt. Man sieht das eigene Kind da vorne stehen – und die Schleusen gehen auf. Einschulung? Kind läuft mit der Schultüte nach vorne??? Größter Taschentuchalarm!!! Ob das mal aufhört? Oh Gott, als der Große drei war und zum ersten Mal auf einem winzigen Karussell saß und sich da so alleine drehte… ich war völlig fertig: Ob er jemals zurückkommen würde? Ach ja, das Ding dreht sich ja im Kreis! Ich weiß nicht, was das für Hormone sind, die seit den Geburten meinen Körper bewohnen, aber normal ist das nicht.
    P.S. Für die Weihnachtszeit (jaja, dauert noch) gibt es den schönen Astrid Lindgren-Band „Pelle zieht aus“, mit verschiedenen Weihnachtsgeschichten. Und wenn Pelle sich mit seiner Mutter dann wieder versöhnt… schluchz… alles verschwimmt… „Mama, warum liest du nicht weiter?“
    Liebe Grüße und dir noch eine schöne Woche! Heike

  4. rike
    10.8.2016 at 12:04

    Oh Gott! Das Karussell! Ich weiss genau! Diese kleine ungelenke Winkerei.
    Danke dir für deinen Kommentar, ich muss jetzt noch ein paar Tränchen vergiessen, liebe Grüße!

  5. Joana
    8.3.2017 at 09:19

    Hallo, wir haben uns den Großen und den Kleinen Wolf damals auch gekauft, vor allem eigentlich weil mein Mann gewissermaßen der große Wolf ist und auch immer mal wieder so tut als wäre er lieber allein unter seinem Baum anstatt mit seiner nervigen Frau und Kind eins (seine Idee, eins zu bekommen) und Kind zwei (erneut seine Idee noch eins zu bekommen) das verrückte Leben einer Familie zu leben. Geschichte zwei und drei sind auch schön, mich reißen ja vor allem die Illustrationen mit. Für meine Tochter (drei) sind die glaube ich in ihrer Tiefe überhaupt nicht zu verstehen, trotzdem will sie immer wieder die Geschichte lesen, in der zunächst um eine Orange gestritten wird, diese verloren geht und auf der Suche danach der Kleine Wolf verloren geht. Trotz meiner Meinung nach unverständlicher Worte hier sie aufmerksam zu, was nicht immer der Fall ist. Vielleicht versteht sie auch einfach mehr als ich ihr zutraue oder sie versteht anders oder auf einer ganz anderen Ebene oder so. Egal. Jedenfalls ein tolles Buch!

  6. rike
    8.3.2017 at 16:13

    ja, es ist ganz wunderbar <3
    liebste grüße!

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