Bücher. Muss man nicht verstehen. Aber vorlesen.

Immer mal wieder kaufe ich Bücher, die ich obersuper finde und mir schon in den schillerndsten Farben ausmale, wie die Kinder mich für sie abfeiern und aus purer Dankbarkeit immer sofort ihre Jacke anziehen, schon wenn ich es nur 12mal gesagt habe. Zwei solcher Bücher habe ich dem Großen mal mitgebracht, er hat erst die Bücher, dann mich fragend angeguckt und seine Begeisterung ging mit schlurfenden Schritten Kratzeis kaufen.

Statt die Bücher zu lieben, machte er irgendwas anderes, das vielleicht mit einer Frage nach Schokolade zu tun hatte, auf jeden Fall staubten die Bücher ein und ich musste wieder 345874653mal sagen, dass er die Jacke anziehen soll. Ein paar Jahre später zog dann meine Tochter diese Bücher aus dem Regal und siehe da: Ich muss sie so oft vorlesen bzw. -zeigen, dass sie mir schon ein bisschen aus den Ohren rauskommen.

Es handelt sich um:

Die große Reise von Fräulein Pauline von Charlotte Gastaut, erschienen bei Knesebeck.

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So sieht das Buch aus. Ich habe es mit Absicht für meinen Sohn gekauft und bin gendermäßig etwas genervt, dass ausgerechnet die Tochter es gut findet, aber nun.

Pauline ist ein Mädchen, das mit ihren Eltern irgendwo hinsoll. Deshalb sagen die Eltern alles, was Eltern so sagen, wenn sie irgendwo hinmüssen.

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Fast alles selber schon gesagt.

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Pauline reagiert wie 99,9576373 % aller Kinder. Oder 100% von meinen. Wobei sie statt “lalalala” meistens gar nichts oder “gle-heich” sagen….

Pauline hört nicht einfach nur nicht zu, sondern haut ab in ihre Traumwelt. Sie fliegt durch Wolken, taucht mit Meerjungfrauen, trifft auf Schneemonster und vieles mehr. Ich finde das, besonders wenn ich müde bin, etwas anstrengend anzugucken, weil es eben keinen Text gibt, den ich vorlesen kann und mir die Seiten dann doch zu viel Mädchenphantasiekram sind. Aber die Kleine liebt es und fragt und staunt und will auch gleich losfliegen in die Wolken.

 

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“Mama, du bist auf der kleine Wolke und ich auf der Großen.” Mama denkt: Die Couch würde mir reichen, aber ein fröhliches Kind ist ja auch was Schönes. So wie die absichtlichen Löcher in den Seiten.

 

 

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Bitte melden, wer auf transparenten Seiten Arschbombe zu den Meerjungfrauen gemacht hat.

Das Buch gibt es beim Verlag nicht mehr. Aber ich verleihe es gern mal. Das zweite könnt ihr noch kaufen, oder mich anrufen, dann sage ich es auswendig auf (inkl. Bildbeschreibung). Es ist:
Finn tobt von David Elliot und Timothy Basil Ering, erschienen bei Klett Kinderbuch

 

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Ich finde mich besonders im hilflosen Blick des Vaters wieder. ©Timothy Basil Ering / Klett Kinderbuch, 2011

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©Timothy Basil Ering / Klett Kinderbuch, 2011

Dieses Buch habe ich gekauft, weil ich dachte, es muss doch ein begleitendes Buch zu den kinskiesken Wutanfällen meines Sohnes geben. Als ich es ihm vorlas, lächelte er müde. Überschwemmung durch Tränen? Pah, er kann intergalaktischen Tsunami, wenn er ein klitzekleines bisschen was nicht gutfindet. Finn soll mal noch ein bisschen üben und sich dann wieder melden. Vielleicht hatte er auch hauptberuflich einfach selber so viel mit Wut zu tun, dass er sie in Büchern nicht auch noch wollte. Aber. Unsere eher sanftmütige Kleine, die bis jetzt verdächtig wenig mit der Wut zu tun hat, liebt dieses Buch. Ich habe es häufiger vorgelesen als in einem Monat zum allseits beliebten Jacke anziehen aufgefordert zu haben – und ein Ende ist nicht in Sicht. Das Buch geht so: Finn hat schlechte Laune und flippt aus. Wie gesagt, für meinen Sohn ist Finns Ausflipperei ein Frühlingstag im Schmetterlingspark, aber in echt tobt Finn die Apokalypse nach:

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Ich finde mich besonders in den hilflosen Augen des Vaters wieder. ©Timothy Basil Ering / Klett Kinderbuch, 2011

Ich fand das Buch tatsächlich bei den ersten Malen Vorlesen übertrieben und konnte den Großen verstehen, dass er es nicht so super fand. Als ich es der Kleinen so oft vorgelesen habe, kam ich ins Grübeln und Gutfinden. Genau genommen ist ein Wutanfall doch genau das, was beschrieben wird. Und zwar für das Kind genau wie für die Eltern. Er fegt über alle hinweg, niemand will es, alle gehen in Deckung und versuchen gleichzeitig, den Schaden klein zu halten. Die Kleine liebt dieses Buch. Auf jeder Seite gucken wir genau, was alles rumfliegt, wie Finn guckt und schreit und weint. Und wenn alles wieder gut ist, scheint sie wirklich erleichtert.

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Für den Reset-Knopf von Wutkindern würde ich viel Geld bezahlen. ©Timothy Basil Ering / Klett Kinderbuch, 2011

 

Diese zwei Bücher haben mir folgendes mitgeteilt:

  1. Siehste! Verschiedene Kinder finden verschiedene Bücher gut.
  2. Deine Vorstellung über die Vorstellungskraft deiner Kinder ist manchmal wirklich klitzekleinkariert.
  3. Wenn Bücher nur nicht “dein Ding” sind aber nicht doof, sollst du sie trotzdem vorlesen.
  4. Alles immer mal wieder rausholen und ausprobieren. Auch den Wunsch nach nur einmal “Jacke-Anziehen-Sagen”.

  2 Replies to “Bücher. Muss man nicht verstehen. Aber vorlesen.”

  1. Nele
    28.7.2016 at 12:56

    Ha, ha, ha! Da das wildeste Wutkind, das wir gerade im Angebot haben, das vor Hilflosigkeit mit der Faust haut und “bumme, bumme Mama!!!” schreit, bis es nur noch kreischen kann, auch noch Finn heißt, musste ich das Buch sofort kaufen. Mal sehen, wie er es findet. Mit Sachen schmeißen kann er schon ganz gut, aber vielleicht kann er sich noch ein paar Tricks abgucken.
    Wir haben auf Grund der Namensgleichheit auch mal “Finn, der Feuerwehrelch” geschenkt bekommen. Es ist großartig. Falls jemand mal einen Tipp braucht. Geht auch für Kinder, die anders heißen.

  2. rike
    28.7.2016 at 14:29

    Ha! Finn der Feuerwehrelch war das einzige Feuerwehrbuch, das ich während der ewig dauernden Feuerwehrmann Sam-Phase gern gelesen habe. Es ist wirklich supersupersuper. Und da sagste was, das haben wir nämlich verliehen und so langsam könnte es was für die kleine sein. Ich danke dir also doppelt für den Kommentar <3

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