Vom Buch ins echte Leben ( und damit meine ich das INTERNET!)

Also, ich mag ja gern Biografien gucken. Ja, gucken. Auf dem Smartphone. Weil mich um die Buchstaben und ein paar Fotos aus Biografie-Büchern herum immer noch viel mehr interessiert und ich sehen will, wie die Leute in echt waren, wie ihre Stimme sich angehört hat, wie ihr Gang war oder ihre Gang oder ihre Konzerte und so weiter. Meistens lande ich also, wenn ich mehr über spannende Menschen wissen will, eher bei youtube als im Buchladen. Da hangele ich mich so durch die vielen Informationen und stehe so knietief im Internet, dass ich zuerst gar nicht das Schild bemerkt habe, auf dem steht:

Manchmal, wenn ein Erwachsener sich eine Weisheit ausdenkt, ist das gar keine und ratzfatz habe ich schon den lahmen Geschmack von WTFuckigkeit im Mund.

 

 

Ich könnte mich natürlich jetzt vor lauter Erweckung zu den Amish People gesellen, aber ich warte sehnsüchtig auf die neuen Staffeln von Stranger Things und Ozark, deshalb geht das nicht. Deshalb möchte ich den Menschen, die an das Abenteuersterben durch Internet glauben, etwas sagen: Euer Früher ist nicht unser Jetzt. Und: Das Internet kann mehr Sachen als Kinder-Abenteuer töten. Zum Beispiel bei den bereits erwähnten Biografien, da können Kinder ganz prima einen Einstieg in das Leben einer Persönlichkeit bekommen und im Internet viel mehr erfahren. Ich präsentiere: Kinderbuch-Biografien mit Internetlinks!

 

Roth, Benita: Sibylla und der Tulpenraub. Die wilde Kindheit von Maria Sibylla Merian Verlag: Seemann (2017). Altersempfehlung: ab 4 J. 14,95 €

 

Maria Sibylla Merian wurde bereits 1647 geboren und war ziemlich besonders. Und sehr, sehr anders als die anderen Kinder.

Hihihi. Dieses Bild ist eigentlich fast wie die Tafel. Draußenabenteurerin vs. Stubenhocker, wegen 17. Jahrhundert allerdings ohne Smartphones.

Ihre große Liebe zu allem, was die Flora und Fauna zu bieten hat, führte dazu, dass Sibylla alles beobachten, sammeln und zeichnen wollte. Zum Beispiel auch die Tulpen ihres Nachbarn, der ein reicher Graf war. Weil sie aber wusste, dass der sie für bekloppt halten und sie vermutlich viel Ärger kriegen würde, sah sie nur eine Möglichkeit. Tupendiebstahl.

Zum Glück ist der Graf, als er dann Maria Sybilla Merians Bilder sieht, ganz aus dem Häuschen und verzichtet auf eine Strafe, wenn er sie (die Bilder) denn nur jederzeit sehen darf.

Tulpen oder Lulpen, Hauptsache Italien.

Dieses Buch ist unterhaltsam und schön illustriert und angenehm getextet. Und es macht Lust, noch mehr über Maria Sybilla Merian zu erfahren. Leute, fangt an zu kurbeln, wir brauchen Strom und Internet:

    1. Sie war auf dem 500 DM-Schein zu sehen. Allerdings nur, weil sie als doch nicht schön genug für den 100DM-Schein befunden wurde. Zack, sprichste mit den Kindern über Schönheitsideale und so weiter.
    2. Das Faksimile ihres Buches, das 1705 (!) erschienen ist und in dem sie unter anderem ihre Beobachtungen aus Surinam zeigte, und somit Tiere, die die meisten Menschen der Welt noch niemals gesehen hatten. Hier gibt es ein Video, wie aufgeregt die Originalausgabe (!) angeguckt wird:

5. Und sogar Andreas Dorau hat ein Lied über sie gemacht, das Francoise Cactus singt. Jetzt können alle dancen!

 

Snyder, Laurel: Der Schwan. Das Leben der Anna Pawlowa. Übersetzung: Martins, Elisa, Illustration: Morstad, Julie. Verlag: NordSüd Verlag (2017). Altersempfehlung: ab 4 J. 16,00 €

Im Buch um Anna Pawlowa, die berühmte Balletttänzerin geht es darum, wie sie aus ärmsten Verhältnissen schafft, sich ihren Traum, Ballerina zu werden, zu erfüllen.

In diesem hübsch illustrierten Buch wird in blumiger Sprache beschrieben, wie Anna Pawlowa weltberühmt wird und mit ihrem Tanz alle Menschen glücklich macht. Besonders mit ihrer Rolle als sterbender Schwan.

Als sie irgendwann mit dem Zug fährt, und bei einem außerplanmäßigen Halt zu dünn angezogen auf dem Gleis herumspaziert, fängt sie sich eine Lungenentzündung ein, an der sie letzten Endes auch stirbt. Das steht aber so direkt nicht im Buch, denn die Sprache tänzelt, wie Ballett, drumherum. Mir ist das, ehrlich gesagt, etwas drüber, und ich muss beim Vorlesen immer Lachen, weil ich mir vorstelle, dass der Mann, der zu blumiger Sprache einen noch weniger begangenen Zugang hat als ich, das mit den Kindern liest. Aber: es erzählt die Geschichte von Anna Pawlowa passend und nach dem Buch bietet sich natürlich ein Video an, in dem Anna Pawlova der Sterbenden Schwan tanzt.

 

Als die Kleine dieses Video sah, fragte sie mich irritiert, warum die Frau so „zappelt“. Keine Liebe zum Ballett liegt vielleicht in der Familie. Aber: Weiter gehen kann es hier zum Beispiel ganz prima mit Videos über Misty Copeland gehen, eine schwarze Balletttänzerin, hier zum Beispiel im Gespräch mit Obama.

Außerdem bieten sich noch mehr Videos von modernem Ballett an, der Mischung von Ballett und anderen Tanzstilen und das darauffolgende Ausprobieren im heimischen Wohnzimmer. Das ist dann zwar immer noch nicht unser Ding, aber die Kinder lernen in der Schule ja auch Physik, womit ich sehr wenig anfangen kann. A propos Physik:

 

Tille, Peter, Bofinger, Manfred: Einstein mit der Geige. Verlag: Eulenspiegel (2013). Altersempfehlung: Kindergartenalter, 6,99 €

In diesem Buch geht es um Albert Einstein und um seinen Weg zur Arbeit. Zugegeben, die Illustration sind so, dass ich kurz an Bobo Siebenschläfer gedacht habe. Aber dieses Buch erklärt ganz prima die Relativitätstheorie, ohne dabei zu vergessen, dass die wenigsten von uns Einsteins sind. Es geht nicht um fallende Kugeln in irgendwelchen Sphären mit unterschiedlicher Molekularpartikeldichte. Ich habe keine Ahnung von dem, was ich gerade geschrieben habe, deshalb bin ich sehr froh, dass die Relativitätstheorie am Beispiel erklärt wird, wie lange er zu Fuss oder mit dem Auto zu seiner Arbeit braucht.

Schnell fließender Schweiss statt zäh fliessendem Verkehr: Einstein zu Fuss unterwegs.

Auch nach dieser Lektüre bieten sich sehr viele verschiedene Themen an, nach denen man im Internet suchen kann. Meine Vorschläge:

  1. Wie kam es zu dem Foto mit der herausgestreckten Zunge? Spoiler: Einstein war mit 72 Jahren genervt vom vielen fotografiert werden. Außerdem sagt es viel über ihn aus. Da kann man prima nach Zitaten von ihm suchen, die auch die Kinder verstehen. Hier zum Beispiel ist eine tolle Originalaufnahme:

2. Bei älteren Kindern macht es Sinn, sich über den Nationalsozialismus, Einsteins Flucht und seine Verbindung zur Atombombenforschung zu unterhalten.

Das nächste Buch kommt selbst ohne die des Nationalsozialismus aus, was erstaunlich ist:

 

Chang, Pei-Yu: Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin. Verlag: NordSüd Verlag (2017). Altersempfehlung: ab 4 J. 18,00 €

 

In diesem Buch fällt das Wort Nationalsozialismus tatsächlich nicht ein einziges Mal. Aber er ist wiederzuerkennen. Und Walter Benjamin, Philosoph, ein Mensch mit vielen schönen und außergewöhnlichen Ideen und Gedanken, wurde in dieser Zeit verfolgt.

 

Herr Benjamin muss fliehen und macht sich auf den Weg. Auf die Flucht nimmt er einen Koffer mit, einen sehr schweren, sperrigen, umständlichen Koffer, den er unter keinen Umständen zurücklassen will.

Irgendwann sind Herr Benjamin und sein Koffer verschwunden. Einfach weg. Die Leute fragen sich, was wohl drin war, im Koffer, und genau das ist ein toller Anknüpfungspunkt zum Gespräch mit Kindern, aber nur kurz, denn dann muss das Internet wieder an.

1. Was ist im Koffer? Können Ideen und Gedanken gefährlich sein? Sollte man aufhören, sie zu haben, wenn sie anderen nicht gefallen? Hier bietet sich ein youtube-Video mit eingeblendetem Text von „Die Gedanken sind frei“ an.

 

2. Walter Benjamin hat sehr vieles gemacht, unter anderem auch Radiobeiträge geschrieben. Einige davon heissen „Aufklärung für Kinder“ und können im Internet gehört werden. DAS IST SEHR SPANNEND, ich habs bis jetzt ohne Kinder gehört, aber werde das mit dem Großen mal ausprobieren.

 

Brown, Monica: Frida Kahlo und ihre Tiere. Übersetzung: Martins, Elisa, Illustration: Parra, John. Verlag: NordSüd Verlag (2017). Altersempfehlung: ab 4 J. 15,00 €

Frida Kahlo war eine eigenwillige mexikanische Malerin. In diesem Buch wird mit schönen Bildern und fesselnden Anekdoten so von ihrem Leben erzählt, dass beide Kinder sofort ganz angetan waren. Sie war frech? Sie hatte wirklich so viele Tiere? Wie sah sie denn bloss aus, als sie diesen schrecklichen Unfall hatte?

Angelehnt an die Originalzeichnung von Frida Kahlo hier die Seite, die den Großen am meisten fasziniert hat.

Und nach dem Buch musste ich die Kinder nicht einmal darauf bringen, sie fragten ganz von selbst: WIE SEHEN DENN DIE BILDER AUS, DIE DIE GEMALT HAT? Bei uns ist also danach folgendes passiert:

Wir haben alle ihre Bilder angeguckt und auf ihnen die Tiere gesucht, von denen in den Büchern die Rede war.

Wir haben in diesem Blogbeitrag Fotos angeguckt vom Haus, in dem sie gelebt hat, vom Bett, von ihren Pinseln, ihren Kleidern usw.

Wir reden über die Monobraue und beknackte Schönheitsideale.

Wir tippen DIY-Suchbegriffe bei Pinterest ein und kriegen Bastelbock.

 

Wer jetzt selber Lust kriegt, eines dieser Bücher zu lesen oder mit seinem Kind seine liebsten SchriftstellerInnen, MusikerInnen etc. zu googeln und sich davon Videos anzugucken, kann dies gern in der Öffentlichkeit machen und dabei das Smartphone und das Kind sehr hoch in die Luft halten, damit alle sehen können:

Öfter als ihr denkt, wenn ein Kind ein Smartphone in der Hand hat, küsst eine Eins eine Null und das beobachtet eine neugierige Synapse, die es überall rumerzählt – und dann stirbt deshalb kein Abenteuer, sondern es leuchtet wunderschöner.

 

Ich danke den Verlagen Seemann und Nord Süd für die Rezensionsexemplare.

Wer sich fragt, wo das Laika-Buch geblieben ist: es hat den Weg nicht geschafft.

  6 Replies to “Vom Buch ins echte Leben ( und damit meine ich das INTERNET!)”

  1. 19.9.2017 at 12:45

    <3 (=ganz wunderbar)

  2. rike
    19.9.2017 at 13:43

    <3 (=vielen lieben dank)

  3. Connusch
    19.9.2017 at 21:30

    Ganz, ganz vielen Dank für die super spannenden Tipps! Ich gehe jetzt ins Internet und kaufe Bücher

  4. rike
    20.9.2017 at 09:01

    Oder du lässt dir vom Internet sagen, wo der nächste Buchladen ist. Ich bin ja eine große Anhängerin des stationären Handels 🙂 Auf jeden Fall: HURRAAAAA!

  5. 20.9.2017 at 09:33

    Beim Lesen und Wiederlesen von Herrn Benjamin kamen bei uns ganz viele Fragen
    – über die Frage, was böse Menschen böse macht und auch
    – weshalb die Menschen die bösen Nazis nicht einfach fort gejagt haben wenn die doch so böse waren.

    Kurzer ist acht. Vielleicht hättest du mir ein paar Ideen, wo wir nach Antworten auf diese beiden Fragen suchen könnten?

  6. rike
    20.9.2017 at 10:52

    Das hatten wir hier bei König sein. Richtige Quellen dazu haben ich leider nicht parat. Aber ich versuche in solchen Momenten, das Gespräch schnell auf die Guten zu lenken. Also so ungefähr: klar gibt es böse Menschen, aber es gibt immer mehr, die gut sind. Auch sich gut verhalten kann ansteckend sein, deshalb ist so wichtig, dass wir laut unsere Meinung sagen und uns einsetzen. AUch wegen unserer Geschichte. So ungefähr. Hilft das oder war das jetzt Klugscheisserei?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.