Besser wissen statt Besserwissen.

„Also, ich verwende jetzt nur noch Seifenstücke, damit ich die Seifenspender aus Plastik nicht mehr habe. Mit jedem Einkauf wuchs mein schlechtes Gewissen. Jetzt kaufe ich die bei Lush.“
„Von Lush? Bei so großen Firmen müssen wir skeptisch sein. Da kannst du nicht darauf vertrauen, dass die Produktions- uns Arbeitsprozesse optimal laufen.“
„Ja, äh, Ein paar Mal habe ich die Seife jetzt auch schon selbst gemacht.“
„Aber wenn du das alles selber machst, nimmst du Leuten ihre Arbeitsstelle weg. FALSCH!“

 

„Ich hab bei H&M eingekauft. Ich würde total gern immer lokal und fair kaufen, aber ich kann mir das eben auch nur manchmal leisten.“
„Du bist zu faul. Das geht doch auch Second Hand.“
„Ja, aber ich weiss nicht, wie ich Flohmärkte und Läden abklappern in meinen Tag kriegen soll. Ich bin allein mit zwei Kindern und arbeite voll.“
„Also, ich kriege echt den Eindruck, du WILLST gar nichts für die Umwelt tun.“

 

„Ich hab so Hunger. Gleich koch ich erstmal was.“
„Was denn? Ich hoffe, du kochst frisch, und verseuchst deine Familie nicht mit industriellem Schmutz von Großkonzernen. “
„Äh, ja, ich mache Lasagne. Ich koch das gern für die Familie, mögen alle, und beim Essen erzählen wir uns fröhlich unseren Tag.“
„Lasagne mit Fleisch?“
„Ja. Aber wir kaufen das nur auf dem Markt.“
„Auch das Fleisch auf dem Markt ist gestorben.“
„Ich weiss. Wir versuchen auch, so wenig wie möglich Fleisch zu essen.“
Was seid ihr nur für Vorbilder für eure Kinder?“

via GIPHY

Diese Art von Dialogen habe ich viel zu oft in meinem Kopf. Beim Einkaufen, im Familienleben, als Paar, Frau eigentlich so gut wie immer höre ich Stimmen, deren Eltern meistens im Internet wohnen. Sie maßregeln, machen Vorwürfe und verurteilen. Und obwohl ich bereits 4000mal „Ich darf keine Online-Kommentare lesen“ auf die Tafel von Bart Simpson geschrieben habe, habe ich diesen Vorwurfsmechanismus perfekt internalisiert.

Die Leute, die im Internet rumzeigefingern, haben mich tatsächlich lange glauben lassen, dass es sie im echten Leben gibt, als Menschen, die wirklich alles richtig machen. Sie trennen ihren Müll nicht nur, sie produzieren nicht mal welchen. Sie machen ihre Klamotten selbst, während sie in Pakistan gegen schlechte Arbeitsbedingungen auf die Strasse gehen. Nach Pakistan sind sie natürlich nicht geflogen, sondern mit einem Paddelboot gefahren, das sie aus Nussschalen gebaut haben. Ohne Industriekleber, nur mit Geduld, gutem Willen und der Spucke guter Menschen.

Wer zicken will, soll freundlich sein

Das war natürlich übertrieben. Aber selbstherrliches Zeigefingern lädt mich eben mehr zu Zynismus ein als dazu, mein Verhalten zu überdenken. Oder dazu XXL-Möbelhaus-große Fuckfinger zu zeigen. Es ist ja durchaus legitim, zum Beispiel darauf aufmerksam zu machen, dass Fleischkonsum keine gute Idee ist. Und wenn im Kommentar der Ton so klingt, als würden alle Fleischesser*Innen auch für Transplantationen vorgesehene Kindernieren snacken, werde ich eher nicht als nächstes   vegetarische Bolognese kochen.

Ich habe inzwischen ein paar der Leute, die ich für ihre konsequente, politische, umweltfreundliche etc. Lebensweise sehr bewundere, persönlich kennengelernt und festgestellt: Die machen gar nicht alles immer richtig und perfekt. Auch die krasseste Ernährungshardlinerin drückt ihrem Kind mal eine Bockwurst in die Hand. Auch Feministen vergessen mal zu gendern. Auch die liebevollsten Eltern sagen Dinge, die eigentlich nicht gehen und auch die härtesten UmweltschützerInnen lassen ihre Kinder mal auf dem Dom Enten angeln und eine beschissene Saufnapfpfeilpistole mit nach Hause bringen, von denen noch niemals ein einziger Pfeil wirklich irgendwo kleben geblieben ist.

via GIPHY

Dieses Wissen hat mich entspannter werden lassen. Ich nehme seitdem Anklagen, zum Beispiel, weil eine Frau findet, ich vernachlässige meine Kinder, weil ich lustig finde, wenn sie wattsefacko sagen, nicht mehr so persönlich, auch weil mir aufgefallen ist, dass ich selbst so gar nicht mit anderen reden würde. Deshalb nehme ich mich für die interne Kommunikation mit mir selbst mich persönlich das Vorbild. Äh…

via GIPHY

Mehr gute Leute, weniger Arschgeigen

Wenn ich über mein (Konsum-)Verhalten nachdenke oder bei anderen Situationen mitbekomme, die ich nicht ok finde, frage ich mich, ob es sich vielleicht um einen Fall handelt, in dem ich auch einfach die Fresse halten könnte (Aufräumen vs. Liegenlassen, Trage vs. Kinderwagen etcpp) und wenn das nicht geht, formuliere ich meine Kritik oder meine Bedenken mit Respekt und Wohlwollen, gern auch mal als Frage. Das geht, weil ich davon ausgehe, dass die Welt eben nicht aus rücksichtslosen Arschgeigen besteht, sondern zu einem großen Teil aus guten Leuten, die über manche Dinge weniger nachgedacht haben (dafür aber über andere mehr). Nicht aus böser Absicht, sondern einfach so. Und da ist ein bisschen mehr Nachsicht für die Welt und unser Zusammenleben doch viel zielführender als ein elitäres Draufgekloppe. Spoiler, Leute: die wenigsten von uns sind zu 100% perfekt.

Das ist meine Motivation, so viel wie möglich so gut wie möglich zu machen. Und kein Freifahrtschein, sich wie ein Arsch zu benehmen, den Klimawandel zu leugnen, die Kinder anzuschreien und von jeder Kuh nur einmal abzubeissen.

 

 

 

  17 Replies to “Besser wissen statt Besserwissen.”

  1. Uli
    18.12.2017 at 13:26

    Meine Erfahrung: Wer sich überhaupt mal Gedanken über Themen wie Plastikverpackungen macht, hat sowieso schon ganz viel richtig gemacht. Ob man dann „nur“ keine Plastiktüten mehr kauft, sich bei „Lush“ mit einer Jahresration festen Duschgels und Shampoos eindeckt oder gleich nur noch bei „Original Unverpackt“ einkauft, sind dann Details. Leider kriegen sich viele über diese letzten 5% wahnsinnig in die Haare, man kann stundenlang über den CO2 Fußabdruck von importiertem Soja versus einheimischen Käse fabulieren.

    Viel schlimmer sind die Leute die sich gerade keine Gedanken machen. Die einfach jeden Tag Fleisch essen, für jede noch so kleine Strecke das Auto nehmen und natürlich jedes Jahr möglichst weit weg in den Urlaub fliegen.

  2. rike
    18.12.2017 at 13:38

    „man kann stundenlang über den CO2 Fußabdruck von importiertem Soja versus einheimischen Käse fabulieren“ das trifft es gut, finde ich. danke für den kommentar und liebe grüße!

  3. 18.12.2017 at 14:15

    Ach, Rike, das ist so ein schöner Artikel!
    Den nehm ich im Herzen zum nächsten Lehrergespräch mit.
    Die wirren Gedanken schwirren unsortiert schon lange in meinem Kopf, Danke fürs einsammeln und perfekt ausformulieren.

  4. Julia
    18.12.2017 at 14:15

    Vielen Dank fürs Kopf zurechtrücken!
    Gerade als ich K1 vom Kindergarten abholte, fabulierte irgendsoeine Internetstimme in meinem Kopf rum: ich solle mich wegen meiner Rückenschmerzen nicht so anstellen und K3 gefälligst ins Tragetuch packen anstatt sie so Rabenmuttermäßig im Kinderwagen vor mir her zu schieben….
    Da packste dir an‘ Kopf!
    😉
    Liebe Grüße
    Julia

  5. Nele
    18.12.2017 at 14:18

    Wie wahr, der obere Kommentar! Ich versuche meinen Studierenden (gut genderneutraln nä?!) immer beizubringen, dass sie es gar nicht „richtig“ machen können, dass es aber reicht, wenn sie nachdenken und überhaupt ihr Verhalten reflektieren. Beispiel: Verganer*innen, die nicht frieren wollen (und viele andere auch), tragen gern so praktische Mikrofaser-Kleidung, bei jedem Waschen Plastikfasern ins Wasser entlässt. Total schlecht für die Meere! Mehrwegflaschen? Der Wasser- und Stromverbrauch!
    Wenn alle ein bisschen was besser machen, ist das allemal besser, als wenn man angesichts der Unmöglichkeit sich perfekt zu verhalten verzweifelt, mit dem Auto zum Discounter fährt, täglich Billighackfleisch isst und die H&M-Schlüpper nach 1x Tragen in die Tonne wirft. Amen!
    Ich fahre zum Beispiel viel zu viel Auto. Warum? Ich arbeite Vollzeit mit zwei kleinen Kindern und meine Arbeit ist 11km von Haus, Schule, Kindergarten entfernt. Zu „unverpackt“ fahre ich nicht, weil ich da nicht parken kann und die Kinder alles angrabbeln. Dafür nehme ich nie Pladtiktüten und kaufe Bücher wieder im Buchladen. Okay, zu 90%. Ich arbeite daran… Schöne Weihnachten allerseits!

  6. 18.12.2017 at 14:31

    Meiner Erfahrung nach fährt man am Entspanntesten, wenn man „assume good faith“ in beide Richtungen anwendet: In Richtung der Person, die in meinen Augen gerade total am Failen ist, aber auch in Richtung der Person, die mir ständig ungefragt Erziehungstipps vor den Latz knallt. Die meint es nämlich auch nur gut. Auch wenn sie es auch leiser gut meinen könnte. Oder gleich ganz gemuted.

  7. rike
    18.12.2017 at 15:00

    ist mein nachträgliches geburtstagsgeschenk für dich, meine liebe <3

  8. rike
    18.12.2017 at 15:01

    diese Kinderwagenfahrt wurde ihnen präsentiert von: inFemme <3 gute Besserung <3

  9. rike
    18.12.2017 at 15:03

    dir auch, du liebe kluge frau <3

  10. rike
    18.12.2017 at 15:04

    recht haste <3

  11. Ulrike Prahl
    18.12.2017 at 17:20

    Rike, du bist die Beste!
    Und ich wünsche mir bitte auch diese Saufnapfpfeilpistole. 😉

  12. 18.12.2017 at 20:46

    Manchmal, wenn ich diese Besserwisser treffe, kommt mir etwas die Galle hoch. Dann denke ich an die Bessermacher (und die es versuchen) und weiß, viele lenken von den Unzulänglichkeiten ab. Ein Phänomen, wie einige sich das Recht rausnehmen, dem anderen Kritik an den Kopf zu bügeln, ohne dessen Lebensumstände zu kennen. Da ist sie wieder, diese Galle, die mir hochkommt. Kritik kann ich freundlich verpacken. Ich kann aber auch erstmal fragen, WARUM jemand es so macht und nicht vielleicht anders. Respekt ist das Zauberwort. Ich muss nicht allen meine Meinung aufdrücken, weil ich mir eine andere Lebensweise leisten kann. Trotzdem kann ich ein guter Mensch und Vater sein. Mit Bockwurst, günstigen Kindersachen und Zeitmangel bei der Secondhand-Suche. Ungefragte Besserwisserei und Ratschlagerei ist … warte, ich machs freundlich … respektlos. Thats it. In allen Bereichen des Lebens.

    Danke für den Artikel!

  13. rike
    19.12.2017 at 15:48

    huch! steht da echt saufnapf? die hätte ich dann allerdings vielleicht auch gern 🙂

  14. rike
    19.12.2017 at 15:52

    sehr gern. und danke für deinen Kommentar. Da fällt mir auch noch was ein:
    Es gab eine Schülerin auf meiner Schule, die in der Schülervertretung und auch (umwelt)politisch sehr engagiert war. Die hat sich wirklich um ALLE gekümmert. Und zum 18. Geburtstag hat sie einen Trabi bekommen, und die Schüler*innen, die mit nichts als cool sein beschäftigt waren, meckerten, dass das Auto ja voll die Umweltverschmutzung ist. Und mein Religionslehrer hat das so treffend kommentiert, dass ich mir das bis heute hinter die Ohren geschrieben habe.

  15. Fujolan
    19.1.2018 at 06:24

    Vor meinem inneren Auge: der Saufnapf <3

  16. rike
    19.1.2018 at 18:33

    HAHAHAHAHA! Danke für den Hinweis. Weil das so lustig ist, lass ich das jetzt so <3

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.