Gegen Genderstereotype – oder weil ich sonst keine Probleme habe.

 

Beim Einkaufen schwitze ich nicht nur, weil meine Kinder es total lustig finden, sich durch die Gänge zu jagen und zu erschrecken, woraufhin sie kreischen und juchzen und andere Menschen mit den Augen rollen und sich kopfschüttelnd aufregen, weil wenn was bei anderen zum Aufregen ist, muss sich nicht über die wirklich beschissenen Sachen (das eigene Leben, der Stock im Arsch kneift uswusf.) aufgeregt werden. Sondern auch, weil aus den Regalen herausgebrüllt wird: KAUF MICH, WENN DU EIN MÄDCHEN BIST. FÜR DICH IST DER ROSA PRINZESSINNENKRAM, WEIL DU SO SÜSS UND NIEDLICH BIST. ACH, DU BIST EIN JUNGE? DANN FINGER WEG, FÜR DICH IST DAS BLAUE. MIT KÄMPFEN UND STARK SEIN. UND WEHE, IHR VERTAUSCHT DA WAS!

Ich habe vor ein paar Wochen so getan, als wäre mir das passiert und Nestlé um Hilfe gebeten.

Nestlé hat natürlich keine Rückrufaktion gestartet und auch gleich damit aufgehört, Wasser zu klauen usw., aber halbwegs lustig geantwortet. Und die meisten Leute haben den Witz und die Kritik verstanden und lustig kommentiert. Aber das Internet wäre nicht das Internet, wenn nicht Leute ohne Rechtschreibung und Kinderstube fordern, dass mir dummer ***** die Kinder weggenommen gehören, weil ich so dumm bin, dass sie meinen Witz und meine Kritik nicht verstehen.

Und dann gibt es noch die, die unter alles den Standard-Kommentar: ‚Hast du sonst keine Probleme? Was ist mit Verkehrsberuhigungen/uns Deutschen/den Tieren !!??‚ schreiben, weil sie, häufig im Tausch gegen eine funktionierende Empathiefunktion, eine Visitenkarte bekommen haben, auf der sie unter ihrem Namen deutlich lesen können: Offizielle weltweite Stelle für die Bescheinigung von Wahr, Gut und Wichtig.

Diesen Leuten möchte ich sagen: Wisster was? Ich habe viele andere Probleme. Da wäre die Welt. Krieg. Umweltprobleme. Hass. Die allgemeine Unheimlichkeit des Weltalls. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Und heute Morgen, zum Beispiel, lag eine Socke im Klo, die musste ich rausfischen, das fand ich auch wirklich eklig. Außerdem habe heute morgen ein Bild von Donald Trump gesehen, in dem er das Flüchtlingsproblem mit einer Schale Skittles vergleicht, da musste ich fast spucken.

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Ich würde Trump übrigens nie mit einem Haufen Scheisse vergleichen können, weil ich mir so sicher bin, dass er einer ist.

Aber der Witz an uns Menschen ist, dass wir alle verschieden sind und uns deshalb auch verschiedene Sachen aufregen. Wäre ich in Aleppo, wäre mir die Sache mit den Smarties vermutlich nicht so wichtig. Und wenn jemand aus meiner Familie sehr krank wäre, käme ich vermutlich auch nicht auf die Idee, Nestlé zu schreiben. Aber es ist, wie es ist und wir sind, wo wir sind und wenn sich jeder (gedankenvoll und gewaltfrei) für sein persönliches Ziel einsetzt, könnte die Welt eventuell besser werden. Andere kämpfen für Verkehrsberuhigungen oder Tierschutz, mir persönlich liegt, auch aufgrund meiner eigenen Sozialisation, sehr am Herzen, dass meinen Kindern niemand vorschreibt, wer oder wie sie aufgrund ihres biologischen Geschlechts zu sein haben, und deshalb rege ich mich auf, wenn jemand oder ein Unternehmen das tut.

Und wenn ihr jetzt sagt: ‚Ja, was, ey, musste ja nicht kaufen, den Kram‘ ,dann sage ich euch: Nee, muss ich nicht, aber ich kriege die Folgen trotzdem mit. Als mein Großer eine rosa Zahnbürste mit in die Kita brachte, weil er sie schön findet und ein Mädchen kreischt, dass diese Zahnbürste nur für Mädchen ist, zum Beispiel. Oder als die Schuhverkäuferin mit einem verschwörerischen Blick versuchte, ihm die glitzernden Feen-Ballettschuhe auszureden, obwohl sie niemand drum gebeten hatte. Oder wenn er mich fragt, ob er Nagellack darf und gleich dazu sagt, dass er weiss, dass er Sprüche kassiert von den Kindern von den Eltern, die Mädchen-und-Jungs-Sachen kaufen und ihren Kindern befehlen, wie sie sein und was sie mögen sollen. Leute! Wir haben 2016! Es ist wissenschaftlich bewiesen: Jungs werden nicht schwul, weil sie rosa tragen und Mädchen werden nicht keinen Mann abkriegen, weil sie gerne mit Stöcken auf Sachen hauen. Jungs und Mädchen, die machen können, was sie wollen, unabhängig von ihrem Geschlecht, werden fröhliche, geliebte Menschen, die so sind, wie sie sein wollen. Sie werden sich nicht falsch fühlen, weil sie als Jungs Jungs mögen, sich als Mädchen gern kloppen oder was auch immer, sondern das ganz normal finden. Und das Beste: Das gilt ja dann automatisch für alle anderen mit, so dass viel mehr Leute leben können, wie sie das wollen.

Und wenn jemand findet, dass das ein überflüssiges, albernes Ziel ist, dann möchte ich fragen, ob es etwas gibt, was er oder sie lieber wäre als ein frustrierter, besserwissender Meckermensch. Echt, ey!

  18 Replies to “Gegen Genderstereotype – oder weil ich sonst keine Probleme habe.”

  1. 20.9.2016 at 14:20

    Weißte Rike, meine Mama hat ne Menge Mist gemacht. Aber auch viele schlaue Dinge, unter anderem hat sie mir nie das Gefühl gegeben, ich müßte irgendwie „sein“, weil „man“ irgendwas irgendwie macht.
    Und sie hat mir dein Buch zur Geburt der Pippi geschenkt, und dafür liebe ich sie bis heute.

    Weil ich es nämlich großartig finde, Kinder einfach Menschen sein zu lassen, und nicht in irgendwelche dummen Geschlechterklischeekisten pressen zu wollen. Hier ist es der Sohn, der sein Mia&Me-Kostüm inniglich liebt und den ganzen Sommer über in Kleidern seiner Schwestern in den Kindergarten ging. Und Nagellack bekam, genauso selbstverständlich wie die Mädels auch. Und ich liebe seinen Kindergarten dafür, dass sie nicht einen einzigen Kommentar darüber verloren haben. Ich denke aber, wenn er älter wird, wird es schwieriger.
    Dann denk ich an deinen Großen und an dich und zeige gedanklich allen, die dumme Sprüche machen, den Mittelfinger. Und wenn ich es schaffe, so cool zu sein wie meine Pippi, werden diese Gipsköpfe ihn spüren.

    Ach ja, im Oktober bin ich ein paar Tage in HH, mit der Bande.
    Liebste Grüße aus dem Exil

  2. Nele
    20.9.2016 at 14:25

    Oh, danke, Rike! Wie immer auf den Punkt. Daumen hoch von der Mutter eines Dreijährigen, dessen Lieblingsfarben rosa, pink und lila sind, der blauen Nagellack auf dem einen dreckigen Zeh und mittelrosalila auf dem anderen hat, sich mit einer Prinzessin Lili-Fee-Zahnbürste die Zähne putzt (ach nee, ich erinnere mich wieder, er putzt ja gar nicht, er schreit jedes Mal rum, als wollte ich ihn abstechen, wenn ich ihm die Zähne putze, aber die Zahnbürste hat er trotzdem selbst ausgesucht) und dem ich, als ich beim Wunsch nach einem „Heft“ (diese ätzenden strikt ge-genderten Schrott-Dinger, Du weißt schon…) einen schwachen Tag hatte, das gewünschte „Baby-Born“-Heft gekauft habe, weil nur das das pinke Glitzerhandy und den pinken Glitzerschlüssel hatte. Ich bilde mir ein, diese ganz rosa Glitzerkacke ist weniger schlimm, wenn ich sie meinem Sohn kaufe, nä?! Ist doch gut, wenn jeder sein eigenes Drehbuch und seinen eigenen Kampf hat; vielleicht kümmern sich im Ergebnis dann genug Leute um alles mögliche (Tiere, Kinder, Weltfrieden, Gerechtigkeit, Umweltschutz, was weiß denn ich…). Ich kenne die Nagellack-Diskussion aber noch aus dem Kindergarten und als unser Kleiner neulich dem Vater eines Klassenkameraden des Großen, der vielleicht einen traditionell eher macho-mäßigen Sozialisationshintergrund hat (boah, das klingt ein bisschen wie „ich bin ja kein Rassist, aber…“), die Tür aufgemacht hat, hat der sofort geschrien: „Was ist das auf Deinen Füßen? Nagellack? Du bist doch kein Mädchen!“ Okay, dass er kein Mädchen ist, hat man sofort daran gesehen, dass er zum Nagellack nur ein dreckiges Unterhemd aber keine Unterhose trug. War vielleicht ein schlechter Zeitpunkt, um die Tür zu öffnen… Ach ja. Alles Liebe Dir und immer schön weitermachen!

  3. 20.9.2016 at 14:35

    Ja! Wunderbar! Genauso ist es!

    Hat mich gleich daran erinnert wie mein Sohn, als er stolz das Käppi seiner großen Schwester – rosa, mit dunkelrosa Paillettenschrift – in der Kita trug, von einem etwas größeren Mädchen entgeistert angestarrt wurde. Als sie sich etwas gefangen hatte, meinte sie nur mit dem Brustton der Überzeugung, dass das doch ein Mädchenkäppi sei und dass er das doch auf keinen Fall tragen dürfe … Er ließ sich davon aber nicht beeindrucken und trug seine Lieblingskopfbedeckung weiterhin jeden Tag stolz und mit Würde. Ebenso wie immer wieder die beiden Zöpfe 😉

  4. rike
    20.9.2016 at 14:44

    Liebe Arlette, Mia & Me gibt es laut meinem Großen nur, damit endlich klar ist, dass Elfenkram auch für Jungs ist. 🙂
    Sag unbedingt Bescheid wegen Oktober, ich freu mich auf euch alle <3

  5. rike
    20.9.2016 at 14:45

    Danke für deinen schönen Kommentar und das fröhliche Bild in meinem Kopf. Ich muss die ganze Zeit grinsen.

    🙂
    Alles Liebe zurück!

  6. rike
    20.9.2016 at 14:47

    Liebe Sabine, danke für den Kommentar und dafür, dass deine Kinder so ihr Ding machen kann <3
    (leider weiss ich nicht, wie das Faust-Hoch-Emoticon geht, aber hier würde jetzt eins stehen)

  7. 20.9.2016 at 15:35

    Toll, toll, toller Text! Es geht ja leider sogar schon los mit der ollen Stereotype, wenn das Kind sich noch nicht selbst die Nagellackfarbe aussuchen kann. Meine Tochter (1 Jahr) hat eine ziemlich überschaubare Frisur und trägt Selbstgestricktes von ihrer Ur-Oma statt rosafarbener Kleidchen – was zur Folge hat, dass ich mehrmals täglich zu diesem süßen Jungen beglückwünscht werde.

  8. rike
    20.9.2016 at 16:15

    Liebe Lena, ich beglückwünsche uns zu unseren Kinder. Bei uns war es nämlich umgekehrt, der Große wurde wegen Löckchen und großen Augen immer für ein Mädchen gehalten. 🙂

  9. 20.9.2016 at 20:39

    Ja, ja und ja! Gibt es eigentlich schon einen nicht-gender-gemainstreamten Onlineshop für Kinderspielzeug und -sachen? Ich wär‘ dann dort gern Kunde!

  10. Clodchen
    20.9.2016 at 22:10

    Grandios schön, dass man nicht alleine kämpft für die Freiheit der Kinder, selbst zu entscheiden, was sie mögen und schön finden. Gelegentlich ein rosa Shirt mit Blume dient meinem schlechten Gewissen, dass das Töchterle auch ja alle Farben tragen darf, auch wenn Mama rosa nicht schön findet. Dafür kommt mir nix mit Disney ins Haus, keine Werbeverblendung, da bin ich zu medienkritisch. Noch mag die 2,5-Jährige Biene Maja, Pitti u das Sandmännchen. Beim Schlafanzugkauf sieht sie gelegentlich auch entsprechende Klamotte mit Druck, freut sich jedoch nur kurz, bekannte Motive wiederzuerkennen, betteln oder gar ähnliches Verhalten kenn ich (noch?!) nicht.. ich geb mir weiterhin Mühe, sollte der Fankult durchbrechen, werde auch ich mich anpassen, vielleicht jedoch ohne Printklamotte und Zeitschriftenfigürchen. Weiter so!

  11. rike
    21.9.2016 at 09:56

    ich habe irgendwo mal einen gesehen, aber ich erinnere mich leider nicht an die adresse. aber ich werde danach noch mal suchen, dann können wir zusammen durch die Regale schieben!! <3

  12. rike
    21.9.2016 at 09:58

    Wow, du bist ja konsequent. Auf Disney kann ich nicht verzichten, dafür finde ich manche Sachen zu gut, aber ich verzichte darauf, meinen Kindern zu sagen, welche Filme was für Mädchen oder Jungs sind. Und auf die Einsprinzessin. 🙂
    Liebste Grüße!

  13. 21.9.2016 at 12:31

    Amen.
    Ich finde deine Text toll! Humorvoll, klar und mit einer Thematik, die auch mir sehr am Herzen liegt. Kinder kennen keine „Jungsfarbe“ oder „Mädchenspielzeug“, die sind frei, bis wir Erwachsenen ihnen nur noch 50% der Welt zugestehen. Wie dumm von uns!
    Liebe Grüße,
    Britta

  14. rike
    21.9.2016 at 12:54

    danke, liebe Britta!

  15. 30.9.2016 at 18:20

    Hier mein Bullshitbingo in Sachen Gendermarketing, mir scheint fast, wir waren im selben (falschen) Film 😀
    http://ich-mach-mir-die-welt.de/2016/09/bullshit-bingo-des-gendermarketing/

  16. rike
    30.9.2016 at 19:28

    großartig, danke dafür. im nächsten buch wird das etwas ausführlicher thema, einer etwas, äh, sonderbaren cdu-dame aus thüringen sei dank.

    solidarische grüße!

  17. Joana
    7.3.2017 at 22:42

    Was für ein großartiger Text! Ich bin so bei Dir!!! Meine Große kloppt auch am liebsten auf allen rum, am liebsten mit Stöckern und Steinen. Kleider mag sie nicht, die roten Lackpumps ihrer Mutter trägt sie hingegen mit Hingabe! Und ihre liebevoll geflochtenen Zöpfe mit selbst ausgesuchten rosa Spangen (a propos: Es gibt in einschlägigen Drogeriemärkten tatsächlich nur – und ich habe das mehrfach überprüft – rosa und lila farbene Haargummis!!) sind meist voller Schlamm, weil sie sich dort mit ihrem besten Kumpel gewälzt hat. Ihr Bruder hingegen bekam direkt von uns den mit „Genderhase“ betitelten pink gestreiften Schnullerhasen, an dem ein rosa Schnuller hängt, damit das dann auch farblich passt. Wer blöd fragen sollte (hat zum Glück noch niemand), dem werde ich erklären dass man seine Kinder ja immer finanziell unterstützen muss, wenn sie selbst Kinder bekommen und da wir uns so viele Enkel nicht leisten können, wir beschlossen haben, den Kleinen schwul zu machen.
    Im übrigen verschlinge ich gerade Deinen Blog von hinten nach vorn und höre nicht mehr auf zu lesen (ich gebe es zu, die innige Zweisamkeit beim Stillen ist vorbei, ich habe jetzt immer das Handy dabei in der Hand…). Du schreibst so toll und so wahr und ich habe schon so viele Bücher auf der „Kauf mir das“-Liste dass mein Mann sagt ich muss doch wieder arbeiten gehen weil wir uns das nicht leisten können 🙂
    Vielen Dank für diese tollen Texte, Du schreibst Dich in mein Herz!

  18. rike
    8.3.2017 at 16:13

    in deinem Herz gefällt es mir <3

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