Vielleicht kackt hinten die Ente.

Schon am Donnerstag vor dem G20-Gipfel sind wir aus der Stadt geflohen. Am Freitag, während wir am Strand waren und tolle Sachen gegessen haben und von der Badewanne aus das Meer gesehen haben, verfolgten wir über unsere Handys das Geschehen in Hamburg.

Krawalltourismus andersrum.

Irgendwann nachts habe ich ein bisschen geweint. Weil es eine Sache ist, Krawallbilder von irgendwo anders zu sehen, und eine andere, wenn sie dort sind, wo man seinen Alltag lebt. Dort, wo Wasserwerfer stehen, wo Barrikaden gebrannt haben, geht der Große zur Schule, liegt die Praxis unserer Zahnärztin, eigentlich alles, weil wir da eben wohnen. Ein paar Bilder haben wir gemeinsam mit dem Großen geguckt, die Kleine war dabei und wenig später fragte sie mich, wertfrei und trotzdem zum Heulen: „Zünden die jetzt auch unser Haus an?“

Ab da enthielten wir den Kindern weitere Bilder aus der Heimat vor. Allerdings war da ja noch das echte Leben. Wir würden ab Sonntag zwangsläufig vorbeikommen am geplünderten, verrammelten Supermarkt, an diesen Haufen von Betonklötzen, den kaputten Schaufenstern und uns Olaf Scholz zufolge sehr wundern, dass der Gipfel schon vorbei ist.

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Gewundert haben wir dann doch, allerdings eher darüber, wie sauber die Schanze war. Die Stadtreinigung hat gezaubert. Wir sind extra so früh nach Hause gefahren, dass wir bei Hamburg räumt auf! mitmachen konnten, obwohl klar war, dass eine müde Dreijährige und ich jetzt nicht wirklich viel Ordnung machen können. Aber mir lag am Herzen, dass die Kleine zwar kaputte Scheiben sieht, aber davor eben viele Menschen, die die Krawalle wie wir blöd fanden und jetzt das Beste daraus machen.

Schon direkt vor unserer Haustür begegneten uns die ersten Leute mit Müllsäcken und Besen. Eine Frau hatte einen Hund und eine Riesentasche mit Rosen auf dem Arm. Die hat sie verteilt (die Rosen), weil sie keinen Hundesitter gefunden hat und deshalb nur eine Hand zum Helfen frei hatte.

Auf dem Schulterblatt lief Musik, Leute fegten, sammelten Müll, tauschten sich aus und malten mit Kreide Sachen auf die Strasse:

Eigentlich alle hatten Redebedarf. „Warst du hier?“ war eine der am häufigsten gestellten Fragen, und die, die in Hamburg geblieben waren, hatten keine schönen Geschichten zu berichten. Manche von ihnen mussten aus dem Zimmer ihrer Kinder beobachten, wie die Straße vor ihnen brannte und keine Polizei kam. Andere haben Vermummte davon abgehalten, ihre Straße zu zerstören oder zogen Mülleimer, die angezündet werden sollten, wieder von der Straße zurück. Erschöpft wirkten sie. Müde. Kein Wunder, es hat nachts ja die meiste Zeit geknallt – und tief fliegende Hubschrauber machen auch nicht unbedingt Wellnessgeräusche. Viele waren fertig und für viele hatte dieses gemeinsame Saubermachen auch von Innen eine reinigende Wirkung.

Was mich in dem Zusammenhang wirklich aufgeregt hat, waren die zynischen Kommentare über die Aufräumaktion. Ich schnall nicht, warum man, wenn man das blöd findet, nicht einfach mal die Fresse halten kann. Warum muss man sich überheblich auslassen über Menschen, die Bilder und Erlebnisse einfach anders verarbeiten als man selbst? Leute schreiben auf Zettel, wie es ihnen geht oder was sie wütend macht, suchen Scherben aus Ritzen oder malen mit Kreide was auf die Straße. Das ist vielleicht auch nicht alles mein Ding, aber das tut doch auch keinem weh. Was weh tut oder tun würde, ist hingegen das, was manch andere fordern: Rote Flora sofort dichtmachen/Krawallmacher vergasen/Polizei verhaften. Das ist leider zu einfach, denn es ist wieder mal kompliziert.

Ich empfange widersprüchliche Botschaften. @ Superladen Under Pressure in der Schanzenstrasse

Deshalb kann ich hier auch kein Fazit aufschreiben, sondern nur das, was ich bis jetzt für mich festgestellt habe:

  • G20 in Hamburg war eine behämmerte Scheissidee!
  • Ich werde die nächsten Tage viel lesen über die Ereignisse, die Strategien und Entscheidungen dahinter, G20, den Gipfel für Globale Solidarität oder darüber, was ich wählen oder teilen oder machen kann, damit es so vielen wie möglich gut geht.
  • Dieses Viertel ist an den Krawallen nicht selber Schuld, weil es vielleicht linker ist als andere Viertel. Zwischen Links und krimineller Gewaltenergie ist nämlich so viel Platz, da passen die verschiedenen Meinungen von Millionen Leuten rein, die zum Beispiel Geflüchtete willkommen heißen, aber trotzdem ein iPhone haben, und das sogar regulär bezahlt.
  • Ich mag Protestieren und ich mag, dass es möglich ist. Es gab so viele Situationen, Aktionen und Schilder in den letzten Wochen, die mich berührt, erheitert, inspiriert und mir das Gefühl gegeben haben, dass es viele Menschen gibt, über die die Welt sich freuen kann. 1000 Gestalten zum Beispiel, oder der Demorave.
  • Ich mag vielleicht nicht alle PolizistInnen, aber ich mag die Polizei. In allen meinen Phantasien von brenzligen Situationen kommen sie vor.
  • Ich finde nicht, dass die Krawalle in reicheren, schnöseligeren Vierteln gerechtfertigter wären. Wer sowas findet, trägt Ledermützen.
  • Ich glaube, dass bei den Krawallen ziemlich viele enthemmt waren, weil es Menschen gab, die die ersten Steine warfen. Aber ich habe wieder mal gesehen, dass das nicht nur mit Steinen funktioniert, sondern zum Beispiel auch mit Besen. Eine wunderbare Frau denkt sich „Hamburg räumt auf“ aus und sofort fegen Hunderte mit und sind dabei beim „gut gelaunten Exorzismus“, wie Gerald Hensel es treffend genannt hat.

Was bei mir hängen bleibt: Viel lesen, denken und vor allem gute Ideen einfach mal umsetzen, dann bleibt am Ende eben nicht gelähmte Fassungslosigkeit, sondern ein Viertel sauberer als vorher, fröhliche Blumenschenkerei und eine Kinderfrage, die nichts mehr mit brennenden Zuhauses oder Kitas zu tun hat. Auf dem Nachhauseweg zeigte die Kleine nämlich auf das Poloch eines vor uns gehenden Hundes und fragte: „Kommt aus dem kleinen Schlauch die Kacke?“

Hinten kackt also nicht nur die Ente, sondern auch der Hund. Und am momentanen Ende der Ereignisse kommt die Kleine fröhlich nach Hause und zeigt ihrem Vater die Rose und berichtet vom Aufräumen und von der Musik und eben nicht davon, dass ein paar Idioten versucht haben, unser Viertel zu zerlegen, sondern ganz viel geschafft, es wieder schön zu machen.

Die Kleine macht das „Piss-Zeichen“ und das hab ich so gelassen.

 

  12 Replies to “Vielleicht kackt hinten die Ente.”

  1. The Rese
    10.7.2017 at 00:27

    Im Januar 2016 wurde mein Kiez zerstört, als Hooligans und Rechte die Fenster der Geschäfte unserer Straße entglasten. Manch einer erinnert sich vielleicht, das ganze war auch überregional in den Medien. http://m.taz.de/!5265306;m/ Ich kenne also das Gefühl von „die Affen haben in mein Wohnzimmer geko*zt“. Mein Mitgefühl! Gleichzeitig kenne ich auch die Solidarität, die so ein Mist hervorbringen kann. (In Connewitz würden innerhalb weniger Wochen 50.000€ gesammelt, um die Scheiben zu reparieren.) und dazu kann ich nur sagen: yeahyeahyeah!

  2. rike
    10.7.2017 at 09:23

    Danke für den Link. Ich habe gerade den Artikel gelesen, und es gruselt mich sehr. Trotz Gewalt und Zerstörung habe ich mich nicht in meiner Überzeugung angegriffen gefühlt. Das hätte ich in Connewitz sehr wohl. Was für ein Glück, dass es auch dort Solidarität gab. Habt ihr das als Viertel irgendwie zusammen verarbeitet? Wohnt ihr dort gern? Ich würde mich freuen, mehr zu erfahren. <3

  3. 10.7.2017 at 09:38

    Danke für Deine Eindrücke – mir war bisher vieles zu einseitig in die eine oder andere Richtung, mit dem Erfolg, dass ich ganz wenig gesehen und gelesen habe. Toll, wie das ganze Viertel zusammengehalten hat (falls Du es noch nicht gesehen hast: https://www.facebook.com/sebastianhamburg/videos/10211760712272305 )

    Und: Die kleine hat wunderprächtige Schuhe! Gibt’s die auch in 37,5?

  4. rike
    10.7.2017 at 09:48

    ich hab dir eine Mail geschickt. Und danke für den Kommentar <3

  5. Alu
    10.7.2017 at 10:23

    Wenn der Hund kackt kann man das auch wieder weg machen. Danke für deine Eindrücke. Ich verstehe diese Ungehemmtheit nicht, als ob diese Menschen einfach alles rauslassen müssen. Ätzend. Ich drück euch. Alu

  6. rike
    10.7.2017 at 10:51

    Wir drücken zurück <3

  7. Lea
    10.7.2017 at 19:08

    Männer bauen Scheisse, Frauen räumen auf. – Das kotzt mich richtig an!

  8. rike
    10.7.2017 at 19:12

    Auf den Bildern der RandaliererInnen, die ich gesehen habe, waren immer auch Frauen drauf. Und beim Aufräumen waren sehr viele Männer. Deshalb würde ich eher sagen: Arschlöcher bauen Scheisse, Menschen, die das blöd finden und ein besseres Gefühl haben wollen, räumen auf.

  9. Patricia
    10.7.2017 at 20:03

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Der zeichnet ein anderes Bild als die vielen anderen, die man so liest. Es ist gut zu wissen, dass es auch positive Bewegungen gibt.

  10. rike
    11.7.2017 at 08:55

    Es ist wirklich kompliziert, würde ich sagen. Viele Anwohner, die hier waren während der Krawalle, fühlen sich komplett allein gelassen, von der Polizei, die sehr lange nicht kam, um Leute vom Sachen anzünden und Läden plündern abhielt und von den Autonomen, denen sonst so viel Verständnis entgegengebracht hat, die aber plötzlich (durch die Unterstützung vermummter Menschen aus anderen Ländern) völlig durchgedreht sind. Gerade denen hat das gemeinsame Aufräumen viel gegeben. Ich hoffe, dass hier schnell Ruhe einkehrt und sich alle nach einem Durchschnaufen an einen Tisch setzen und reden.
    Liebe Grüße!

  11. 11.7.2017 at 23:35

    Ich hab auch geheult, in meinem Hauptstadtexil, um mein ehemaliges Nachbarviertel, und vor Wut. Verdammtnochmal.
    Meine Sprache such ich noch, und meine Gedanken fahren immernoch Karussell.
    Ich mag deinen Blickwinkel, und deine Unaufgeregtheit. Danke für deinen Beitrag ♥

    Bis bald,
    mit liebsten Grüßen in die schönste Stadt von allen.

  12. rike
    12.7.2017 at 12:54

    Ich hoffe, es bleibt nicht beim gegenseitigen mit dem „guck dich selber an-Fingerzeigen“ auf die Seite mit der anderen Meinung. Uff, würde ich mal sagen.

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