Yeah! Alleinerziehende Impfgegnerin flirtet mit Eisverkäufern.

Ich mag ja Bücher, die andere Lebensrealitäten zeigen als unsere. Wenn es zum Beispiel ein Buch gäbe, in dem Eltern sich stundenlang mit einem milden, interessierten Nicken alle Folgen von Pokemon erzählen lassen, dann wäre das für meinen Sohn sicher sehr spannend. Zum Glück für mich gibt es das nicht.

Was es aber gibt: ein Buch über eine anscheinend alleinerziehende, viel arbeitende Mutter von sieben (7!) Kindern, die allesamt nicht geimpft sind und mit dem Eisverkäufer flirtet. Ich mag diese Mutter.

 

Feldmann, Annette , Engelke, Mareike: Vor den 7 Bergen. Kunstanstifter Verlag (2017) Altersempfehlung: Kindergartenalter

Liebe auf den ersten Blick. Auch, weil die Illustration so schick ist, dass die Äpfel unten rechts glitzern.

Dieses Buch wollte ich unbedingt haben, weil ich eigentlich dachte, es hätte ein bisschen mehr mit Märchen zu tun. Hats aber irgendwie doch nicht, außer dass es eben 7 Kinder sind, sie über 7 Berge fahren und die Oma Schneewittchen ist. Klingt sonderbar? Ja, verdammt, das klingt supersonderbar! Willkommen in diesem schönen Buch.

Also: Es ist Winter, die sieben Kinder sind genervt vom vielen Regen und beschließen beim Skypen mit der Oma (aka Schneewittchen i.R.), dass sie lieber zu ihr in die Berge fahren, weil es da auf sicher Schnee gibt.

Selten habe ich mich so in einer Mutterfigur wiedergefunden. Hier wird sie mit Einkäufen für vermutlich 0,3 Tage vor vollendete Tatsachen gestellt.

Das erste Mal fahren müssen sie die Fahrt verschieben, weil alle Kinder Windpocken kriegen. Ich als internetkommentarverseuchte Frau denke natürlich sofort: WHAT?!? DIE KINDER SIND NICHT GEIMPFT?!!!! um dann von selbst drauf zu kommen, dass es sich ja nur um ein Buch handelt und rote Punkte darstellerisch eine um viele rote Punkte bessere Idee sind als zum Beispiel hohes Fieber und Kopfschmerzen. Deshalb keinen, hihi, Punktabzug dafür.

Nachdem also die Fahrt auf den Herbst verschoben wurde, testen die Kinder im Sommer schon mal die Schlitten und Skier, während die wundervolle Mutter mit Tätowierung und rundem, schönen Bäuchlein mit verstohlenem Blick den Eisverkäufer abcheckt.

Mütter, die auf Eisverkäufer starren und umgekehrt. I like!

Am Abreisetag kommt der Familie ein Bauer in die Quere, der so viele Äpfel bringt, dass die Mutter arbeiten muss statt Urlaub zu machen. Und wo Conni vermutlich gleich die Ärmel hochgekrempelt hätte, um der Mutter zu helfen, fällt hier die Reaktion der Kinder näher in meine Lebensrealität:

Kinder, die das sagen sagen auch: „Kackmama“, „Scheissmama“ oder „Ich ziehe sofort aus“. I hear you, Mutter aus dem Buch!

Aber jetzt: Kinder sind alle gesund, Äpfel sind alle verkauft, Auto ist vollgepackt. Aber dann:

Auto kaputt. Auch hier fühle ich zuerst mit der Mutter.

Mit sieben Kindern am Straßenrand zu stehen, uff. Aber zum Glück kommt der vorher abgecheckte Eisverkäufer Bo mit seinem Eiswagen vorbei. Mit seinem Schal werden die Autos aneinander geknotet und das Auto von Mama abgeschleppt. Die ganze Strecke bis zur Oma.

Die Kleine möchte noch den Satz: „ICH KANN NICHT GUT WARTEN“ ergänzen, ansonsten ist die Liste für uns vollständig.

Nach einer langen, kurvigen Fahrt kommt die Familie endlich bei der Oma aka Schneewittchen i.R. an. Die Kinder freuen sich, die Oma freut sich, es gibt Schnee und Apfelkuchen und mehr Flirterei für Mama und Bo, den Eisverkäufer.

Wie toll ist so eine Kinderstar-Oma, an deren Armen die Kinder Schweinebaumeln machen, während die Mutter Eisverkäufern o.ä. Avancen macht.

Ich mag dieses Buch, weil es realistisch ist, was den Alltag angeht, aber gleichzeitig so eigenwillig und wunderbar verrückt, wenn es um die Geschichte geht. Die Tatsache, dass ich die ganzen Seiten so mit der Mutter gefühlt habe und sie lässig und stark fand, hat mir wunderbar gefallen, genau wie die Illustrationen und überhaupt die ganze Gestaltung. Und der Text ist dazu so herrlich umblumig, dass dieses Buch auf jeden Fall in das gute Fach vom Bücherregal kommt.

 

Ich danke dem Kunstanst!fter Verlag für das Rezensionsexemplar und für die schönen, schönen Bücher <3

 

  2 Replies to “Yeah! Alleinerziehende Impfgegnerin flirtet mit Eisverkäufern.”

  1. 24.6.2017 at 15:59

    Wieso sind dieser Verlag und dieses Buch nicht weltberühmt? SKANDAL!

  2. rike
    26.6.2017 at 14:42

    das sehe ich genau wie du! <3

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