Auf dem Gedankengang der hinkenden Vergleiche.

Wenn ich den Namen Campino höre, denke ich als erstes jedes Mal an Bonbons. Die haben aber ja ein a am Schluss, weshalb mir einfällt, dass Campino ja der Sänger der Toten Hosen ist. Von denen finde ich Wolli gut und den lustigen Schlagzeuger, genau genommen alle – außer Campino. Weil er auf mich den Eindruck macht, als hätte er keinen Humor. Natürlich habe ich mit ihm noch nie Pie Face gespielt oder einen Bud Spencer-Film geguckt, aber wenn ich ihn in Talkshows etc. sehe, finde ich ihn so schrecklich humorlos. Wie so ein Wohnstuben-Punkrocker sagt er schlimme F-Worte und trägt zerschlissene Jeans, aber eventuell nur, damit die Mittfünfzigerin vor dem Fernseher sich erst schockiert die Hand vor den Mund schlägt, um dann mit dem Zeigefinger und einem verschwörerischen Blick, der „Du Schlingel“ sagt, keck zu drohen.

Und auf diesem Gedankengang begegnete mir ein Text, den ich vor langer Zeit über David Garrett geschrieben habe. Jetzt zitiere ich mich hochnäsig selbst:

„Wen ich richtig scheisse finde, ist, wie der aufmerksame Leser sich jetzt vielleicht schon denken kann, David Garrett. Noch schlimmer als Andre Rieu fiedelt dieser blonde Schönling sich durch Wetten, dass? und jede andere Show, deren Publikum gern mitklatscht und überwiegend aus Frauen besteht.
Sobald er die Geige aus dem Schwitzkasten nimmt, jammert er herum, dass er wegen ihr nie eine richtige Kindheit hatte und immer nur üben musste, um dann gleich wieder die Geige in den Schwitzkasten zu nehmen und, ganz frech und gekonnt, das Lieblingslied einer Dame in Satinbluse aus der ersten Reihe zu spielen, das er vorher, ein bisschen schüchtern, ein bisschen forsch, erfragt hat. Wenn es ihm nicht passt, dann kann er doch einfach damit aufhören, die Masturbations- und Schwiegersohnvorlage zu spielen. Dann hat er seine Ruhe, kann statt der Geige mal ein Buch in die Hand nehmen oder sich beim Hürdenlauf beide Hände brechen. Wenn er keinen Hürdenlauf machen will, kann er auch bei den falschen Leuten Schulden machen. Hauptsache, ich muss sein Metallica-Medley nicht mehr hören oder in seinen Ausschnitt gucken.“

Klingt doch irgendwie ähnlich, oder? Beide schmücken sich mit Totenkopfringen oder verrückten Haarfrisuren, stellen ihre Beine wütend auf Monitorboxen ab, aber trotzdem werde ich das Gefühl nicht los: Wenn es bei denen ans Eingemachte geht, dann ist eben wirklich Kompott gemeint.

Von David Garrett habe ich die letzten Jahre tatsächlich weder seinen Ausschnitt gesehen noch sein Metallica-Medley gehört, aber Campino habe ich mitbekommen. Wie er auf der Echo-Verleihung über Böhmermann gesagt hat, er sei ein „Arschloch, das sich nicht konstruktiv einbringen kann“, und dann aber doch nicht so meinte. Wie ein Halbstarker, der dem vorbeifahrenden Auto den Stinkefinger hinhält, dann setzt das Auto zurück und drin sitzt ein Muskelprotz oder die Cousine der Mutter und fragt, was denn los sei und es wird behauptet, man habe nur versucht, eine Biene zu verjagen.

Außerdem finde ich es tatsächlich ein bisschen blöd, Böhmermann, ob man ihn jetzt mag oder nicht, abzusprechen, was der die letzten Jahre für einen Wind gemacht hat. Auch Quatsch, bei dem ich manchmal gar nicht mehr genau weiss, wo hinten und vorne ist und wo Quatsch aufhört und was anderes anfängt, ist Wind. Und klar positionieren sich die Toten Hosen klar gegen Nazis und gegen Nazis. Aber ich wüsste jetzt nicht, dass wegen ‚Eisgekühlter Bommerlunder‘ über den Sinn oder Unsinn eines Gesetzes diskutiert wurde. Und wenn Campino damals Hasselhoff-mäßig behauptet hätte, die WM sei eigentlich wegen ‚Tage wie dieser‘ gewonnen wurden, wäre das ja auch Quatsch. Wobei, endlich mal. Ursprung der Beleidigtheit von Campino war übrigens, dass Böhmermann sich über die Band Aid-Neuauflage lustig gemacht hat. Campino war der Meinung, dass wegen Böhmermanns Lästerei und Coolnesszwang weniger Geld gesammelt werden konnte. Ich fand den Beitrag erheiternd wie erhellend und das Lied war jetzt auch nicht so mein Ding.

Hm. So dachte ich mich also durchs Bermuda-Dreieck der beleidigten und armen (Leber-)Würstchen und kam zu folgenden Entschlüssen.

  1. Es gibt nicht DEN Wind, um auf Dinge aufmerksam zu machen und etwas zu erreichen. Manche machen dadurch Wind, dass sie im Zickzack rennen und überall fächern (Böhmermann). Der Wind ist nicht NICHT da, nur weil jemand anders (Campino) Wind nur versteht bzw. besser findet, wenn er direkt von vorn kommt. Mir persönlich liegt diese Holzhammerei von Campino und der Musik seiner Band nicht so, aber trotzdem ist doch toll, dass er sich gegen Nazis und gegen Nazis positioniert. Wind in die richtige Richtung sollte doch eigentlich immer gut sein.
  2. Ich nehme ein bisschen zurück, was ich über Campino geschrieben habe. Nicht weil ich Angst habe, dass ich irgendwann mal einen Preis bekomme und er dann was Fieses zurücksagt, sondern weil ich es inzwischen meistens doof finde, Fieses über Leute zu sagen, die nicht wirklich fies sind.
  3. Anscheinend fand ich noch nicht immer gemein, Fieses über Leute zu sagen, die nicht wirklich fies sind. Deshalb nehme ich alles zurück, was ich über David Garrett geschrieben habe (außer, er hat seine Exfreundin wirklich so schlecht behandelt). Natürlich darf er jammern und natürlich darf er mit Metalketten und offenherzigem Seidenhemd Metallica-Lieder spielen und mittelalte Menschen zur Verzückung bringen.
  4. Ich fand schon immer die Ärzte besser.

 

  7 Replies to “Auf dem Gedankengang der hinkenden Vergleiche.”

  1. Werner
    11.5.2017 at 12:10

    …und schauspielern kann der liebe campino auch nicht. hab ihn leider mal als Mackie Messer gesehen. und sprechen? nö. sollte er auch lassen 🙂

  2. Geno
    13.5.2017 at 14:56

    Der lustige Schlagzeuger und „Wölli“ waren eine Person, die letztes Jahr verstorben ist.

    Aber ich mag die Ärzte auch lieber

  3. rike
    15.5.2017 at 08:54

    Tatsächlich wusste ich gar nicht mehr, welches Instrument Wölli gespielt hat. Aber ich meinte den schlagzeugenden Nachfolger, den ich irgendwann mal in einer Doku sehr freundlich fand. Vom Ritchie, sagt Google, heisst er.
    Aber ich mag auch immer noch die Ärzte lieber 🙂

  4. christina
    24.5.2017 at 11:16

    Die Bonbons heißen wie Campino: mit „o“ am Schluss 😉

  5. 24.5.2017 at 11:20

    Liebe Rike, du sprichst mir aus dem Herzen. Ich fand den Auftritt von Campino auch voll daneben, beleidigte Leberwurst eben. Deinen Text über David Garrett habe ich sehr gerne gelesen und habe laut gelacht. Wie schön, wenn man dieselben Antipathien teilt. Liebe Grüße von Laura

  6. rike
    24.5.2017 at 15:26

    Du hast so Recht! Campino. Ich war auf dem Holzweg zu den Milchprodukten. Danke dir!

  7. rike
    24.5.2017 at 15:27

    Ich finde den Text über David Garrett inzwischen ein bisschen gemein, aber leider auch immer noch ein bisschen lustig. Von daher lache ich gern mit dir zusammen <3

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.