Gruselschocker ab 2!

Wir wissen es nicht erst seit gestern: Alle Kinder sind verschieden. Meine auch, dabei sind es nur zwei. Der Große gruselte sich früher nicht so gern, aber die Kleine würde vermutlich jeden Tag betteln, endlich „Braindead“ sehen zu dürfen, wenn sie wüsste, dass es diesen Film gibt.
„Ich mag gruseln“ sagt sie fast so häufig wie „Ich mag laut“ oder „Ich bin ein Fledermaushäschenbaby“, wobei ich letzteres am Unheimlichsten finde, wenn ich genauer drüber nachdenke. Aber es geht hier ja nicht um mich, sondern um die Gruselbedürfnisse inzwischen beider Kinder. Hier stelle ich gleich meine liebsten Gruselbücher aus unserem Regal, sortiert nach Lesealter von sehr klein zu mittelgroß, vor. Aber vorher noch ein Gruselgif, das alles über meinen anspruchsvollen Humor sagt.

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Gruseln für Kinder ab 2:

Scheffler, Axel: Pip und Posy – Das Gruselmonster. Carlsen (2015), 7,99 €

Wer mit dem Gruseln gar nicht früh genug anfangen kann, kann hiermit gut anfangen.

Axel Scheffler ist für mich ein bisschen der Rupert Murdoch der Kinderbücher. An ihm geht kaum ein Weg vorbei, und wenn doch, steht da entweder gerade Riese Rick oder die Maus mit dem Grüffelo. Ich habe mich ein bisschen an den Illustrationen übersättigt, aber nichtsdestotrotz sind die Geschichten süss. Wie auch bei Pip und Posy, dem Hasen und der Maus, die Geschichten für sehr kleine Menschen erleben, unter anderem auch – hier bitte dramatische Suspense-Musik vorstellen – eine Gruselgeschichte. Und die geht so:

Ich wäre auch gern eine Maus mit Kleidung, die in einem Haus ohne Eltern wohnt. Dann wäre mir nämlich selbst langweilig, statt nur meinen Kindern, die mir das immer, immer, immer wieder sagen.

Egal. Posy ist also öde. Sie beschließt, Muffins zu backen.

Blaues Fell, macht Grrrr, wer kann das sein? Aggrobi vielleicht?

Posy hat richtig Schiss. Die Tür geht auf und ein brüllendes Monster stürmt rein. Posy muss weinen, sieht dann aber die Füsse des Monsters und merkt gleich: Das ist ja Pip, die alte Hundelunge. Pip entschuldigt sich und fragt Posy, ob sie mal das Monster sein will. Und ob!

Mein heimlicher Held der Pip und Posy-Serie ist übrigens der Frosch. Wie ein pubertierendes Kind, das offensichtlich lieber woanders wäre, wird er immer, immer, immer mitgeschleppt.

Am Ende essen beide die Muffins, die Posy gebacken hat und beide sind bester Laune. Was für ein Glück! Was für ein Glück auch, die Kleine dabei zu beobachten, wie sie sich gern gruselt. Sie liebt diesen Moment, wenn die Tür aufgeht und das Monster RAAAAAA brüllt. Ich vermute, sie fühlt sich so wie ich beim „Tanz der Teufel“-Gucken: ängstlich, aufgeregt und kichernd wegen Mut, Angst und Aufregung.

 

Gruseln ab 3 oder 4 (offiziell ab 5, aber die Kleine findet das schon lustig):

Rautenberg, Arne: Unterm Bett liegt ein Skelett. Gruselgedichte für mutige Kinder. Illustration: Budde, Nadia. Hammer Verlag. 13,90 €

Schade, dass der Verlagsmenschsname Peter ist und nicht MC.

Gleich beim Titel alles richtig gemacht. Denn wie kriegste Kinder dazu, was zu machen, was du willst? Rischtisch, mit Competition. Und wenn auf einem Buch steht, dass es ist für mutige Kinder ist, schreien wahrscheinlich selbst die buchhassendsten Lesemuffelkinder sehr laut HIER, weil, wenn sie nicht lesen, sind sie ja unmutig.

Auch sehr richtig: Nadia Budde als Illustratorin aussuchen. Sie ist nämlich sehr super, mein Lieblingsbuch von ihr ist übrigens „Großstadttiere“, bei dem ich sehr sehr viel gelacht habe. Checkt sie aus, aber lest hier vorher weiter über Gruselgedichte.

Der Mond geht heute als grimmiger Burt Reynolds, während der Teufel eher eine böse Frohnatur zu sein scheint. Chrchrchr bietet sich als das richtige Lachwort für ihn an.

Vollmond war ja damals mein absolutes Lieblingslied von Nena. Mit etwas Abstand kann ich sagen: Textlich finde ich das hier besser.

Die Gedichte sind nicht wirklich gruselig, sie haben eine lustige Auflösung oder werden gleich zu Beginn albern, so dass das Vorlesen Spaß allen macht. Trotzdem ist wegen der ganzen Gruselworte wie Skelett, Monster, Vollmond, Blut etc. jedes einzelne wie eine Mutprobe, zumindest für die Kleine, die immer ruft: NOCH EINS. ICH HABE GAR KEINE ANGST. Vielleicht ist sie bereit für die nächste Stufe?

 

Gruseln ab 6

Fromental, Jean-Luc: OH Schreck! Übersetzung: Naumann, Ebi, Illustration: Jolivet, Joëlle. Aladin Verlag. 18,00 €

Achtung! Hier haben sogar Skelette Angst! Gruselstufe 10!

Dieses Buch ist wirklich toll. Die Geschichte ist spannend, die deutsche Übersetzung ist prima gereimt, die Auflösung ist lustig, es gibt eine Lehre, und die Illustration ist Kunst. Die Geschichte beginnt folgendermaßen:

Wer war das? Wer hat die Frau so rüpelhaft umgemäht?

Niemand weiss, wer das war, aber alle wissen: es war jemand sehr Schreckliches. Es wurde nämlich nicht nur übelst umgeschmiert, sondern auch noch ein Knochen geklaut. Und das Schlimmste: dieses Monster schlägt immer immer wieder zu, auch und gerade, wenn keiner der Schädelbacher damit rechnet und einfach einen normalen Abend verbringen will, zum Beispiel im Club.

Der Türsteher ist der Vollheit des Clubs nach zu urteilen eher nicht berghainstreng.

Auch hier kommt das schlimme Wesen vorbei und klaut Knochen. Immer wieder schlägt es zu, und nach jedem Knochenklau wird das nie ertappte Wesen als noch größer und noch fieser und noch böser beschrieben. Irgendwann wird Sherlock Holmes gerufen, der dem monströsen Übeltäter das Handwerk legen soll. Aber der macht nicht genug!

Besorgte Bürger, äh, Skelette, fragen Fragen, wie sie auch mit Fackeln und Mistgabeln in Facebook-Kommentaren stehen könnten: „Warum versagt die Polizei?“ „In was für einer Welt leben wir eigentlich?“

Sherlock Holmes lässt sich nicht bange machen, sondern ermittelt ruhig und entspannt weiter. Ich möchte hier eigentlich gar nicht spoilern, weil ich das beim ersten Mal lesen so lustig und spannend fand. Nur so viel: Der Knochendieb war gar nicht so monströs, und er ist auf lustige Weise systematisch vorgegangen. Am Ende tauchen alle geklauten Knochen wieder auf und Sherlock hat noch einen schlauen Tipp für alle:

 

Sherlock weiss Bescheid: Immer erstmal locker durch die Hose atmen und nicht immer mit dem Schlimmsten rechnen.

Das Buch ist wirklich toll gestaltet, gereimt und ausgedacht. Nach dem Lesen hat der Große tatsächlich einfach nur beeindruckt „Cool“ gesagt. Dem „Cool“ habe ich nichts hinzuzufügen, ich würde eher noch ein „Arsch“ voranstellen.

 

Gruseln ab 8 (empfohlen ab 9, aber der Große liebt das auch mit 8):

Lüftner, Kai. Die Finstersteins – Wehe, wer die Toten weckt … Illustration: Bertrand, Fréderic. Coppenrath Verlag. Band 1. 12,99 €.

Spoiler: Es könnte sein, dass in diesem Buch Tote geweckt werden.

Kai Lüftner ist ein tätowierter Tausendsassa, den ich schon öfter mal abgefeiert habe. Er macht Musik und schreibt Bücher und bei allem Quatsch, den er macht, nimmt er Kinder wunderbar Ernst. Das bedeutet, dass man sich bei ihm nicht von Furzwitz zu Furzwitz lesen muss, sondern dass es in diesem Buch eine echte Handlung gibt, echte Probleme, echte Gespräche und echte Witze. Seine Sprache mag ich sehr, und das Vorlesen mag ich noch lieber (wir lesen gerade den zweiten Teil).

Es geht um folgendes: Fred wohnt mit seiner sehr coolen, schönen, allein erziehenden Mutter auf dem Friedhof und ist auch in der Schule eher von der sonderbaren Sorte. Fred findet das halbgut. Seinen Kumpel Franz, der noch sonderbarer ist, scheint das Außenseitertum hingegen gar nicht zu  stören. Auch nicht, wenn die beiden von den blöden Angeberspacken verkloppt und auch sonst schlecht behandelt werden.

Weil Fred ja auf dem Friedhof wohnt, entdeckt er eine Familiengruft mit Steinfiguren, und im Laufe der Geschichte findet er gemeinsam mit Franz heraus, wie sie die Figuren zum Leben erwecken.

Eben noch Stein, dann schon Klotz am Bein. So eine mehrere Hundert Jahre alte Familie mit Krokodil ist nämlich nicht so leicht zu verstecken.

Die Erweckung der Toten führt zu einigen Problemen und Erlebnissen. Peppi, das Leistenkrokodil der Finstersteins, taucht in der Schule auf, die Vorfahren des ätzenden Schulkloppers Aaron hatten nicht die beste Verbindung zu der wieder lebendigen Steinfamilie, und alles geht drunter und drüber. Liebe gibt es auch. Und Spaß. Der Große hat schwer mitgefiebert, und ich habe am meisten Spaß gehabt, die Chatprotokolle mit dem Großen in verteilten Rollen zu lesen (bestimmt gibt es da inzwischen ein viel neueres Wort für, aber hey, ich habe damals schon mit den Finstersteins Menuett getanzt).

Ich so. Er so. Ich so. Er so. Wir so: hähähähähähä.

Wie gesagt, dieses Buch ist in so einer angenehmen, lässigen Sprache verfasst. Darüber hinaus behandelt es für die Kinder wichtige Themen und steckt voller kluger, cooler Hinweise, ohne dass es rüberkommt wie eine Aufklärungssendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehen von 1996. Kai Lüftner ist ein Supertyp. Sein Herz ist am rechten Fleck und seine Lebenseinstellung für jedes Kind eine Bereicherung. Zum Glück schreibt er, so profitiert nicht nur sein eigenes, sondern auch alle anderen Kinder, die seine Bücher lesen. Huch, jetzt ist es schwärmerisch aber mit mir durchgegangen. Also schnell ein kleines Fazit: Wenn Fred allein in die Gruft geht und über den Friedhof und plötzlich Statuen lebendig werden, dann ist das wirklich scheisse gruselig.

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Ich danke dem Aladin und dem Peter Hammer Verlag für die Rezensionsexemplare. Die anderen habe ich selber gekauft.

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