Eltern-Bashing: Scheisse nicht erst seit 2011.

Immer noch sind die Medien voll mit Artikeln über Arschloch-Eltern und Kindern. Immer geht es darum, dass Eltern sich mit der Geburt ihrer Kinder für etwas Besseres halten, ihre hochbegabten Kinder viel zu wichtig nehmen und bis zum Anschlag fördern, ihre Umgebung so lange mit Bürgerbegehren und Unterschriftenaktionen ummodeln, bis alles verkehrsberuhigt, begrünt und biologisch ess- bzw. abbaubar ist.
Immer noch geht mir das auf die Nerven.

Erstens: Ganz bestimmt gibt es diesen Elterntyp wirklich, und die paar Male, die ich auf solche Eltern getroffen bin, fand ich die auch komplett scheisse. Ich verzichte jetzt auf Beispiele, weil es die gerade in diesen Artikeln bzw. in gehässigen Kommentaren schon viel zu viel zu lesen gibt, und es vermutlich immer die selben drei Elternpaare in Prenzlauer Berg waren, die nicht nur das Viertel, sondern eine ganze Nation aufmischen. Aaaaber: Diese Eltern waren ganz bestimmt auch schon scheisse, bevor sie Kinder hatten. Arschlöcher gibt es nun mal in jeder Gruppierung, unter Eltern ebenso wie unter BademeisterInnen oder Menschen mit Sommersprossen.

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Zweitens: Ich stand in der ersten Zeit mit Kind auch oft mit meinem Kinderwagen im Weg, und habe über presslufthämmernde Bauarbeiter geschimpft, weil mein Kind gerade eingeschlafen war. Aber nicht, weil ich mich als Königin meines hippen Viertels und meinen Spross als neue deutsche Elite gefeiert habe, sondern weil ich unfassbar müde und verpeilt war. Und noch weit vor der Müdigkeit kam bei mir die Unsicherheit. Vor lauter „Habe ich das jetzt richtig gemacht?/müsste ich jetzt nicht?/Bin ich eine schlechte Mutter, wenn ich ihn nicht zum Schlafen kriege?/HUAAAA!! ICH HABE KEINE AHNUNG, WAS JETZT RICHTIG IST!!!!“ war in meinem Kopf garantiert kein Platz mehr für elitäres Wunderkindsuperelterndenken.

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Will heißen, meine Beweggründe für Arschlochelternverhalten sind bei mir genauso wenig elitär wie beim Mann, der immer noch mitten auf dem Weg stehen bleibt, um dem Kind den Wunsch nach einem Stück Brezel zu erfüllen. Er macht das nicht, weil unser Spross ein tyrannisches Bestimmerkind ist, sondern weil er, ähnlich wie Monk, nur eine Sache gleichzeitig und eben erst dann weitergehen kann, wenn er das Brezelgeben von seiner imaginären To-do-Liste gelöscht hat. Aber klar, es stänkert sich natürlich aufmerksamkeitsstärker und moralischer gegen eine elitäre Meute, die Stadtviertel annektiert und allen Menschen die Welt erklärt und befiehlt als gegen müde, verpeilte, überforderte und unsichere Menschen (Eltern).

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Drittens: Ich halte mich überwiegend im Hamburger Schanzenviertel auf, in dem ja ähnlich schlimme Zustände herrschen sollen wie in Prenzlauer Berg. Klar sind hier auch Eltern unterwegs, die nicht mein Ding sind, aber so wenige, dass sie unter Nebenwirkungen der Elternschaft höchstens in die Kategorie „Sehr selten“ fallen würden. Aber es wird so viel Trara um sie gemacht, dass alle denken, diese nervigen Vögel lauern überall, was dafür sorgt, dass auf Spielplätzen fremde Eltern eher argwöhnisch angeglotzt und nicht entspannt in Ruhe gelassen werden. Ich muss mich selbst auch immer wieder neu zusammenreissen, Eltern, die ich nicht kenne, tolerant zu begegnen. Aber je offener ich bin, desto mehr treffe ich auf nette, ehrliche und tolerante Eltern. Auch auf der facebook-Seite zu meinem Buch mache ich die Erfahrung, dass alle ganz ohne Klugscheissen und Bevormunden unterschiedlicher Meinung sein können und sich trotzdem mögen.

Viertens: Ich wünschte mir auch, dass heutzutage Elternsein normaler wäre für Mütter wie mich. Aber das ist es nun mal nicht. Weil es nicht mehr wie früher das eine Richtig gibt, sondern Millionen Versionen davon, was dazu führt, dass ich es als Mutter nur falsch machen kann. Und ich könnte hier jetzt weitermachen und auch noch von Doppelbelastung, unzulänglicher Kinderbetreuung, dem Mutter-Dogma, den festgefahrenen Geschlechterverhältnissen oder einer neuen Generation von Zukunftsschissern schreiben. Aber dann würde wieder sofort jemand kommen und arrogant anmerken, dass ich aufhören sollte, auf so hohem Niveau zu jammern. Dabei ich will gar kein Mitleid. Ich will Verständnis und Toleranz.

Also, aufgebrachte Schubladenschmeisser: Ich bin der festen Überzeugung, dass die Zahl der echten Arschlocheltern so gering ist, dass es ein Leichtes wäre, sie zu ignorieren oder ihnen direkt zu sagen, dass sie was evtl. Doofes gemacht haben. Entweder antworten sie doof und sind es dann wahrscheinlich auch, oder sie werden sich aus blutunterlaufenen Augen „Huch“ rufen oder erklären, warum sie Angst um ihr Kind haben, müde sind und so weiter. Dann ist alles halb so wild und die Hasskommentare machen keinen Sinn mehr.

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Fünftens: Ziemlich schlechte Nachrichten. Dieser Text ist vom 14. November 2011. ZweitausendELF!! Das war vor sechs Jahren. Ich habe ihn eben in dem Textdokument gefunden, in dem alle Artikel meines eliminierten Blogs gespeichert sind. Und immer noch wird öffentlich rumgenölt und abgelästert über Eltern, die in den allermeisten Fällen ihr Bestes geben, was mit kleinen Kindern viel Geduld und wenig Schlaf bedeutet. Deshalb möchte ich zum Abschluss eines alten Beitrags auf einen neuen Text hinweisen. Er ist von Anja Maier, die einen Monat vor Entstehen dieses Textes, im Oktober 2011, das Buch „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter“ inklusive Elternbashing-Kapitel veröffentlich hat. Dieser Text erschien letzte Woche (2017) in der Zeit und heisst „Eltern sind übrigens auch Menschen“ und sieht inzwischen anscheinend viel anders. Das finde ich gut und das wünsche ich mir von anderen Menschen mindestens genau so sehr wie eine handgeschriebene Notiz von David Bowie.

  4 Replies to “Eltern-Bashing: Scheisse nicht erst seit 2011.”

  1. Uli
    21.4.2017 at 16:31

    Geht mir ähnlich, schlimm ist auch dieses „Kinder werden ja nur noch verhätschelt“, weil man heute mehr als zwei Kleidungsstücke hat, niemand mehr hungern muss und man Kinder womöglich mal mit dem Smartphone spielen lässt. Und auf der anderen Seite klagen dann ruheliebende Rentner erfolgreich gegen Kindereinrichtungen und Urlaubsresorts werben mit Kinderverboten. Dieses „wir gegen die“ ist mir völlig unverständlich, gefühlt wird unsere Gesellschaft immer intoleranter anstatt sich auch mal in andere hinein zu versetzen und (keuch!) womöglich miteinander zu sprechen.

  2. rike
    21.4.2017 at 16:34

    Ich will ja nicht spoilern (wohl), aber ein Kapitel in meinem nächsten Buch heisst so ähnlich wie „euer früher ist nicht mein jetzt“ und hat genau das zum thema. und diese ruheliebenden renter oder auch gern mal jüngere machen mich auch fertig. miteinander sprechen oder sich mal gedanklich in eine welt zu versetzen, die aus verschieden alten und verschieden lauten und so weiter menschen besteht halte ich da auch für eine ausgezeichnete idee <3

    liebste grüße!

  3. 21.4.2017 at 17:06

    Ich liebe Dich!

  4. rike
    21.4.2017 at 17:07

    und ich liebe dich zurück! habt ein schönes wochenende <3

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