#meintagohnemich, aber nichtmeintagohnesolidarität!

Am heutigen Frauentag hat das feministische Netzwerk Frauen dazu aufgerufen, darüber zu schreiben, was ohne sie los wäre.

Würde ich heute streiken, würde es niemandem auffallen.

Ich arbeite freiberuflich. Der Job, an dem ich gerade sitze, muss bis Freitag fertig sein, wann ich das mache, ist egal, da kann ich heute streiken, einem kotzenden Kind die Haare halten oder die Feminist, Queer and Trans Revolution Playlist hören, bis die Sonne zweimal untergeht. Und unsere zwei Kinder holt und bespaßt heute der Mann, wir teilen uns die Wochentage nämlich.

Würde ich heute streiken, würde das also weder der Auftrag gebenden Agentur, noch dem Mann oder den Kindern auffallen. Was mache ich jetzt?

Erstmal stelle ich fest, dass es mir mit meinem feministischen, diskussions- und veränderungsinteressierten Mann und meinen meistens lustigen Kindern sehr gut geht. Dazu kommen die für meinen Lebensmittelpunkt günstige Hautfarbe, meine Bildung und mein Job nebst Kontostand.

Trotzdem.

Trotzdem bin ich jeden Tag schockiert, wütend, traurig und fassungslos über Videos, Tweets, Posts und Nachrichten von Pussy Grabbern, Vergewaltigungen (bei denen die Täter, wenn sie weiss sind und gut schwimmen können, mit einem kleinen Dududu davonkommen), Gender Pay oder Gender Care Gaps, Sechsjährigen Mädchen, die schon verinnerlicht haben, dass Jungs angeblich klüger sind.  Von Revenge Porn, Hate Speech. Ich möchte vor Wut meine Faust aufessen, wenn ich lese, mit was für einem Scheiss sich viele alleinerziehende Mütter (und ein paar Väter) herumschlagen müssen, wofür sie sich gerade machen, obwohl sie weder Geld noch Zeit haben und sich dafür noch in der alleruntersten Schublade beleidigen und bedrohen lassen müssen. In die Finger beissen tu ich, wenn ich Eltern höre, die ihren Kindern sagen, sie sollen nicht weinen „wie ein Mädchen“ oder Kinder, die meinem Sohn sagen, dass pink eine Mädchenfarbe ist. Ich könnte ewig so weitermachen. Aber es soll ja nicht ewig so weitergehen.

Top 3 der von mir gesagten Sätze zum Großen: 1. Zieh deine Strümpfe an. 2. Alle dürfen alles. 3. Jeder hat seine eigene Welt.

 

Deshalb gehe ich heute auf den Sisters‘ March. Mit meinem Mann und meinen beiden Kindern. Und unseren Schildern. Ich will Menschen, meistens Männern, die Frauen nicht respektvoll und gleichberechtigt behandeln, zeigen, dass ich das nicht einfach so hinnehme. Auch, wenn es mich nicht immer direkt betrifft.

Ich will zeigen, dass ich solidarisch bin mit den Menschen, die von Ungerechtigkeit betroffen sind.

Und dass diese Solidarität wichtig ist, zeigt mir, wie ich auf sie reagiere. Als ich die Bilder vom Women’s March  gesehen habe, fühlte sich das an, als würde mir ein sehr schwerer Mensch (vermutlich männlich) von den Schultern genommen. Mir hat es, und das sage ich aus meiner privilegierten Position, bei jedem Bild vor Erleichterung und Empowerment die Tränen in die Augen geschossen. Wie geht es da erst denen, die nicht so bevorteilt sind wie ich? Und wer ist das überhaupt alles?

Zum Beispiel sind das wir Eltern. Wir sind verschieden und wir sind viele. Wir sind alle alle alle Familie. Wir sind feministisch. Wir leben mit BehinderungenWir bleiben mit den Kindern Zuhause, machen Karrierehaben Sex, den Grimmepreis, MS, sehr viel Humor.

Alle, die hier verlinkt sind und so viele mehr, die hier nicht verlinkt sind, machen mein Leben bunt und schön und unangenehm und nachdenklich und spannend und reich. Für genau diese Vielfalt gehe ich heute auf die Strasse. Ich will, dass alle leben können, wie sie wollen, ohne dafür belächelt, bestraft oder diskriminiert zu werden.

Was mein Sohn sagt. <3

Wer jetzt hier im Internet rumlächelt und sich fragt, was eine Demo bringen soll: Mut soll sie bringen. Sie soll Frauen jeder Religion und Hautfarbe, jeder sexueller Orientierung oder Zugehörigkeit zeigen, dass sie gesehen werden.

Solidarität macht stark und glücklich. Und das bin ich lieber als verbittert und online.

 

Und jetzt entschuldigt mich, mein Demonstrationszug kommt.

 

 

 

 

 

  2 Replies to “#meintagohnemich, aber nichtmeintagohnesolidarität!”

  1. 8.3.2017 at 21:08

    Viel heiterer und viel klüger, mit weniger egozentrischem Frust formuliert, was mich heute umtrieb. Mein Text kam nur über deinen ersten Absatz nicht hinaus, denn so privilegiert ich bin, so frustriert bin ich derzeit. Da muss ich mal messerscharf analysieren, dass ich mir wohl dann heute selbst am meisten leid tat. Zumindest ein bisschen.

    Herzlichst,
    Kerstin

  2. rike
    9.3.2017 at 11:30

    Liebe Kerstin, bei mir steigt die Empathie, die Heiterkeit und die Solidarität proportional dazu, wie ich mich gerade selber fühle. Da spielt mit rein, ob der Mann und ich gerade witzig und verliebt miteinander sind oder um Arbeitszeit feilschen. Oder ob die Kinder gemeinsam tanzen und sich schlapplachen oder ob beide nölig sind und mir keinen Raum geben für einen klaren kinderfreien Gedanken. Oder wie viel ich geschlafen habe. Manchmal schaffe ich es heiter, manchmal tu ich mir so leid, dass dein Text dagegen im Buch „Grenzenloser Optimismus für Honigkuchenpferde“ erscheinen könnte.
    Und wenn du gerade alles blöder findest, bin ich für dich mit solidarisch (auch mit dir) und umgekehrt ebenso.
    Ok?
    Komm, wir machen feministische Geckofaust <3

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