Gebastelt, fotografiert und für obersuper befundene Kinderbücher.

Während ich das schreibe, sitze ich im Dunkeln. Der Mann will eine Steckdose austauschen und hat die Sicherung rausgemacht und guckt sich, ebenfalls im Dunkeln, ein youtube-Video an, in dem jemand mit österreichischem Dialekt, wie eine Steckdose auszutauschen ist. Das hat nur insofern etwas mit meinem Thema zu tun, als dass meine Tastatur nicht beleuchtet ist und mir das Tippen Schwierigkeiten bereitet. Außerdem bin ich aufgeregt.

Heute stelle ich euch nämlich drei Bücher vor, von denen eines mein allerliebstes Lieblingsbuch ist. Liebling so wie in Nummer eins. Alle drei Bücher funktionieren nach einem von mir sehr gemochten Prinzip: sie wurden erst gebastelt und dann fotografiert. Es gibt bestimmt ein Fachwort dafür, aber leider weiss ich über entsprechende Fachtermini genauso wenig wie der Mann über Steckdosen. Deshalb fange ich lieber gleich an.

Antje Damm: Warten auf Goliath. Moritz. 2016. 36 Seiten. Empfohlen ab vier, aber für geduldige (hihi) 3jährige geht das auch.


Antje Damm ist für mich so etwas wie die Chefin das Genre, für das ich keinen Namen habe, und sie hat mit „Der Besuch“ einen echten Klassiker geschaffen. Sie hat aber auch noch mehr Bücher geschrieben, die sich lohnen. Ich stelle hier das neuere Warten auf Goliath vor, weil es neu ist und ich beim immer an einen Witz denken muss. Der geht ungefähr so, dass ein Typ vor seinem Haus eine Schnecke entdeckt und sie in hohem Bogen wegwirft. Ein halbes Jahr später klingelt es beim Typen an der Haustür, er macht auf, vor ihm steht die Schnecke und fragt sauer: „Was war das denn gerade?“ Vielleicht nicht der beste Witz, und irgendwie auch gar nicht so ähnlich.

Kann so gut warten wie meine Kinder ungeduldig sein: Bär.


Das Buch geht so: Bär ist mit seinem Freund Goliath verabredet, der ziemlich viel zu spät ist. Und wir reden hier nicht von Minuten oder Stunden, sondern gleich mal von Jahreszeiten. Der Bär macht sogar Winterschlaf zwischendurch, aber nie verliert er ein schlechtes Wort über seinen Freund Goliath, er ist voll des Lobes, weil Goliath unter anderem sehr stark ist und bis 18 zählen kann.

In der Zwischenzeit kamen (und gingen) ein Hund, ein Bus, eine Spinne und der Herbst vorbei.


Aber irgendwann, und da mag ich den Text besonders, weil Bär hört, dass Goliath kommt, weil es klingt, „wie wenn jemand mit der Hand über Papier streicht“, kommt Goliath. Goliath ist eine Schnecke und die beiden sind wirklich so freundlich und liebevoll miteinander, dass das Buch sich ein bisschen warm anfühlt.

Genau genommen der einzige Moment, in dem der Schneckenwitz ein bisschen so ähnlich ist wie das Buch. Immerhin.

 
Am Ende gehen die beiden Schaukeln und sind froh, dass sie sich haben. Und ich bin froh, dass ich dieses Buch habe. Weil so herrlich wenig passiert. Weil alles so liebevoll gebastelt ist und es Spaß macht zu entdecken, wie genau der Mülleimer an der Bushaltestelle aussieht zum Beispiel. Wer also ein Buch sucht, das schön ist und ohne viel Action auskommt, dabei aber die Augen liebevoll in den Arm nimmt, der oder die sollte mal gemeinsam mit den Kindern auf Goliath warten.


Kimiko, Margaux Duroux: Rotkäppchen und der böse Wolf. Pappbilderbuch. 26 Seiten. Ab 3.

Filzen im Sinne von hässliche Hausschuhe ist so gestern!


Ich mag eigentlich keine Märchen und gefilzte Dinge haben bei mir ungefähr denselben Stellenwert wie Selbstgebasteltes aus (Kron-)Korken. Dieses Buch erzählt das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf, und alle Figuren sind aus Filz. UND ES IST SO SUPER. Weil der Wald und das Licht der Hammer sind.

Ich liebe dieses Bild und möchte es in sehr groß irgendwo hinhängen, wo Platz ist. Leider spielt unsere Wohnung quadratmetermäßig in der Liga des Hauses der Großmutter.


Die Geschichte ist vermutlich allen kar. Rotkäppchen wird mit Kuchen und Butter losgeschickt zur kranken Großmutter. Auf dem Weg begegnet sie dem Wolf, der sich heimlich vor ihr auf zur Großmutter macht, vor der so tut als wäre er das Rotkäppchen, die Großmutter auffrisst, sich ins Bett legt und als Rotkäppchen kommt, als Großmutter ausgibt, den allseits beliebten Fragenkatalog („Warum hast du so große Derdiedas?“) beantwortet, um dann auch das Rotkäppchen zu fressen.

Die Brille auf sechs Uhr, die Frisur out of Bed, der Wolf hat sich stufenlos vom Tarn- in den Fressmodus geschaltet.


In einem actiongeladenen Finale kommt ein Holzfäller rein, den der schnarchende Wolf hellhörig gemacht hat (Action und Schnarchen passen hier übrigens wirklich gut zusammen). Der Holzfäller nimmt die Axt und holt Rotkäppchen und die Großmutter raus und alle sind froh. 

Das finde ich an Märchen ja immer so schräg. Sie sind blutrünstig und fies und ich wundere mich gleich doppelt, weil es erstens so ist und das zweitens keinen stört. Die Kleine findet das Aufaxten des Wolfes zum Beispiel gar nicht seltsam, sondern fragt mich nur jedes Mal, ob die Axt aus Knete gebastelt ist. Und bis jetzt hat sich außer mir noch niemand in dieser Familie gefragt, warum die Oma einen Topf Butter bekommt. Es scheint nicht wichtig zu sein.

Wichtig ist, dass die Bilder schön sind. Dass das Licht der Fotos im Wald so fröhlich macht und einem von selbst die Schuhe anzieht, damit es schneller raus geht. Oder dass die Körpersprache so super ist, auch und gerade, weil die Figuren als Filz sind. Das musst du auch erstmal schaffen. So fickeliensch (wer weiss, wie man das richtig schreibt, bitte einen Kommentar hinterlassen). Statt also über den aufgehackten Bauch des Wolfes zu reden oder darüber, ob Butter ein schönes Mitbringsel im Krankheitsfall ist, staunen wir über die kleinen Großmutterbadeschlappen aus Filz. Ach ja, was die Kleine wirklich aufregt, ist der Teil, in dem der Wolf sich als Großmutter bzw. Rotkäppchen ausgibt. Das macht sie wütend, und ich kann es ihr nicht zufriedenstellend erklären. Ihre Antwort bügelt das Thema aber auf schöne Weise vom Tisch: „Ich habe auch eine Rotkäppchenjacke“, sagt sie dann und rennt los, um sie anzuziehen. Und weil ich die Jacke selbst gestrickt habe, fühle ich mich auch gleich glücklich und ein bisschen bastelig.

Diese Jacke hat mich ähnlich viele Haare gekostet wie die Witzephase des Großen (aus denen ist die Jacke aber nicht gestrickt)

Baek Hee Na, Kim Hyang Soo: Wolkenbrot. mixtvision. 42 Seiten. Für Gernlesekinder ab 3.

Lieblingsbuch. Punkt.


Ich kann mich weder erinnern, wo ich das Buch herhabe noch wie oft wir es gelesen haben. Aber jedes Mal freue ich mich wie verrückt. Auch nach 5 Jahren noch und auch, obwohl die Kleine das Buch so sehr liebt wie der Große und ich mindestens vier Millionen Mal gelesen habe. Die Geschichte hat die Kleine letzt unaufgefordert am Frühstückstisch zusammengefasst und ich habe mich deshalb vor Glück und Begeisterung kurz in meinem Kaffee aufgelöst:

„Mama, wenn wir eine Wolke in einem Baum finden, dann zupfen wir sie ab und bringen sie nach Hause. Dann machst du Brötchen daraus und die schweben dann. Und wir auch.“ Genau das passiert. Die zwei Geschwisterkatzen gehen morgens bei schlechtem Wetter raus, finden eine Wolke und bringen sie zur Mutter, die macht Brötchen draus, die werden gegessen und dann schweben alle. 

Diese Details. Diese gebastelte Liebe. Diese Tiefe. Diese virtuose Verwendung von Unschärfe und Schärfe. Dieses ALLES. IST. SO. GROSSARTIG.

Nur der Papa hat nichts von den Wolkenbrötchen, der ist nämlich zu spät zur Arbeit dran und kann keine essen. Deshalb fliegen die beiden Geschwisterkatzen hinterher und bringen ihm welche in den Linienbus. 

Die Fensterscheibe vom Bus ist beschlagen und hat Kondenstropfen, ey. Ich weiss sogar, wie es in dem Bus riecht. Und wie die Stimme vom Papa ein bisschen dröhnig klingt.


Nach dem Verzehr eines Wolkenbrötchens kann der Papa zur Arbeit fliegen und kommt gerade noch pünktlich an. Seine beiden Katzenkinder fliegen zurück und essen auf dem Dach noch mehr Brötchen. Ende.

Ein bisschen Action gibt es dank haarscharf verpassten Stromkabeln. Und viel Glück durch perfekte Bilder.


Wolkenbrot ist mein absolutes Lieblingsbuch. Die ganzen gebastelten Details kann ich mir ewig angucken; wie die Klamotten gebastelt sind, die Möbel, die Gesichter, alles. Jede Seite zeigt mir nicht nur, wie sie aussieht, sondern wie sie riecht, wie warm es im Zimmer ist, wie die Stimmen klingen, in diesen Seiten schwingt wirklich alles mit, und das habe noch bei keinem anderen Buch so erlebt. Klar kann man jetzt diskutieren, ob das Familienbild zu klassisch ist, weil der Papa im schwarzen Anzug arbeiten geht und die Mutter eine Schürze trägt, aber das ist mir in diesem Fall egal. Dafür trage ich eben nie eine. Sondern schwärme meinen Kindern von dem Buch vor und gucke mir jede Seite so genau an, wie ich es das letzte Mal wahrscheinlich als Kind gemacht habe. Ich weiss genau, wie die Wolkenbrötchen nach dem Abbeißen aussehen, wie herrlich perfekt schief die Fenster oder das Kaffegeschirr oder alles andere ist.

Wisster was? Dieses Buch ist perfekt. Kauft es euch und liebt es auch.
P.S.: Kauft die Bücher gern in einem echten Laden.

P.P.S.: Ich danke den Supermenschen vom Moritz Verlag für die Zusendung der Bücher.

  2 Replies to “Gebastelt, fotografiert und für obersuper befundene Kinderbücher.”

  1. 15.12.2016 at 21:12

    Meine Liebe, vielen Dank für diese tolle Buchvorstellung! Ich kenne genau keins von denen und werde mindestens zwei direkt kaufen müssen, aber das geht bei deiner liebevollen und lustigen Beschreibung auch gar nicht anders. Hab direkt Appetit auf Wolkenbrötchen…

    Liebste Grüße und vielen Dank, ac

  2. rike
    16.12.2016 at 10:04

    danke, liebe ac! ich drück euch alle <3

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