Demonstrationsstatus: Es ist kompliziert.

Vor einiger Zeit begegnete ich im Internet diesem kleinen Jungen, der ein Schild in der Hand hielt. Viele finden das süss und ich irgendwie auch, weil es mir Hoffnung macht, dass in der Zukunft nicht alle jungen Erwachsenen so verstrahlt sind wie die Praktikantin beim Bäcker heute, die bei der Fachverkäuferin nachfragen musste, welches denn die Laugenbrötchen sind.

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Allerdings ist es ja mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so, dass der Junge nicht aus Bestürzung über die Wahlen ein großes Blatt gesucht und dann seine eigene persönliche Botschaft selber draufgemalt hat. Das war wohl eher ein Erwachsener. Und irgendwie finde ich das blöd.

Klar, wer meinen Sohn fragt, wie er Trump findet, wird auch ein „Es ist echt schlimm, dass er Präsident geworden ist!“ zur Antwort bekommen, aber das ist eben nicht nur seine Antwort, sondern größtenteils unsere. Und so wichtig wir es mir ist, ihm eine menschenfreundliche Gesinnung in die Lunchbox des Lebenswegs zu legen, so wenig möchte ich ihn für meine Ziele instrumentalisieren. Weil ich dann sofort an diese verrückten Nazis denken muss, die ihren Kinder auch ihre „Meinung“ eintrichtern, die dann so indoktriniert in der Schule nicht neben Kindern mit anderer Hautfarbe sitzen wollen. Die sehen dann nämlich später Fotos von sich und denken (hoffentlich): „Oh mein Gott, meine Eltern haben mich total für ihre menschenverachtende Ideologie missbraucht.“

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Die eigentliche Botschaft könnte auch so aussehen. (Achtung, es handelt sich um eine aufwändige Fotomontage)

Aber was ist jetzt richtig? Alle Eltern denken ja, ihre Meinung stimmt. Ich auch. Zum Beispiel, wenn ich plane, mit zwei Kindern demonstrieren zu gehen. Mir ist nämlich wichtig, dass meine Kinder neben allen Kindern sitzen wollen und wissen, dass kein Mensch irgendwie besser ist, weil er weiss oder orange ist oder reich oder (k)einen Penis hat. Und dass wir Menschen in Not helfen, wenn wir können. Ihr wisst schon, die ganze Gutmenschenklaviatur rauf und runter – für mich klingt das nämlich nicht eklig, sondern nach einer schönen Welt, und die wünsche ich mir für meine Kinder.

Falsch finde ich allerdings, sich die Niedlichkeit und Unschuldigkeit der Kinder zu schnappen, ein Plakat vor sie zu klemmen und es von der ganzen Welt fotografieren zu lassen. Aber wer weiss, vielleicht hat der Junge auch alles selbst entschieden und kandidiert bereits irgendwo als Bürgermeister. Ach, es ist kompliziert.

Als wir vor einiger Zeit mit der ganzen Familie beim Schilderbasteln für den Sisters March waren, da war der Große lange aus meinem Sichtfeld verschwunden, während ich versuchte, die Kleine davon abzuhalten, so gar nicht sistersmäßig die Tochter einer Freundin anzupöbeln. Als der Große wieder auftauchte, zeigte er mir, was er die ganze Zeit gemacht hatte – Schilder:

Ich war in love und stolz. Aber es war wieder kompliziert. Ich habe ihm kein vorgeschriebenes Schild in die Hand gedrückt, aber irgendwie ja meine Meinung, oder? Aber, ey, die ist doch voll richtig! GNAAA! Zum Glück haben mich zur Ablenkung alle anwesenden Menschen gefragt, ob sie Fotos machen dürfen und sie mir gezeigt, bevor sie gepostet wurden. Weil ich zwar stolz auf den Großen war, aber ihn nicht durch die ganze Welt posaunen wollte. Und während ich noch feuchte Augen hatte, beantwortete ich mir die Frage, wie wertfrei meine Kinder bei uns aufwachsen, mit einem klaren: Gar nicht.

Weil wir unseren Kindern jeden Tag etwas erklären oder vorleben, das politisch ist, und zwar privat und politisch. Dass Aussehen kein Bewertungskriterium für Menschen ist und deshalb dick oder bunte Haare oder eine Behinderung einfach eine Beschreibung aber keine Verurteilung sind. Dass es keine Sachen nur für Jungs oder nur für Mädchen gibt. Dass es nicht ok ist, andere Menschen schlecht zu behandeln. Oder Gewalt anzuwenden. Sowas.

Und jetzt wird es wieder kompliziert. Weil in Hamburg dieses Wochenende der G20-Gipfel stattfindet. Ich persönlich halte es für verrückt, den Gipfel hier zu machen, auch wenn ich mich dabei wie eine Eppendorferin mit Montcler-Jacke fühle, die keine Unterkunft für Geflüchtete in ihrer Nachbarschaft will. Aber hier wohnen so viele Menschen, so viele Kinder, die, gelinde gesagt, irritiert sind von der vielen Polizeipräsenz, den kreisenden Hubschraubern und den Wasserwerfern, die hier rumstehen (und die letzten Tage leider auch schon aktiv waren). Läden werden vernagelt, viele machen tagelang dicht und die Schule legt nah, die Kinder Donnerstag und Freitag nicht zu bringen. Wir fühlen uns in unserer eigenen Stadt nicht willkommen, und das ist ein wütendes Scheissgefühl, bei dem mein erster Impuls wäre, Tag und Nacht auf der Strasse zu verbringen und zu demonstrieren. Aber weil die Lage so unberechenbar ist und mir das für meine zwei kleinen Supermenschen zur riskant ist, werden wir, wie so viele andere, die Stadt verlassen.

Aber nicht, ohne zumindest ein kleines Zeichen dazulassen. Womit wir wieder bei den Schildern und den Kindern wären. Sie haben wieder ordentlich mitgemischt:

Krikelakrak meets Bei-Den-Eltern-Aufgeschnapptes.

Wenn dafür mal nicht der Botschafter einbestellt wird. Aber hey: es ist Schreibschrift!

Weil wir im 5. Stock wohnen und ich für das Protestieren mit den Kleinen in dieser Woche tatsächlich zu ängstlich bin, wird niemand diese Botschaften lesen können. Sie liegen unkommentiert auf dem Esstisch. Ich werde sowieso mit den Kindern nicht viel über G20 reden, weil ich das für mich selbst schon so kompliziert finde. Ich bin prinzipiell für G20, aber nicht hier und auch nicht so, weil es zu wenig solidarisch und weltfreundlich ist. Aber natürlich bin ich gegen die Politik von Erdogan, Trump oder Putin. Ich bin nicht pauschal gegen die Polizei, aber wütend über deren Vorgehensweise der letzten zwei Tage. Da kann ich die Autonomen sogar verstehen, wenn sie aus Wut vielleicht Autos oder Scheiben kaputt machen, was ich natürlich aber auch irgendwie gar nicht kann, weil es die Autos und Scheiben von uns und unseren Freunden sein können.

Als ich also gestern überlegt habe, was ich in unser Fenster klebe, habe ich den kleinsten gemeinsamen Nenner gefunden, den ich auch den Kindern gut erklären kann: PEACE, LOVE and KLOBÜRSTEN.

Passt auf euch auf!

 

  2 Replies to “Demonstrationsstatus: Es ist kompliziert.”

  1. 26.11.2016 at 00:47

    Meine Kinder bekommen vor allem Hörschutz, wenn es auf Demos geht, dann kann man sich auch mal den Samba-Trommeln oder den Trillerpfeifen annähern. Das letzte Mal, dass hier jemand instrumentalisiert wurde, war es die Puppe der Großen. Die bekam direkt ein kleines Pappschild umgehängt mit dem Slogan „Puppen gegen Nazis“. Wurde gerne fotografiert, aber es wurde vorher gefragt.

  2. rike
    26.11.2016 at 10:24

    Gibt es das Foto irgendwo anzugucken? Diese großartige Puppe würde ich sehr gern mal sehen.

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